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Heuschnupfen: Durchatmen dank Spritze?

Heuschnupfen kann die Frühlingslaune ordentlich trüben

Heuschnupfen kann die Frühlingslaune ordentlich trüben

Frühling ist Heuschnupfen Saison. Eine Hyposensibilisierung kann helfen, dem Dauerniesen bei Pollenallergie zu entkommen. Unklar ist aber, wie groß der Effekt ist.

Frage:Kann die Injektion von allergieauslösenden Pollen-Bestandteilen (subkutane Hyposensibilisierung oder Immuntherapie) Symptome von Heuschnupfen lindern?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Bei Heuschnupfen durch Gräser-, Baum- oder Ragweed-Pollen kann eine Hyposensibilisierung wahrscheinlich helfen. Allerdings fehlen derzeit aussagekräftige Studien darüber, wie lange dieser Effekt anhält und wie gut diese Behandlung bei Kindern wirkt. Außerdem ist die Wirksamkeit je nach Zusammensetzung des eingesetzten Produkts unterschiedlich.

Wenn der Schnee schmilzt und das erste Grün sprießt, regen sich bei den meisten von uns Frühlingsgefühle. Bei Menschen mit Heuschnupfen hält sich die Freude jedoch in Grenzen. Sie verbinden diese Zeit mit Niesorgien und juckenden, verschwollenen Augen.

Rund jeder sechste Österreicher reagiert auf Blüten-, Baum oder Gräserpollen allergisch. Diese verursachen eine übertriebene Abwehrreaktion des Körpers. Gelangen die Pollen in Augen oder Nase, bildet das Immunsystem Antikörper, um die vermeintlichen Eindringlinge zu bekämpfen. Bei einer Pollenallergie schüttet der Körper unter anderem Histamin aus, das für die typischen Symptome von Heuschnupfen verantwortlich ist [4] [5] [6] [7].

Spazieren gehen ohne Niesanfälle oder beschwerdefrei in einer blühenden Blumenwiese liegen – das sind oft Wunschgedanken von Heuschnupfen-Geplagten. Allergie-Medikamente wie Antihistaminika oder Cortison helfen, die Pollenzeit einigermaßen zu überstehen. Zudem sollten Betroffene spezielle Verhaltensmaßnahmen berücksichtigen, um den Pollen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Wenn das alles nichts nützt, empfehlen Ärzte mitunter eine Hyposensibilisierung in Form einer Spritzenkur [2] [3] [5].

Keine Impfung gegen Heuschnupfen

Die oft auch als „Allergieimpfung“ bezeichnete Hyposensibilisierung kann helfen, dem Körper die überschießende Abwehrreaktion abzugewöhnen. Sie bekämpft damit nicht nur die Symptome von Heuschnupfen, sondern auch dessen Ursache. Eine Impfung im klassischen Sinne ist es aber nicht: Bei einer Impfung werden vom Immunsystem Antikörper gebildet, um im Ernstfall Krankheitserreger eliminieren zu können. Bei der Hyposensibilisierung soll der Körper lernen, nicht überschießend auf die allergieauslösenden Stoffe (Allergene) zu reagieren.
Dabei werden den Betroffenen immer wieder kleine Mengen des Allergens gespritzt, das Immunsystem lernt, die Allergie-auslösenden Stoffe besser zu tolerieren [1] [3] [5] [7]. Können Heuschnupfen-Patienten dank der Hyposensibilisierung tatsächlich wieder aufatmen?

Erfolg hängt vom Präparat ab

Prinzipiell deuten die Ergebnisse der bisher veröffentlichten Studien darauf hin, dass eine Hyposensibilisierung bei Allergien gegen bestimmte Baum-, Gras- oder Ragweed-Pollen helfen kann. Die Beschwerden werden geringer, und viele Betroffene können danach auch ihre Allergiemedikamente reduzieren. Allerdings erzielt nicht jedes Produkt zur Hyposensibilisierung den gleichen Erfolg. Dieser hängt stark von der Zusammensetzung und dem Herstellungsverfahren des jeweils verwendeten Allergenpräparates ab [1] [5].

Auch ist in den vorliegenden Studien die optimale Dosierung des jeweiligen Allergens nicht gut untersucht. Über welchen Zeitraum sich Heuschnupfen-Patienten einer Spritzenkur unterziehen sollten, ist ebenso unklar wie die Frage, wie lange ein etwaiger Erfolg anhält. Zur Wirksamkeit bei Kindern kann noch nicht so viel gesagt werden; die hierzu vorhandenen Untersuchungen sind meist von schlechter methodischer Qualität [1] [5] [8] [9].

Langwierige Behandlung

Eine Hyposensibilisierung hat meistens keine groben Nebenwirkungen. Relativ häufig klagen Betroffene über eine Rötung und Schwellung der Einstichstelle. In seltenen Fällen kann es zu schweren allergischen Reaktionen nach der Allergen-Injektion kommen. Aus diesem Grund sollten nur speziell geschulte Ärzte mit entsprechender Notfallausrüstung die Hyposensibilisierungs-Spritze verabreichen [5] [11]. Damit dem Betroffenen im Notfall sofort geholfen werden kann, sollte dieser nach der Spritze für mindestens 30 Minuten im Wartezimmer bleiben.

Eine solche Spritzenkur dauert in der Regel drei bis fünf Jahre – auch wenn die notwendige Dauer bislang nicht durch gut durchgeführte Studien bestimmt werden konnte. In dieser Zeit muss sich der Heuschnupfen-Geplagte zunächst einmal pro Woche und nach einiger Zeit alle vier bis acht Wochen die Allergie-Spritze verabreichen lassen. Wegen der ständigen Arztbesuche, dem damit verbundenen Zeitaufwand und der Angst vor möglichen Nebenwirkungen brechen viele Betroffene die Hyposensibilisierung oft frühzeitig ab [3] [5] [6] [11].

Tablette statt Nadel

Wesentlich praktischer und mit weniger unerwünschten Wirkungen behaftet ist die sublinguale Immuntherapie – eine Hyposensibilisierung ohne Nadel. Bei dieser Therapieform legen sich die Heuschnupfen-Geplagten die allergieauslösende Substanz in Tabletten- oder Tropfenform unter die Zunge. Die Allergene werden so von der Mundschleimhaut aufgenommen.

Häufig müssen Patienten auch bei dieser Immuntherapie mit einem vorübergehend auftretendem Juckreiz und Schwellungen im Mund-Rachenbereich rechnen. Schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen sind allerdings sehr selten. Ob die sublinguale Hyposensibilisierung bei Heuschnupfen genauso gut wirkt wie die Spritze, muss noch in gut durchgeführten Studien geklärt werden [1] [3] [6] [7] [11].

 

Die Studien im Detail

Ein generelles Manko bei der klinischen Forschung zur Hyposensibilisierung bei Heuschnupfen ist der große Unterschied zwischen den einzelnen Studien. Teilweise haben die Studienleiter völlig unterschiedliche Parameter dafür untersucht, was eine Besserung der Pollenallergie ausmacht. Neben unterschiedlichsten Symptomen von Heuschnupfen und der Menge der verbrauchten Allergie-Medikamente werden auch die Lebensqualität und manchmal sogar wenig aussagekräftige Laborwerte herangezogen. Somit ist ein Vergleich der vorhandenen Studien schwierig. Unterschiede bei der Zusammensetzung und der Herstellung der Produkte erschweren eine solide Beurteilung zusätzlich [1] [5].

Die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit des Cochrane Netzwerks aus dem Jahr 2009 werteten die Ergebnisse von insgesamt 51 randomisierten kontrollierten Studien aus [1]. 2871 Patienten, die an Heuschnupfen litten und auf Pollen von Gräsern, Bäumen oder Ragweed allergisch reagierten, erhielten entweder eine subkutane Hyposensibilisierung, oder sie bekamen ein Scheinmedikament gespritzt. Bei jenen, die tatsächlich eine Allergen-Spritze erhalten hatten, besserten sich die Allergie-Symptome signifikant. Auch der Bedarf an Allergie-Medikamenten reduzierte sich.

Die Autoren weisen allerdings auf teils große Unterschiede in den einzelnen untersuchten Studien hin. So wurden verschieden zusammengesetzte Allergen-Präparate in unterschiedlicher Dosierung verwendet. Auch die Dauer der Spritzenkur schwankte mit einem Zeitrahmen von drei Tagen bis zu drei Jahren erheblich.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Diese attestierte vor allem Präparaten, die nur ein Allergen enthalten, gute Erfolge. Allerdings sind auch in dieser Arbeit die teils großen Unterschiede bei den untersuchten Studien Gegenstand von Kritik [2].

(AutorIn: C. Christof, Review: J. Wipplinger)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Calderon u.a. (2007)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Inkludierte Studien: 51 randomisierte kontrollierte Studien ( davon 15 in Metaanalyse)
Teilnehmer: 2871 Patienten mit Allergie gegen Gräser-,Bäume oder Ragweed Pollen.
Fragestellung: Wirkung und Nebenwirkungen der subkutanen Immuntherapie bei saisonaler allergischer Rhinitis?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Calderon MA, Alves B, Jacobson M, Hurwitz B, Sheikh A, Durham S.,Allergen injection immunotherapy for seasonal allergic rhinitis.Cochrane Database Syst Rev. 2007 Jan 24;(1):CD001936. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Erekosima u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Inkludierte Studien: 61 randomisierte kontrollierte Studien ( davon 23 zu allergischer Rhinitis und 26 zu allergischer Rhinitis +Asthma)
Teilnehmer: 4589 Patienten mit Allergie gegen Gräser-,Baum oder Ragweed Pollen.
Fragestellung: Wirkung und Nebenwirkungen der subkutanen Immuntherapie bei saisonaler allergischer Rhinitis und Asthma?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Erekosima N, Suarez-Cuervo C, Ramanathan M, Kim JM, Chelladurai Y, Segal JB, Lin SY.Effectiveness of subcutaneous immunotherapy for allergic rhinoconjunctivitis and asthma: a systematic review. Laryngoscope. 2014 Mar;124(3):616-27. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3]Radulovic u.a. (2010)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit
Inkludierte Studien: 60 randomisierte kontrollierte Studien
Teilnehmer: 3577 Patienten mit Allergie gegen Gräser-,Baum oder Ragweed Pollen.
Fragestellung: Wirkung und Nebenwirkungen der sublingualen Immuntherapie bei saisonaler allergischer Rhinitis und Asthma
Mögliche Interessenskonflikte: Die Hauptautorin hat in der Vergangenheit finanzielle Zuwendungen durch ITN (Immune Tolerance Network) erhalten, ein anderer Autor durch die Firma ALK Abello, Horsholm in Dänemark, einem Hersteller von Allergenextrakten.

Radulovic S, Calderon MA, Wilson D, Durham S., Sublingual immunotherapy for allergic rhinitis. Cochrane Database Syst Rev. 2010 Dec 8;(12):CD002893. doi: 10.1002/14651858.CD002893. Review. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[4] Dorner u.a. (2007)
Dorner T, Lawrence K, Rieder A, Kunze M. Epidemiology of allergies in Austria. Results of the first Austrian allergy report. Wien Med Wochenschr. 2007;157(11-12):235-42. (Zusammenfassung)

[5] UpToDate (2015)
Peter S Creticos, Subcutaneous immunotherapy for allergic disease: Indications and efficacy, abgerufen am 28.01.2016 unter: www.uptodate.com/contents/subcutaneous-immunotherapy-for-allergic-disease-indications-and-efficacy

[6] UpToDate (2015]
Peter S Creticos,Sublingual immunotherapy for allergic rhinoconjunctivitis and asthma, abgerufen am 28.01.2015 unter: www.uptodate.com/contents/sublingual-immunotherapy-for-allergic-rhinoconjunctivitis-and-asthma

[7] IQWIG (2008)
Neueste Forschung zu Allergien: Hyposensibilisierung kann helfen, abgerufen am 27.01.2016 unter: www.iqwig.de/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen/neueste-forschung-zu-allergien-hyposensibilisierung-kann-helfen.2326.html

[8] Röder u.a. (2008)
Röder E, Berger MY, de Groot H, van Wijk RG. Immunotherapy in children and adolescents with allergic rhinoconjunctivitis: a systematic review. Pediatr Allergy Immunol 2008: 19: 197–207. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit) (Kritische Bewertung)

[9] Walker u.a. (2011)
Walker SM, Durham SR, Till SJ, Roberts G, Corrigan CJ, Leech SC, Krishna MT, Rajakulasingham RK, Williams A, Chantrell J, Dixon L, Frew AJ, Nasser S British Society for Allergy and Clinical ImmunologyM; Immunotherapy for allergic rhinitis. Clin Exp Allergy. 2011 Sep;41(9):1177-200. (Zusammenfassung)

[10] UpToDate (2016)
Harold Nelson, SCIT: Standard schedules, administration techniques, and monitoring abgerufen am 28.01.2016 unter www.uptodate.com/contents/scit-standard-schedules-administration-techniques-and-monitoring

[11] Pfaar u.a. (2014)
Oliver Pfaar u.a.AWMF-Leitlinien,Leitlinie zur (allergen-) spezifschen Immuntherapie bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen, Allergo J Int 2014; 23: 282 abgerufen am 27.01.2015 unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/061-004l_S2k_SIT_2014-12.pdf