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Herzinfarkt durch dicke Luft?

©iStockphoto.com/Nils Prause

Erhöht Feinstaub das Herzinfarktrisiko?

Aktualisiert: Einigen Forschern stinkt’s gewaltig: Sie bemängeln laut Der Standard, dass die Feinstaubbelastung in Europa selbst unterhalb der vorgeschriebenen Grenzwerte krank macht. So soll etwa das Herzinfarktrisiko durch den umherschwirrenden Partikelmix erhöht sein. (ursprünglich veröffentlicht am 25.2.2014)

Zeitungsartikel: Erhöhtes Herzinfarkt-Risiko durch Feinstaubbelastung (22.1.2014, Der Standard)
Frage:Steigert die Feinstaubbelastung das Herzinfarkt-Risiko – selbst wenn die EU-Grenzwerte eingehalten werden?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Aktuelle Studien aus Europa deuten darauf hin, dass eine alltägliche Feinstaubbelastung das Risiko für akute Herzerkrankungen (Herzinfarkt, Angina pectoris) steigern kann. Auch die allgemeine Sterblichkeit ist möglicherweise schon durch die ‚erlaubte’ Langzeitbelastung innerhalb der aktuellen EU-Grenzwerte erhöht.

Aktualisiert am 24.7.2014: Zwei neue Meta-Analysen von Kohortenstudien [4] [5] bestätigen die bisherige Einschätzung. (Änderungen kursiv)

In verschmutzter Luft schwirren neben Gasen alle möglichen festen Teilchen herum. Die kleinsten davon sind im Gegensatz zum ‚Grobstaub’ nicht sichtbar. Sie werden unter dem Begriff ‚Feinstaub’ zusammengefasst und in die Staubfraktionen PM10 und PM2.5 unterteilt. Diese Teilchen sind kleiner als 10 bzw. 2,5 Mikrometer. Zum Vergleich: ein Haar ist etwa 70 Mikrometer dick.

Verbrennungsprozesse aus Industrie, Verkehr und Haushalten pusten den Partikelmix in die Luft. Nach dem Einatmen werden die winzigen Teilchen nicht von den Härchen und Schleimhäuten im Nasen-Rachen-Raum ausgefiltert, sondern geraten weiter in die Atemwege. Die kleinsten Partikel können sogar bis in die Lungenbläschen vordringen.

Wie die Feinstaubteilchen den Körper schädigen können, ist noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Entzündungen und andere Mechanismen spielen dabei eine Rolle.

Im Jahr 2010 kostete Schätzungen zufolge die Luftverschmutzung durch Feinstaub weltweit 3,1 Millionen Menschen das Leben. Feinstaub gehört somit zu den wichtigsten gesundheitsgefährdenden Faktoren. [7] [10] [11] [12] [13]

Die winzigen Partikel sind nicht nur in Schwellenländern wie China und Indien ein Problem, sondern offenbar auch in Europa. Eine Meta-Analyse von 22 Kohortenstudien (Dezember 2013) wirft ein kritisches Licht auf die derzeitigen Feinstaub-Grenzwerte. Die Untersuchung an über 367.000 Erwachsenen aus 13 europäischen Ländern deutet darauf hin, dass eine Langzeit-Belastung mit Feinstaub das Sterblichkeitsrisiko ganz allgemein erhöht – also lebensverkürzend wirkt [1]. So scheint etwa die Wahrscheinlichkeit, in Europa einen Schlaganfall zu erleiden [5] und daran zu versterben [4] offenbar durch die Feinstaubbelastung gesteigert. Jedoch: Das Risiko, einer anderen Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erliegen, ist durch die Luftverschmutzung möglicherweise nicht erhöht [4].

Mehr akute Herzerkrankungen durch Langzeitbelastung

Unter diesen Vorzeichen ist eine im Jänner 2014 veröffentlichte Meta-Analyse von elf Kohortenstudien besonders interessant. Die Autoren berichteten, dass die Langzeitbelastung mit Feinstaub am Wohnort das Auftreten von Herzinfarkt und instabiler Angina pectoris (‚Herzenge’, ein Vorzeichen eines drohenden Herzinfarkts) wahrscheinlicher macht.

Das erhöhte Erkrankungsrisiko lasen die Forscher aus den Gesundheitsdaten von über 100.000 Europäern aus schwach bis stark belasteten Gegenden. Zu Beginn der mehrjährigen Untersuchung waren alle Teilnehmer noch herzgesund; über 5.100 von ihnen erlitten während der Studie einen – nicht unbedingt tödlichen – Herzinfarkt oder eine instabile Angina pectoris.

Aus ihren Analysen schlossen die Forscher, dass ein Anstieg der jährlichen Konzentration von PM2,5 um 5 Mikrogramm pro Kubikmeter bzw. von PM10 um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter zu einem um 13 bzw. 12 Prozent erhöhten Herzinfarkt-Risiko führt. Als besonders bedenklich hoben die Autoren hervor, dass sich die Risikoerhöhung schon unterhalb der vorgeschriebenen EU-Grenzwerte für Feinstaub abspielt (25 Mikrogramm pro Kubikmeter für PM2,5, 40 Mikrogramm pro Kubikmeter für PM10) [2].

Eine englische Kohortenstudie aus 2013 konnte keinen Zusammenhang zwischen Herzinfarkt-Gefahr und Feinstaub-Luftverschmutzung ableiten, jedoch steigerte die Feinstaubbelastung die Risiken anderer Herzerkrankungen. [6] Weitere Analysen wie systematische Überblicksarbeiten sind wichtig, um hier noch belastbarere Erkenntnisse zu bringen.

Gefahr auch durch kurzfristige Belastungen

Nicht nur über eine (mögliche) Herzinfarkt-Gefahr durch eine langfristige und einigermaßen moderate Feinstaub-Belastung am Wohnort gibt es Untersuchungen. Auch das kurzfristige Einatmen größerer Feinstaub-Mengen macht einen Herzinfarkt möglicherweise wahrscheinlicher. Dies berichtet eine systematische Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse aus dem Jahr 2012. [3]

Interventionen gegen tödliche Luft

Welche Wege gibt es, um gegen das Gesundheitsrisiko aus der Luft vorzugehen? Dass politische Interventionen (Reduktion von Emissionen usw.) durchaus wirksam sind, hat sich in der Vergangenheit mehrfach erwiesen. Durch Maßnahmen gegen Umweltverschmutzung konnte immer wieder das Auftreten von bestimmten Erkrankungen reduziert werden, auch die damit verbundene Sterblichkeit wurde gesenkt.

Ein Beispiel: In Dublin herrschte in den 1980ern extreme Luftverschmutzung – diese war zum großen Teil den Heizmaterialien geschuldet. Nach einem kompletten Kohle-Verbot im Jahr 1990 gingen die Todesfälle durch Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen zurück; das Verbot wurde auf elf weitere Städte ausgedehnt.[8]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Beelen u.a. (2013)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie, Meta_Analyse
Eingeschlossene Studien: 22 Kohortenstudien; Teil des ESCAPE Projekts
Teilnehmer insgesamt: 367 251 Teilnehmer aus 13 europäischen Ländern in Europa
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Langzeit-Belastung durch Luftverschmutzung (insbesondere Feinstaub) und erhöhter Sterblichkeit?
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Beelen R, Raaschou-Nielsen O, Stafoggia M, et al. Effects of long-term exposure to air pollution on natural-cause mortality: an analysis of 22 European cohorts within the multicentre ESCAPE project. Lancet. 2014 Mar 1;383(9919):785-95.
Zusammenfassung

[2] Cesaroni u.a. (2014)
Studientyp: prospektiven Kohortenstudie, Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 100166 Erwachsene aus 11 Kohorten (Deutschland, Italien, Schweden, Finnland, Dänemark) im Rahmen des EU-Projekts ESCAPE
Fragestellung: Hat Luftverschmutzung (insbesondere Feinstaub) einen Einfluss auf das Auftreten akuten Herzerkrankungen (Herzinfarkt, Angina pectoris)?
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Cesaroni G, Forastiere F, Stafoggia M, et al. Long term exposure to ambient air pollution and incidence of acute coronary events: prospective cohort study and meta-analysis in 11 European cohorts from the ESCAPE Project. BMJ. 2014 Jan 21;348:f7412. doi: 10.1136/bmj.f7412. Zusammenfassung

[3] Mustafic u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: Feinstaubklasse PM10 – 17 Studien; Feinstaubklasse PM2,5 – 13 Studien
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen kurzfristig erhöhter Luftverschmutzung (insbesondere Feinstaubbelastung PM2.5 / PM10) und Herzinfarkt?
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Mustafic H, Jabre P, Caussin C, Murad MH, Escolano S, Tafflet M, Périer MC, Marijon E, Vernerey D, Empana JP, Jouven X.
Main air pollutants and myocardial infarction: a systematic review and meta-analysis. JAMA. 2012 Feb 15;307(7):713-21; Zusammenfassung

[4] Beelen (2014)
Studientyp: Meta-Analyse von Kohortenstudie
Teilnehmer insgesamt: Erwachsene aus 22 Kohorten im Rahmen des EU-Projekts ESCAPE
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Beelen R, Stafoggia M, Raaschou-Nielsen O, et al. Long-term exposure to air pollution and cardiovascular mortality: an analysis of 22 European cohorts. Epidemiology. 2014 May;25(3):368-78. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Stafoggia (2014)
Studientyp: Meta-Analyse von Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 99.446 Personen Erwachsene aus 11 Kohorten im Rahmen des EU-Projekts ESCAPE
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und dem Auftreten von Schlaganfällen?
Interessenskonflikte: Keine angegeben

Stafoggia M, Cesaroni G, Peters A, et al. Long-Term Exposure to Ambient Air Pollution and Incidence of Cerebrovascular Events: Results from 11 European Cohorts within the ESCAPE Project. Environ Health Perspect. 2014 May 16. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Atkinson (2013) Atkinson RW, Carey IM, Kent AJ, van Staa TP, Anderson HR, Cook DG. Long-term exposure to outdoor air pollution and incidence of cardiovascular diseases.
Epidemiology. 2013 Jan;24(1):44-53. Zusammenfassung

[7] Burns u.a. (2014) Burns J, Boogaard H, Turley R, Pfadenhauer LM, van Erp AM, Rohwer AC, Rehfuess E. Interventions to reduce ambient particulate matter air pollution and their effect on health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 1. Art. No.: CD010919. Zusammenfassung

[8] Henschel u.a. (2014)Henschel S1, Atkinson R, Zeka A, Le Tertre A, Analitis A, Katsouyanni K, Chanel O, Pascal M, Forsberg B, Medina S,Goodman PG. Air pollution interventions and their impact on public health. Int J Public Health. 2012 Oct;57(5):757-68. Zusammenfassung

[9] Lim u.a. (2012) ) A comparative risk assessment of burden of disease and injury attributable to 67 risk factors and risk factor clusters in 21 regions, 1990-2010: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2010. Lancet. 2012 Dec 15;380(9859):2224-60. doi: 10.1016/S0140-6736(12)61766-8
Zusammenfassung

[10] Martinelli u.a. (2013) )Martinelli N, Olivieri O, Girelli D. Air particulate matter and cardiovascular disease: a narrative review.
Eur J Intern Med. 2013 Jun;24(4):295-302.
Zusammenfassung

[11] UptoDate Overview of the possible risk factors for cardiovascular disease

[12] Lebensministerium Feinstaub, abgerufen am 12.2.2014

[13] WHO World Health Organisation
Health effects of particulate matter; PDF – heruntergeladen am 17.2.2014