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Hilfe gegen graue Haare ist leere Behauptung

Doch kein Mittel gegen Ergrauen

Doch kein Mittel gegen Ergrauen

An den Haaren herbeigezogen ist die Behauptung (Woman.at), Forscher hätten ein Mittel gegen das Ergrauen gefunden. In der beschriebenen Studie haben Wissenschaftler lediglich die Ursachen für eine Pigmentstörung mit weißen Hautflecken untersucht.

 
 
 

Zeitungsartikel: Graue Haare sind ab jetzt Vergangenheit, (21.5.2013, Woman.at)
Frage:Kann ein Anti-Oxidationsmittel wie z.B. Pseudokatalase das Ergrauen der Haare aufhalten oder rückgängig machen?
Antwort:Diese Fragestellung ist bisher nicht wissenschaftlich untersucht worden und lässt sich daher nicht beantworten.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Eine Therapie gegen eine Pigmentstörung könnte auch bei altersbedingt ergrauten Haaren angewendet werden, schreibt Woman.at. Dabei bezieht sich die Online-Ausgabe der Frauenzeitschrift auf die Ergebnisse einer unlängst veröffentlichten Laborstudie [1]. Ein deutsch-britisches Forscherteam hat darin herausgefunden, dass bei der altersbedingten Entstehung grauer Haare möglicherweise ein ähnlicher Prozess abläuft wie bei der Pigmentstörung Vitiligo.

Bei dieser Pigmentstörung bilden sich in unterschiedlichem Ausmaß weiße Flecken auf der Hautoberfläche. Befinden sich in diesen Hautregionen Haare, können sich diese ebenfalls weiß verfärben. Mit etwa einer betroffenen Person unter 100 ist Vitiligo verhältnismäßig häufig. In seltenen Fällen kann auch die gesamte Körperoberfläche vom Pigmentverlust betroffen sein, bekanntestes Beispiel ist der verstorbene Popstar Michael Jackson [4]. Die Ursache für Vitiligo ist nicht bekannt, wahrscheinlich handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Dabei wendet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper und greift pigmentproduzierende Zellen (Melanocyten) in der Haut und in den Haarwurzeln an [5].

Anti-Vitiligo-Mittel bei altersgrauen Haaren nicht untersucht

Sowohl in Haarfolikeln von altersbedingt weißen Haare wie auch bei den für Vitiligo typischen weißen Hautflecken haben Wissenschaftler zwei chemische Verbindungen als Auslöser entdeckt: Wasserstoffperoxid und Peroxynitrit [1] [2]. Diese Verbindungen entstehen natürlich, aufgrund fehlender Abbauenzyme (z.B. Katalase) sammeln sie sich aber in erhöhten Konzentrationen in Haut und Haarfollikeln an und stören die Produktion des Pigments Melanin. Zumindest Wasserstoffperoxid könnte auch die Ursache für das Ergrauen im Alter sein. Gesichert ist das aber nicht. Warum genau unsere Haare im Laufe des Lebens ihre Farbe verlieren, ist Forschern bis heute unklar.

Bei fünf von zehn Patienten mit sogenannter segmentaler Vitiligo konnten die Studienautoren die ursprüngliche Färbung betroffener Hautregionen und Wimpern teilweise wiederherstellen. Dazu verwendeten die Wissenschaftler eine Creme mit dem Wirkstoff Pseudocatalase, welcher Wasserstoffperoxid abbaut. Ob Pseudokatalase auch altersbedingt ergrauten Haaren (die nur grau erscheinen, in Wirklichkeit aber weiß sind) ihre Farbe wieder zurückgeben können, ist bisher nicht untersucht worden. Medienberichte, die baldige Abhilfe gegen das Ergrauen versprechen, sind reine Spekulation.

Hilfe bei Vitiligo

Auch zur Behandlung von Vitiligo ist die Wirksamkeit einer Pseudokatalasecreme bisher nicht ausreichend in klinischen Studien untersucht [3]. Zudem ist die Creme nur wenig stabil und nicht käuflich erhältlich [5]. Am häufigsten behandeln Mediziner die Krankheit mit ultraviolettem Licht. Eine Therapie mit kurzwelligem ultraviolettem Licht (UV-B Strahlung) kann zu einer Besserung führen. Alternativ kann auch längerwelliges UV-A Licht in Kombination mit lichtsensitiven Wirkstoffen helfen.

Wie bei vielen Autoimmunerkrankungen hilft Cortison in Form einer Creme, hat aber von allen Behandlungen die meisten Nebenwirkungen [3]. Eine andere Möglichkeit ist die Behandlung mit sogenannten immunmodulierenden Substanzen wie etwa Tacrolimus – diese können in Kombination mit UV-Licht allerdings möglicherweise Hautkrebs auslösen.

Eine Heilung oder hundertprozentig effektive Behandlung für Vitiligo existiert bis heute jedoch nicht.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Schallreuter u.a. (2013)
Studientyp: Laborexperimente und Fallserie
Studienteilnehmer: 10 Personen mit segmentaler oder gemischter Vitiligo sowie 5 gesunde Vergleichspersonen
Fragestellung: Sind oxidative Mechanismen bei segmentaler Vitiligo beteiligt und lassen sie sich durch Pseudokatalase-Aktivität rückgängig machen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Schallreuter KU, Salem MA, Holtz S, Panske A. Basic evidence for epidermal H2O2/ONOO–mediated oxidation/nitration in segmental vitiligo is supported by repigmentation of skin and eyelashes after reduction of epidermal H2O2 with topical NB-UVB-activated pseudocatalase PC-KUS. FASEB J. 2013 Apr 29. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Wood u.a. (2009)
Studientyp: Laborstudie
Fragestellung: Ist altersbedingtes Ergrauen der Haare die Ursache von oxidativen Vorgängen durch Wasserstoffperoxid?
Mögliche Interessenkonflikte: Studie unter anderem finanziert durch Stiefel Laboratories Inc (eine Unterfirma von GlaxoSmithKline)

Wood JM, Decker H, Hartmann H, Chavan B, Rokos H, Spencer JD, Hasse S, Thornton MJ, Shalbaf M, Paus R, Schallreuter KU. Senile hair graying: H2O2-mediated oxidative stress affects human hair color by blunting methionine sulfoxide repair. FASEB J. 2009 Jul;23(7):2065-75. (Studie in voller Länge)

[3] Whitton u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane-Collaboration
Eingeschlossene Studien: 57 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer insgesamt: 3139
Fragestellung: Wirksamkeit von Interventionen bei Vitiligo
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben
Whitton ME, Pinart M, Batchelor J, Lushey C, Leonardi-Bee J, González U. Interventions for vitiligo. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Art. No.: CD003263. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[4] CNN. Autopsy reveals Michael Jackson’s secrets. Aufgerufen am 8. 8. 2013 unter http://edition.cnn.com/2013/05/07/showbiz/jackson-death-trial/index.html

[5] Goldstein BG, Goldstein AO (2013). Vitiligo. In Corona R (ed.). UpToDate. Abgerufen am 30.7.2013 unter http://www.uptodate.com/contents/vitiligo