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Graviola gegen Krebs: Nachweis für Wirkung fehlt

Ist Graviola wirksam gegen Krebs?

Hilft Graviola bei Krebs?

Gerüchte im Internet besagen, dass die Frucht des Tropenbaums Graviola gegen Krebs wirkt. Studien an Menschen fehlen jedoch.

Frage:Helfen Substanzen des Graviola-Baums gegen Krebs?
Antwort:unklar
Erklärung:Bislang deuten nur vereinzelte Laborstudien darauf hin, dass Graviola-Substanzen das Verhalten von Krebszellen günstig beeinflussen könnten. Untersuchungen an Gesunden oder an Krebs Erkrankten fehlen bisher. Daher gibt es keine Informationen über die Wirksamkeit und die Sicherheit dieser tropischen Pflanze als Krebstherapie.

Im Jahr 2011 lebten 161.381 Frauen und 145.057 Männer in Österreich mit einer Krebserkrankung, viele von ihnen schon jahrelang. Am häufigsten waren Darm-, Prostata-, Brust- oder Gebärmutterkrebs [9] [10].

Medikamente, Bestrahlungen und Operationen sind die am häufigsten angewandten Krebstherapien. Je nach Krebsart unterscheiden sich die Heilungschancen, Behandlungsmöglichkeiten und die damit verbundene Lebensqualität.

Trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren können die gängigen Therapien nicht immer zu einer Heilung oder zumindest zu einer langfristigen Besserung führen. Nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zählt Krebs zu den häufigsten Todesursachen in Österreich [11].

Auf der Suche

Konventionelle Krebstherapien haben häufig schwere Nebenwirkungen. Es ist daher nur allzu verständlich, dass sich Krebskranke neue Behandlungsformen wünschen – also Therapien, die wirksamer und verträglicher sind.

Eine Quelle nützlicher Substanzen ist die Natur. Vor allem Wirkstoffe aus Pflanzen sollen Krebszellen unschädlich machen, während gesunde Zellen möglichst verschont werden.

Geschäft mit der Angst

Die Verzweiflung von Krebskranken und ihren Angehörigen ist oft groß. Umso geschmackloser mutet es an, wenn beispielsweise in Internetforen oder auf Facebookseiten „Informationen“ über angebliche Wundermittel und „Zauberfrüchte“ kursieren.

Dazu zählen auch angebliche „Berichte“ über den Graviola-Baum, auch Stachelannone oder Soursop genannt, im Fachjargon der Botanik Lateinisch Annona muricata. Substanzen aus dem Graviola-Baum sollen, so dubiose Quellen, gegen Krebs helfen und sogar herkömmlichen Chemotherapien überlegen sein.

Für derartige Behauptungen gibt es allerdings keinerlei seriöse Belege. Studien mit Menschen, bei denen sich Graviola-Substanzen als Krebsmedikament bewährt haben, fehlen bisher komplett [1] [5] [6].

Küche und Krankenbett

Der immergrüne Graviola-Baum wächst in Süd- und Zentralamerika und in der Karibik. Auch im tropischen Asien und Afrika wird er kultiviert. Das säuerliche Fruchtfleisch lässt sich zu Getränken und Desserts verarbeiten.

Früchte, Blätter, Rinde und andere Teile des Graviola-Baums werden traditionell bei verschiedenen Krankheiten eingesetzt, zum Beispiel gegen Bauchschmerzen, Fieber und Infektionen mit Parasiten. Es ist also durchaus nicht auszuschließen, dass es in dieser Pflanze Inhaltsstoffe gibt, die bei der Behandlung von einigen Krankheiten hilfreich sein können [1] [5] [6].

Keine Beweise für Anti-Krebs-Wirkung

Doch wir wissen schlicht und ergreifend nicht, ob oder gar welche Stoffe aus dem Graviola-Baum bei Krebserkrankungen helfen könnten. Schon gar nicht ist uns bekannt, welche Dosis und welcher Einnahmezeitraum sinnvoll wären.

Es fehlen sowohl Informationen darüber, wie diese Substanzen sinnvollerweise gewonnen und in Medikamentenform gebracht werden könnten, wie auch über Risiken und Nebenwirkungen.

Datenwüste und Informationsvakuum

Bisher gibt es zur möglichen Anti-Krebs-Wirkung nur Tests an Zellen im Reagenzglas („in vitro“) sowie an Ratten und Mäusen („in vivo“). Tatsächlich konnten Graviola-Substanzen in einigen dieser Versuchen etwas gegen verschiedene Krebszellen ausrichten. Eventuell sind Pflanzenstoffe namens Acetogenine dafür (mit)verantwortlich [5] [6] [7] [8].

Allerdings sind derartige Versuche, so verheißungsvoll sie auch anmuten mögen, keineswegs Belege dafür, dass Graviola-Pflanzenteile wie Blätter, Zweige oder Rinde und die daraus hergestellten Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente auch im menschlichen Organismus gegen Krebs wirken. Dafür wären klinische Studien mit menschlichen Probanden unbedingt notwendig. Wir haben allerdings keine einzige Veröffentlichung zu diesem Thema gefunden.

Nur in einer Fall-Studie wird eine Brustkrebspatientin geschildert, die neben Krebsmedikamenten auch ein Art Sud mit Graviola-Blättern zu sich genommen hat [4]. Dem Sud schreiben die Forscher und Forscherinnen aus den USA eine gewisse positive Wirkung zu. Diese Erkenntnis kann jedoch nicht überprüft oder auf andere Personen übertragen werden.

Vielleicht wird das Datenvakuum bald mit einigen handfesten Ergebnissen gefüllt. Denn derzeit laufen in Indonesien und Italien Studien mit Darmkrebs- und Gebärmutterhalskrebs-Erkrankten. Vielleicht geben diese Untersuchungen in Zukunft erste Hinweise darauf, was dran ist an den Gerüchten rund um die vermeintliche Heilkraft des tropischen Graviola-Baums [2] [3].

[Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels erschien am 31.8.2014. Neuerliche Literatursuchen 2015 und 2016 brachten keine Änderungen.]

 

Die Studien im Detail

Zu Graviola existieren keine klinischen Studien an Menschen.

(Autorin: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Quellen

[1] Cancer Research UK
Can graviola (soursop) cure cancer? Heruntergeladen am 19.8.2015 unter www.cancerresearchuk.org/about-cancer/cancers-in-general/cancer-questions/can-graviola-cure-cancer

[2] Clinical Trials
Effect of Annona Muricata Leaves on Colorectal Cancer Patients and Colorectal Cancer Cells. Zugriff am 19.8.2015 unter https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02439580

[3] Clinical Trials
A New Supplement in the Prevention of Cervical Carcinoma. Zugriff am 19.8.2015 unter https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02263378

[4] Hansra u.a. (2014)
Damien Mikael Hansra, Orlando Silva, Ashwin Mehta, Eugene Ahn. Patient with Metastatic Breast Cancer Achieves Stable Disease for 5 Years on Graviola and Xeloda after Progressing on Multiple Lines of Therapy. Advances in Breast Cancer Research, 2014, 3, 84-87. (Volltext)

[5] Memorial Sloan Kettering Cancer Center (2015)
Graviola. Heruntergeladen am 19.8.2015 unter www.mskcc.org/cancer-care/integrative-medicine/herbs/graviola

[6] Moghadamtousi u.a. (2015)
Annona muricata (Annonaceae): A Review of Its Traditional Uses, Isolated Acetogenins and Biological Activities. Int J Mol Sci. 2015 Jul 10;16(7):15625-58 (Volltext)

[7] Paul u.a. (2013)
Anti cancer activity on Graviola, an exciting medicinal plant extract vs various cancer cell lines and a detailed computational study on its potent anti-cancerous leads. Curr Top Med Chem. 2013;13(14):1666-73 (Zusammenfassung)

[8] Pieme u.a. (2014)
Antiproliferative activity and induction of apoptosis by Annona muricata (Annonaceae) extract on human cancer cells. BMC Complement Altern Med. 2014 Dec 24;14:516 (Volltext)

[9] Statistik Austria (2015)
Krebsprävalenz. Heruntergeladen am 19.8.2015
www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/krebserkrankungen/krebspraevalenz/index.html

[10] Statistik Austria (2015)
Krebsinzidenz, Krebsmortalität. Heruntergeladen am 19.8.2015 unter www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/krebserkrankungen/prognose_krebsinzidenz_krebsmortalitaet/index.html

[11] Statistik Austria (2015)
Todesursachen. Heruntergeladen am 19.8.2015 unter www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/todesursachen/todesursachen_im_ueberblick/index.html