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Glücklich und gesund durch probiotische Joghurts?

Machen Probiotika glücklich?

Machen Probiotika glücklich?

Aktualisiert: Probiotika sollen Depressionen lindern und Stress verringern können, schreibt oe24.at. Wissenschaftliche Hinweise darauf gibt es nicht. Allenfalls bei Durchfallerkrankungen können probiotische Joghurts helfen. (Ursprünglich veröffentlicht am 25.7.2013
 
 
 

Zeitungsartikel: Probiotische Joghurts machen glücklicher (5.6.2013, oe24.at)
Frage:Wirken probiotische Lebensmittel antidepressiv oder positiv auf das Gemüt?
Antwort:unklar
Erklärung:Ob Probiotika bei Depressionen helfen oder sich positiv auf das Gemüt auswirken können, ist nie in klinischen Studien untersucht worden. Bei Menschen mit Verstopfung könnten sie eventuell die Stimmung bessern.

[Aktualisiert am 9.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien ergibt keine inhaltliche Änderungen.]

Probiotische Lebensmittel enthalten lebende Mikroorganismen wie Milchsäurebakterien oder spezielle Hefen. Diese können die natürlich im Darm vorkommende Sammlung an verdauungsfördernden Keimen (Darmflora) unterstützen. Dazu muss aber nicht unbedingt das Wort „probiotisch auf der Verpackung stehen. Auch gewöhnlicher Naturjoghurt enthält solche lebenden Keime [7], soferne das Produkt nicht pasteurisiert wurde. Dieser enthält im Gegensatz zu vielen als probiotisch beworbenen Produkten auch keinen zugesetzten Zucker und andere Zusatzstoffe.

Joghurts mit probiotischen Kulturen sollen oe24.at zufolge wahre Wunder wirken: angeblich verringern sie Stress und Schmerzempfinden. Der Artikel bezieht sich dabei auf die Ergebnisse einer neuen Studie [1]. Der Studienautorin Kirsten Tillisch zufolge sollen Probiotika auch Depressionen lindern und eines Tages sogar Alzheimer heilen, schreibt oe24.at.

Vieles davon ist an den Haaren herbeigezogen, weil dazu schlicht nie Studien durchgeführt worden sind: etwa zur Frage, ob Probiotika bei Alzheimer helfen oder Stress verringern können. Zu manchen Eigenschaften, die in der Werbung behauptet werden, gibt es jedoch durchaus wissenschaftliche Untersuchungen.

Stimmungsverbesserung fragwürdig

Ob probiotische Lebensmittel das Gemüt verbessern, kann die in oe24.at erwähnte Studie [1] nicht beantworten. In der Untersuchung sollten 36 Frauen Gesichtsausdrücke bestimmten Emotionen zuordnen. Zuvor hatten sie entweder vier Wochen lang ein probiotisches Milchprodukt oder ein Milchprodukt ohne probiotische Keime gegessen. Den Studienautoren zufolge unterschied sich dabei die Aktivität mancher Hirnregionen bei der probiotischen Gruppe von jener, die keine Probiotika zu sich genommen hatten. Was diese Unterschiede aber konkret für Auswirkungen auf das psychische Empfinden hatten, ließen die Wissenschaftler im Unklaren. Auch ist unbekannt, ob eine der beiden untersuchten Gruppen bei den Aufgaben besser abgeschnitten hatte. Zumindest bei Personen, die an Verstopfung leiden, könnte der regelmäßige Konsum von probiotischen Produkten die Stimmung heben, so die Ergebnisse einer anderen Untersuchung [2]. Einen häufigeren Stuhlgang schien das Probiotikum nach 20 Tagen aber nicht zu bewirken.

Ein weiteres Wissenschaftlerteam will herausgefunden haben, dass die Ernährung mit einem probiotischen Riegel nach einem Monat zu einer Verringerung von psychischem Unwohlsein wie Depressivität oder Angstzuständen führt [3]. Dass dies aber tatsächlich der Fall ist, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Die Wissenschaftler machen nämlich keine Angaben dazu, ob die probiotisch behandelten Versuchspersonen bereits vor Versuchsbeginn weniger depressiv und ängstlich waren als diejenigen, die kein probiotisches Produkt erhalten haben.

Probiotika und Immunsystem

Mit nichts werben Hersteller lieber als mit der angeblichen Stärkung des Immunsystems durch ihre probiotischen Milchprodukte. Die wissenschaftliche Überprüfung dieser Behauptung ist schwierig. Jedoch kann man annehmen, wer ein gutes Immunsystem hat, wird weniger oft krank.

Tatsächlich gibt es vorsichtige Hinweise darauf, dass der regelmäßige Verzehr von Lebensmitteln mit probiotischen Kulturen Entzündungen der oberen Atemwege vorbeugen könnte. Von der Cochrane Collaboration zusammengefasste Ergebnisse bisheriger Studien zeigen: Erkältungskrankheiten und Entzündungen von Kehlkopf und Luftröhre scheinen seltener aufzutreten, die Erkrankungsdauer verkürzt sich jedoch nicht [4]. Die Durchführung der Studien ist jedoch mangelhaft, die Ergebnisse müssen erst durch weitere, rigoroser durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt werden.

Hilfe bei Durchfall

Bei Verdauungsproblemen können manche probiotische Kulturen tatsächlich helfen. Einer systematischen Übersichtsarbeit zufolge [5] verkürzen sie die Dauer einer Durchfallerkrankung um etwa einen Tag. In bisher durchgeführten Studien waren mehr als 6 von 10 Patienten (meist Kinder) den Durchfall nach drei Tagen wieder los, wenn sie Probiotika einnahmen. Nach einer Scheinbehandlung war das nur bei 4 von 10 Betroffenen der Fall. Welche Probiotika am wirksamsten sind, ist unklar. Die in den Studien am häufigsten untersuchten probiotischen Keime waren Lactobacillus casei (ein Milchsäurebakterium), Saccharomyces boulardii (eine Hefeart) und Enterokokken (Bakterien, die in Käse, Rohwürsten und dem menschlichen Darm vorkommen).

Auch Kinder mit Durchfallerkrankungen über mehr als zwei Wochen profitieren möglicherweise von den lebenden Kulturen. Diese Gruppe von Durchfallerkrankten ist zwar nicht so gut untersucht, wahrscheinlich können Probiotika aber auch hier die Dauer der Beschwerden verkürzen [6]. Das Online-Merkblatt des Deutschen Instituts für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen fasst die Ergebnisse zusammen [8]. Die IQWiG-Autoren warnen aber auch vor seltenen Nebenwirkungen. Meist werden die probiotischen Mikroorganismen gut vertragen. Ist das eigene Immunsystem allerdings massiv geschwächt, können sie auch selbst schwere Entzündungen auslösen. Unklar bleibt auch, ob es einen Unterschied in der Wirksamkeit zwischen Probiotika in Kapselform, als Pulver oder in Milchprodukten gibt. Nicht untersucht wurde außerdem, ob es einen Unterschied in der Wirksamkeit konventioneller Joghurts zu solchen mit der Aufschrift „probiotisch“ gibt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Tillisch u.a. (2013)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 36 körperlich und psychisch beschwerdefreie Frauen
Studiendauer: 4 Wochen
Fragestellung: Verändert die 4-wöchige Einnahme eines probiotischen Milchprodukts die Hirnaktivität bei emotionalen Aufmerksamkeitsaufgaben?
Mögliche Interessenskonflikte: Studienfinanzierung durch Hersteller probiotischer Produkte (Danone)

Tillisch K, Labus J, Kilpatrick L, Jiang Z, Stains J, Ebrat B, Guyonnet D, Legrain-Raspaud S, Trotin B, Naliboff B, Mayer EA. Consumption of fermented milk
product with probiotic modulates brain activity. Gastroenterology. 2013 Jun;144(7):1394-1401.e4. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Benton u.a. (2007)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 132 Personen mit einem Durchschnittalter von 62 Jahren
Studiendauer: 3 Wochen
Fragestellung: Beeinflusst ein probiotisches Milchprodukt Verstopfung, Stimmung und Gedächtnisleistung?
Mögliche Interessenskonflikte: Studienfinanzierung durch Hersteller probiotischer Produkte (Yakult Japan)

Benton D, Williams C, Brown A. Impact of consuming a milk drink containing a probiotic on mood and cognition. Eur J Clin Nutr. 2007 Mar;61(3):355-61. Epub 2006 Dec 6. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Messaoudi u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 66 Personen
Studiendauer: 30 Tage
Fragestellung: Beeinflusst ein probiotisches Produkt die psychische Verfassung?
Mögliche Interessenskonflikte: Studienfinanzierung durch Hersteller probiotischer Produkte (Rosell-Lallemand Group)

Messaoudi M, Lalonde R, Violle N, Javelot H, Desor D, Nejdi A, Bisson JF, Rougeot, Pichelin M, Cazaubiel M, Cazaubiel JM. Assessment of psychotropic-like properties of a probiotic formulation (Lactobacillus helveticus R0052 and Bifidobacterium longum R0175) in rats and human subjects. Br J Nutr. 2011Mar;105(5):755-64. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Hao u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 3451
Fragestellung: Können Probiotika Infektionen der oberen Atemwege vorbeugen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Hao Q, Lu Z, Dong BR, Huang CQ, Wu T. Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 9. Art. No.: CD006895. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Allen u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 63 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 8014 Kinder und Erwachsene
Fragestellung: Können Probiotika bei der Behandlung von Durchfall helfen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Allen SJ, Martinez EG, Gregorio GV, Dans LF. Probiotics for treating acute infectious diarrhoea. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 11. Art. No.: CD003048. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Bernaola u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 4 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 464 Kinder
Fragestellung: Können Probiotika bei der Behandlung von Durchfall helfen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Bernaola Aponte G, Bada Mancilla CA, Carreazo Pariasca NY, Rojas Galarza RA. Probiotics for treating persistent diarrhoea in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 11. Art. No.: CD007401. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] Meyer AL, Micksche M, Herbacek I, Elmadfa I (2006). Daily intake of probiotic as well as conventional yogurt has a stimulating effect on cellular immunity in young healthy women. Ann Nutr Metab. 2006;50(3):282-9. (Zusammenfassung der Studie)

[8] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheiswesen (IQWiG) (2010). Durchfall: Verkürzen probiotische Bakterien die Zeit auf der Toilette? Abgerufen am 11. 6. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/durchfall-verkuerzen-probiotische-bakterien-die-zeit-auf-der-toilette.97.de.html