Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Haben Frühstücksmuffel ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko?

Frühstücken dem Herz zuliebe?

Frühstücken dem Herz zuliebe?

Frühstücksmuffel leben gefährlich, wenn man einer US-amerikanischen Studie glaubt. Demnach erhöht Frühstücksverzicht das Herzinfarkt-Risiko. Was steckt dahinter?

Frage:Erhöht das Auslassen des Frühstücks das Herzinfarkt-Risiko?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt keine klaren Hinweise darauf, dass Frühstücksverzicht eine Ursache für Übergewicht und in Folge daraus ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko sein könnte. Möglicherweise verzichten aber vor allem jene Menschen auf die morgendliche Mahlzeit, die ohnehin Übergewicht und ein höheres Herzrisiko haben.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa frühstückten 2014 gerade einmal 77 von 100 Österreichern, 23 von 100 starteten ohne Frühstück in den Tag. Dabei sollen sich die Frühstücksmuffel einem deutlich größeren Herzinfarkt-Risiko aussetzen. Zumindest ist das das Ergebnis einer großen Studie aus dem Jahr 2013. Kann das stimmen?

Für die Studie beobachtete ein US-amerikanisches Wissenschaflterteam knapp 27.000 Männer über eine Dauer von 16 Jahren. Die Quintessenz: Jene Studienteilnehmer, die ohne Frühstück in den Tag starteten, waren im Laufe der Studie eher von Herzinfarkt und ähnlichen Erkrankungen betroffen als Probanden, die regelmäßig auch morgens etwas aßen.

Wer morgens nichts isst, lebt gefährlich?

Das ist allerdings kein Beweis dafür, dass das ausgelassene Frühstück der Übeltäter ist. Denn bei der US-Studie handelt es sich um eine sogenannte Kohortenstudie [1]. In Kohortenstudien können Wissenschaftler lediglich einen Zusammenhang zwischen Verhaltensweisen ihrer Studienteilnehmer und bestimmten Erkrankungen beobachten. Auf diese Art lässt sich aber nicht ausschließen, dass in Wahrheit ein anderer Faktor die Ursache für den Zusammenhang ist.

Risiko durch Übergewicht, nicht Frühstücksverzicht

Daher haben die Studienautoren versucht, etliche mögliche Ursachen auszuschließen. Die Forscher berücksichtigten demnach beispielsweise, wie viele Kalorien die Teilnehmer zu sich nahmen, ob sie körperlich aktiv waren oder viel fernsahen. Sie schauten sich auch an ob Erkrankungen der Herzkranzgefäße in der Familie gehäuft vorkamen und so weiter. Als sie den Einfluss von Faktoren wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und einen erhöhten Cholesterinspiegel aus ihren Ergebnissen herausrechneten, war der Zusammenhang zwischen Frühstücksverzicht und Herzinfarktrisiko plötzlich verschwunden. Offensichtlich war also nicht das Auslassen der Morgenmahlzeit der Hauptgrund für das erhöhte Herzinfarktrisiko, sondern Übergewicht, Zuckerkrankheit, der erhöhte Blutdruck oder ein zu hoher Cholesterinspiegel.

Aber nicht einmal das ist sicher, denn bei der Datenerhebung waren die Wissenschaftler möglicherweise etwas zu faul. Ob die Teilnehmer gewöhnlich ein Frühstück zu sich nahmen, hatten die Forscher nämlich nur zu Studienbeginn erfragt. Ob sich die Frühstücksgewohnheiten im Laufe der Studiendauer von 16 Jahren geändert haben, hatten sie die untersuchten Männer nicht gefragt.

Henne oder Frühstücks-Ei?

Die Aussagekraft ist durch ein weiteres Problem von Kohortenstudien eingeschränkt: sie ermöglichen es nämlich nicht, sicher zu sagen, was nun Ursache und was die Auswirkung ist. Zwar könnte es tatsächlich sein, dass das Auslassen der morgendlichen Mahlzeit zu Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterinspiegel oder Diabetes führt.

Diesen Verdacht nähren zumindest drei systematische Übersichtsarbeiten nähren, auch wenn die darin analysierten Studien von fraglicher Qualität sind [2] [3] [4]. Es wäre aber genauso gut möglich, dass übergewichtige Menschen versuchen, weniger zu essen – und daher regelmäßig das Frühstück auslassen. Damit ist unklar, ob das Weglassen des Frühstücks zu Übergewicht führt oder das Übergewicht zum Weglassen des Frühstücks. Ein klassisches Henne-Ei-Problem also.

Wie es richtig geht

Wenn Forscher feststellen wollen, ob ein Medikament wirkt oder nicht, teilen sie Versuchspersonen per Zufall entweder einer Gruppe zu, die das tatsächliche Medikament erhält, oder aber einer Placebogruppe, die nur ein Scheinmedikament erhält. Um auszuschließen, dass die Erwartungen von Versuchsleitern und Studienteilnehmern das Ergebnis verfälschen, weiß niemand der Beteiligten, ob sie das echte Medikament oder ein Placebo erhalten haben. Tritt am Ende nur in der Medikamentengruppe eine Besserung ein, nicht aber in der Placebogruppe, steht zweifelsfrei fest, dass das Medikament die Ursache für die Besserung war. (Kann man den Absatz vielleicht weglassen?

Aussagekräftige Studie kaum umzusetzen

Methodisch besser wären Studien, bei denen die Versuchspersonen zufällig in zwei Gruppen eingeteilt und einer „Maßnahme“ zugeteilt werden, ohne dass sie wissen, in welcher Gruppe sie gelandet sind. Während die eine Gruppe normal frühstückt, müsste die andere ein Placebo-Frühstück essen. Heißt: der Teller bleibt leer. Das dürfte schwierig werden, da niemand ein „Placebo-Frühstück“ essen kann, ohne es zu merken. Abgesehen davon ist es problematisch, Menschen per Zufall vorzuschreiben, ob sie über viele Jahre frühstücken sollen oder nicht.

Motivation für Verzicht entscheidend

Zumindest wäre es aber interessant gewesen, die Studienteilnehmer nach ihrer Motivation für den Verzicht auf das Frühstück zu fragen. Sämtliche teilnehmenden Männer waren in Gesundheitsberufen tätig, einer durchaus für Stress bekannten Berufsgruppe. Für die Fragestellung macht es einen Unterschied, ob die Ursache für das Auslassen des Frühstücks zu wenig Zeit durch ständige berufliche Belastung, fehlender Appetit oder der Wunsch, Gewicht zu verlieren, ist.

[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht: 19.08.2013. Keine inhaltlichen Änderungen]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J.Wipplinger, G.Gartlehner, A. Kliem)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cahill u.a. (2013)
Studientyp: Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 26 902 Männer aus verschiedenen Gesundheitsberufen
Studiendauer: 16 Jahre
Fragestellung: Bewirkt das Auslassen des Frühstücks ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Cahill LE, Chiuve SE, Mekary RA, Jensen MK, Flint AJ, Hu FB, Rimm EB. Prospective Study of Breakfast Eating and Incident Coronary Heart Disease in a Cohort of Male US Health Professionals. Circulation. 2013 Jul 23;128(4):337-43. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Mesas u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 116 Querschnittsstudien, 30 Kohortenstudien, 4 Fall-Kontroll-Studien und 3 experimentelle Studien
Fragestellung: Bewirkt das Auslassen des Frühstücks ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Mesas AE, Muñoz-Pareja M, López-García E, Rodríguez-Artalejo F. Selected eating behaviours and excess body weight: a systematic review. Obes Rev. 2012 Feb;13(2):106-35. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Horikawa u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 19 Querschnittsstudien
Teilnehmer insgesamt: 93 108
Fragestellung: Bewirkt das Auslassen des Frühstücks ein erhöhtes Risiko für Übergewicht in asiatischen Ländern?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Horikawa C, Kodama S, Yachi Y, Heianza Y, Hirasawa R, Ibe Y, Saito K, Shimano H, Yamada N, Sone H. Skipping breakfast and prevalence of overweight and obesity
in Asian and Pacific regions: a meta-analysis. Prev Med. 2011 Oct;53(4-5):260-7. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Szajewska u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 16 Querschnittsstudien
Teilnehmer insgesamt: 59 528
Fragestellung: Bewirkt das Auslassen des Frühstücks ein erhöhtes Risiko für Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Szajewska H, Ruszczynski M. Systematic review demonstrating that breakfast consumption influences body weight outcomes in children and adolescents in Europe. Crit Rev Food Sci Nutr. 2010 Feb;50(2):113-9. (Übersichtsarbeit in voller Länge)