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Heißhunger-Stop durch elektrische Hirnstimulation?

Heißhunger stoppen mit Strom?

Heißhunger stoppen mit Strom?

Elektroden am Vorderkopf können den Appetit auf kalorienreiche Speisen verringern, so derStandard.at. Kurzfristig scheint eine solche Wirkung möglich. Dass man dadurch tatsächlich weniger Kalorien zu sich nimmt, ist allerdings unklar – zu widersprüchlich sind die Studienergebnisse.

 
 

 

Zeitungsartikel: Elektrische Hirnstimulation reduziert Appetit ohne Diät (27.8.2014, derStandard.at)
Frage:Kann elektrische Hirnstimulation die Menge der verzehrten Speisen reduzieren?
Antwort:unklar
Erklärung:Elektrische Hirnstimulation kann möglicherweise das kurzfristige Verlangen nach kalorienreichen Nahrungsmitteln verringern. Dass die behandelten Personen auch tatsächlich weniger davon zu sich nehmen, ist allerdings unklar, Studienergebnisse dazu sind widersprüchlich.

Es klingt verlockend: zwei Elektroden am Vorderkopf sollen reichen, um dem Hunger nach Süßem und Fettigem Einhalt zu gebieten. Transkranielle Gleichstrom-Stimulation (englisch transcranial direct current stimulation, kurz tDCS) heißt das Zauberwort. Das zeige jedenfalls das Ergebnis einer neuen Studie [1], berichtet der Online-Standard. Das mögliche Diätmittel der Zukunft, oder übertriebene Sensationsmeldung?

Die Idee dahinter basiert durchaus auf wissenschaftlichen Fakten. Während bei einer Hirnstrom-Messung (EEG) die Hirnaktivität auf der Kopfhaut schwache, aber messbare Ströme erzeugt, ist dies bei tDCS umgekehrt. Die elektrische Stimulation einzelner Regionen der Kopfhaut mit schwachen, nicht fühlbaren Strömen kann die Aktivität darunterliegender Hirnareale beeinflussen. Speziell zwei Regionen im Vorderhirn sollen sich auf das Verlangen nach wohlschmeckenden Speisen auswirken.

Widersprüchliche Ergebnisse

Bisher wurde die Methode nur in einzelnen klinischen Studien an wenigen Teilnehmern untersucht [1][2]. In zweien davon [3] [4] ließen die Forscher ihre Probanden sowohl nach einer Scheinbehandlung wie nach einer echten elektrischen Hirnstimulation nach Belieben von einem Buffet essen. Die Teilnehmer wussten dabei nicht, in welcher Reihenfolge sie die richtige und die Scheinstimulation erhalten hatten. Das Ergebnis: in einer der beiden Studien [3] bewirkte die tDCS-Behandlung, dass die Versuchspersonen im Vergleich zur Scheinbehandlung weniger aßen. Die Verfasser der zweiten Studie [4] stellten jedoch keinen Unterschied in der Auswirkung auf das Essverhalten fest.

Trotz der widersprüchlichen Ergebnisse gaben die Teilnehmer beider Studien an, dass sie weniger Heißhunger verspürten, wenn sie zuvor eine elektrische Hirnstimulation erhalten hatten.

Appetitzügler mit Fragezeichen

Auch eine ähnliche Methode zur Hirnstimulation scheint den Appetit auf Wohlschmeckendes beeinflussen zu können. Die Rede ist von der sogenannten wiederholten transkraniellen Magnetstimulation (repetitive transcranial magnetic stimulation, rTMS). Kurze, aufeinanderfolgende Magnetimpulse an der Kopfhaut können in Nervenzellen unter dem Schädelknochen schwache Ströme erzeugen und somit die Aktivität dieser Hirnzellen beeinflussen.

In vier Studien [2] – drei an normalgewichtigen sowie einer kleinen an neun fettleibigen Teilnehmern – konnte die Magnetstimulation ähnliche Ergebnisse erzielen: die Lust der behandelten Versuchspersonen auf leckere Snacks nahm etwas ab. Lediglich eine andere kleine Untersuchung an zehn Personen findet keine Auswirkung [2]. Ob die Probanden nach der Magnetstimulation auch tatsächlich weniger von einem Buffet essen würden, war in diesen Studien allerdings nicht untersucht worden.

Nicht zu wirken scheint die Magnetstimulation bei Bulimie-Patienten. Betroffene leiden an Heißhungerattacken, während derer sie große Mengen an Nahrung in kurzer Zeit zu sich nehmen. Um dadurch nicht zuzunehmen, verwenden sie unverhältnismäßige Methoden wie erzwungenes Erbrechen, Abführmittel oder auch exzessive sportliche Betätigung. Magnetische Hirnstimulation (rTMS) scheint diese „Essattacken“ jedoch nicht abmildern zu können, so die vorsichtigen Ergebnisse zweier kleiner Studien [2].

Vielseitige Beeinflussung der Hirnaktivität

Durch Magnet- oder Elektrostimulation direkt an der Kopfhaut lässt sich die Aktivität bestimmter Regionen der Hirnrinde etwas verstärken oder abschwächen. So scheint etwa eine Region der Hirnrinde im seitlich-oberen Bereich des Stirnlappens bei Suchtkranken deutlich weniger aktiv zu sein als bei gesunden Menschen. Dies zeigen Hirnscan-Untersuchungen im Magnetresonanz-Tomografen [5]. Dieselbe Hirnregion ist offenbar auch bei fettleibigen Personen unteraktiv, wenn es darum geht, beispielsweise am Buffet nicht hemmungslos zuzugreifen [5].

Während die Wirkung dieser Stimulationstechniken auf das Verlangen nach Nahrungsmitteln unklar ist, kann Magnetstimulation etwa bei Depressionen möglicherweise helfen. Die rTMS-Technik ist in den USA in Kombination mit anderen Therapien zur Behandlung bestimmter Depressionsarten zugelassen. Die Wirksamkeit der elektrischen Hirnstimulation tDCS bei Depressionspatienten ist jedoch nach wie vor unklar [siehe Gleichstrom gegen Depression ]. Ob sich tDCS oder rTMS als Mittel gegen Heißhungerattacken eignen, müssen erst größere, rigider durchgeführte klinische Studien zeigen.

Nebenwirkungen der elektrischen Hirnstimulation tDCS waren in bisher durchgeführten klinischen Studien bei Behandelten in etwa gleich häufig wie bei Scheinbehandelten. Studienteilnehmer führten unter anderem Kribbeln und Jucken der Kopfhaut, Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Konzentrationsprobleme und Sehstörungen an. Theoretisch sind durch tDCS aber auch Hautverbrennungen und Verletzungen möglich [6]. Im Allgemeinen scheint die tDCS-Behandlung jedoch gut verträglich.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jauch-Chara u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 14 gesunde Männer mit Normalgewicht
Studiendauer: 8 Tage
Fragestellung: Bewirkt Gleichstrom-Hirnstimulation (tCDS) eine Verringerung der Nahrungsaufnahme?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Jauch-Chara K, Kistenmacher A, Herzog N, Schwarz M, Schweiger U, Oltmanns KM. Repetitive electric brain stimulation reduces food intake in humans. Am J Clin Nutr. 2014 Aug 6. pii: ajcn.075481. (Zusammenfassung der Studie)

[2] McClelland u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien an gesunden Personen (davon in 4 Studien mit starkem Verlangen nach Essen), 3 randomisiert kontrollierten Studien und drei Fallberichten an Patienten mit Bulimie sowie weiteren Studien an Anorexiepatienten)
Teilnehmer: 136 gesunde Personen (in 5 randomisiert-kontrollierten Studien), 61 Bulimie-Patienten in 3 randomisiert-kontrollierten Studien)
Studiendauer: bis auf eine Ausnahme mit 15 Behandlungen (in 3 Wochen) nur jeweils eine Behandlung
Fragestellung: Beeinflusst elektrische (tDCS) oder magnetische (rTMS) Hirnstimulation das Verlangen nach Essen sowie Symptome von Essstörungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

McClelland J, Bozhilova N, Campbell I, Schmidt U. A systematic review of the effects of neuromodulation on eating and body weight: evidence from human and animal studies. Eur Eat Disord Rev. 2013 Nov;21(6):436-55. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Fregni u.a. (2008)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 23 Personen mit erhöhtem Verlangen nach Essen
Studiendauer: je eine Behandlung und eine Scheinbehandlung mit 48 Stunden Abstand
Fragestellung: Beeinflusst transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) das Verlangen nach Essen sowie die Menge an verspeisten Lebensmitteln an einem Buffet?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Fregni F, Orsati F, Pedrosa W, Fecteau S, Tome FA, Nitsche MA, Mecca T, Macedo EC, Pascual-Leone A, Boggio PS. Transcranial direct current stimulation of the prefrontal cortex modulates the desire for specific foods. Appetite. 2008 Jul;51(1):34-41. (Studie in voller Länge)

[4] Goldman u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 19 Personen mit erhöhtem Verlangen nach Essen
Studiendauer: je zwei Behandlungen und eine Scheinbehandlung mit 48 bis 72 Stunden Abstand
Fragestellung: Beeinflusst transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) das Verlangen nach Essen sowie die Menge an verspeisten Lebensmitteln an einem Buffet?
Mögliche Interessenskonflikte: Mehrere Autoren erhalten Förderungen verschiedener Unternehmen im Pharma- und Gesundheitsbereich

Goldman RL, Borckardt JJ, Frohman HA, O’Neil PM, Madan A, Campbell LK, Budak A, George MS. Prefrontal cortex transcranial direct current stimulation (tDCS) temporarily reduces food cravings and increases the self-reported ability to resist food in adults with frequent food craving. Appetite. 2011 Jun;56(3):741-6. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Jansen u.a. (2013). Jansen JM, Daams JG, Koeter MW, Veltman DJ, van den Brink W, Goudriaan AE. Effects of non-invasive neurostimulation on craving: a meta-analysis. Neurosci Biobehav Rev. 2013 Dec;37(10 Pt 2):2472-80. (Zusammenfassung der Studie)

[6] Holtzheimer PE (2014). Depression in adults: Overview of neuromodulation procedures. In Solomon D (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18.9.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/depression-in-adults-overview-of-neuromodulation-procedures