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Grippeimpfung weniger wirksam als angenommen?

Grippesaison

Grippesaison

Aktualisiert: Grippe-Impfstoffe sind möglicherweise weniger wirksam als gedacht, schreibt die Ö1-Online-Ausgabe des ORF. Dass Grippeimpfungen nur bedingt vor Influenza-Infektionen schützen, ist schon länger bekannt, neue Analysen bestätigen dies. (Ursprünglich veröffentlicht am 15. 11. 2011)

Zeitungsartikel: Umstrittene Grippeimpfung (28. 10. 2011, Ö1 Online-Magazin des ORF)td>
Frage:Verhindert eine Grippe-Impfung weniger als die angeblich bisher angenommenen 70 bis 90 von 100 Influenza-Infektionen?
Antwort:Ja
Erklärung:Eine Grippe-Impfung kann bei Erwachsenen durchschnittlich nur knapp 60 von 100 Influenza-Fällen verhindern.

[Kursive Abschnitte aktualisiert am 11. 6. 2014: Zwei aktualisierte systematische Übersichtsarbeiten [2] [3] bestätigen im wesentlichen die geringere Wirksamkeit]

Das Influenza-Virus sorgt Jahr für Jahr – meist in der kalten Jahreszeit – für unzählige Krankheitsfälle. Auch wenn nur ein geschätztes Zehntel der sogenannten grippalen Infekte direkt vom Influenza-Virus verursacht wird, sind pro Grippesaison rund 20 bis 40 von 1000 Erwachsenen von einer Influenza-Infektion betroffen.

Im Normalfall dauert die „echte“ Grippe mit Fieber und Gliederschmerzen nur wenige Tage, Symptome wie Husten und Abgeschlagenheit können aber auch Wochen anhalten. Speziell bei älteren oder chronisch kranken Personen sowie Kleinkindern kann eine Grippeinfektion aber auch ernste Folgen haben, die unter Umständen bis zum Tod führen können. Dazu zählen durch Zweitinfektionen mit Bakterien verursachte Lungenentzündungen oder in seltenen Fällen auch Herzmuskelentzündungen.

Gerade für ältere Menschen wird daher eine Grippeimpfung zum Schutz vor einer Influenza-Infektion und deren Folgen empfohlen.

Impfstoffhersteller im Wettlauf mit dem Grippevirus

Da sich Influenzaviren immer wieder verändern, um vom Immunsystem des Körpers nicht sofort erkannt zu werden, ist die Herstellung von Grippeimpfstoffen keine leichte Sache. Jedes Jahr unternimmt daher die Weltgesundheitsorganisation WHO große Anstrengungen, um die momentan gerade umlaufenden Grippeviren zu identifizieren, anhand derer Pharmaunternehmen dann gezielt Impfstoffe herstellen können.

Die Entwicklung solcher Impfstoffe, bei denen inaktivierte Influenza-Viren oder Teile der Virushülle die Antikörperproduktion im menschlichen Körper anregen sollen, nimmt allerdings bis zu 9 Monate in Anspruch. Daher kann es durchaus vorkommen, dass sich gerade kursierende Influenza-Viren von denen, die für die Herstellung des Impfstoffes verwendet wurden, etwas unterscheiden. Prinzipiell ist also jedes Jahr eine erneute Impfung notwendig.

In einem Artikel des Ö1 Online-Magazins wird von einer neuen Studie [1] berichtet, derzufolge die tatsächliche Wirksamkeit von Grippeimpfstoffen weit niedriger sein soll als bisher angenommen. So soll die Grippeimpfung statt 70 bis 90 von 100 Influenza-Infektionen nur 59 verhindern können.

Geringe Wirksamkeit bestätigt

Schon bisher war es unter Wissenschaftlern kein Geheimnis, dass Grippe-Impfstoffe nur bedingt wirksam sind. Die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse [2] kamen bereits im Jahr 2000 zu dem Schluss, dass eine Impfung gegen das Influenza-Virus nur 68 von 100 Grippeerkrankungen verhindern konnte. In einer 2014 aktualisierten Version ihrer Analyse [2] in der auch neuere Studien berücksichtigt worden waren, veröffentlichten die Autoren neuere Zahlen. Demzufolge schützte eine Impfung in Jahren, in denen der Impfstoff gut mit den kursierenden Influenzaviren übereinstimmte, in 62 von 100 Fällen vor einer Grippe, in Jahren mit schlechter Übereinstimmung in 55 von 100 Fällen.

Die Verfasser der im Ö1 Online-Magazin behandelten Übersichtsarbeit [1] argumentieren jedoch, dass diese Zahlen noch immer zu hoch sind. Um zu verhindern, dass durch andere Viren verursachte grippale Infekte irrtümlich als Influenzainfektionen gezählt werden, berücksichtigten die Autoren nur jene Studien, in denen auch tatsächlich Influenzaviren im Körper der Patienten nachgewiesen werden konnten. Schließlich kann eine Grippeimpfung nur echte Influenza, aber nicht Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen, die durch andere Erreger verursacht werden, verhindern.

Mit dieser genaueren Methode zeigte sich, dass gängige Grippeimpfstoffe nur 59 von 100 Grippefällen verhindern konnten, wobei diese Zahl allerdings nicht nach Jahren mit guter und schlechter Impfstoff-Grippevirus-Übereinstimmung aufgeschlüsselt wurde.

Konkret waren rund 12 Personen unter 1000 Grippe-Geimpften erkrankt, in der Gruppe der Nicht-Geimpften aber auch nur 27 von 1000 Personen. Die Grippe-Impfung konnte also 15 Grippefälle unter 1000 Personen verhindern, 973 Menschen wären allerdings von vornherein nie erkrankt, obwohl sie sich nicht impfen hatten lassen.

Bei Kindern und Älteren wenig untersucht

Überraschend ist, dass es für Risikogruppen kaum derart genaue Untersuchungen zur Wirksamkeit gibt. Verwunderlich ist vor allem, dass gerade bei älteren Menschen die Wirksamkeit kaum bekannt ist [4], aber dennoch eine Impfempfehlung ausgesprochen wird.

Bei Kindern existieren mehr Studien. So könnten inaktivierte Impfstoffe einer systematischen Übersichtarbeit zufolge [3] rund 41 von 100 Grippefällen verhindern. Möglicherweise wirkungslos scheinen solche Impfstoffe bei Kleinkindern unter 2 Jahren zu sein. Deutlich schlechter schützen Impfstoffe aus lebenden, aber abgeschwächten Viren. Der als Nasenspray verabreichte Lebendimpfstoff konnte einer Influenza-Infektion nur bei etwa 20 von 100 Kindern vorbeugen [3].

Nebenwirkungen

Ebenfalls praktisch nicht untersucht wurden die Nebenwirkungen der Grippeimpfung bei Kindern und älteren Menschen.

An milden Nebenwirkungen kam es bei erwachsenen Geimpften häufiger zu Hautrötungen an der Einstichstelle, Verhärtungen oder Muskelschmerzen.

Ernstere Nebenwirkungen waren zwar selten, aber nicht auszuschließen. In etwas weniger als 1 unter 100 Fällen hatte die Grippeimpfung vorübergehende Schwellungen im Gesicht oder gar Atemschwierigkeiten zufolge, die allerdings nach einiger Zeit wieder zurückgingen. [2]

Eine sehr selten auftretende schwere Nebenwirkung kann allerdings das Guillain-Barré Syndrom darstellen. Dabei handelt es sich um eine Lähmungserscheinung, die aber auch durch akute Infektionen ausgelöst werden kann. Offenbar kann die Grippeimpfung unter 1 Million Geimpften zu 1 bis 2 zusätzlichen Fällen führen – dieses Risiko scheint aber deutlich geringer als die Influenza-bedingten schweren Begleiterscheinungen.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Osterholm u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Anzahl der inkludierten Studien: 17 randomisiert-kontrollierte Studien und 14 Beobachtungsstudien
Teilnehmerinnen insgesamt: 31 892 Erwachsene und 11 266 Kinder
Vergleich: Wirksamkeit von Influenza-Wirkstoffen verglichen mit Plazebo-Impfungen

Titel: „Efficacy and effectiveness of influenza vaccines: a systematic review and meta-analysis“. Lancet Infect Dis. 2011 Oct 25. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Demicheli u.a. (2014)
[aktualisiert 11. Juni, keine wesentliche Änderung]
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 69 randomisiert-kontrollierte Studien, 27 Kohortenstudien und 20 Fall-Kontrollstudien
Teilnehmerinnen insgesamt: rund 70.000 in randomisiert-kontrollierte Studien, rund 8 Mio. aus Kohortenstudien und ca. 25.000 aus Fall-Kontroll-Studien
Vergleich: Wirksamkeit und Sicherheit von Influenza-Wirkstoffen

Demicheli V, Jefferson T, Al-Ansary LA, Ferroni E, Rivetti A, Di Pietrantonj C. Vaccines for preventing influenza in healthy adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 3. Art. No.: CD001269. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Jefferson u.a. (2012)
[aktualisiert 11. Juni, keine wesentliche Änderung]
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 40 randomisiert-kontrollierte Studien, 21 Kohortenstudien und 12 Fall-Kontrollstudien
Teilnehmer insgesamt:rund 300 000 Kinder
Vergleich: Wirksamkeit und Sicherheit von Influenza-Wirkstoffen

Jefferson T, Rivetti A, Di Pietrantonj C, Demicheli V, Ferroni E. Vaccines for preventing influenza in healthy children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 8. Art. No.: CD004879. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Jefferson u.a. (2010b)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 75 (davon 5 randomisiert-kontrollierte Studien)
Teilnehmer: Erwachsene ab 65 Jahren
Vergleich: Wirksamkeit von Influenza-Wirkstoffen verglichen mit Plazebo-Impfungen

Titel: „Vaccines for preventing influenza in the elderly“. Cochrane Database Syst Rev. 2010 Feb 17;(2):CD004876.(Zusammenfassung der Studie)