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Gleichstrom gegen Depression

©iStockphoto.com/vicspacewalke

Depressionen sind häufig

Depressionen sind eine weit verbreitete Erkrankung mit enormem Leidensdruck. Die transkranielle Gleichstrom Stimulation (tDCS) ist eine experimentelle Behandlungsmethode, bei der dem Gehirn weder mit Skalpell noch Medikamenten zu Leibe gerückt wird und die Gehirnareale in ihrer Aktivität beeinflussen kann. Aber hilft tDCS Depressionen erfolgreich zu behandeln?
 

Zeitungsartikel: Gleichstrom gegen Depression (8.1.2013, derstandard.at),
Frage:Hilft eine transkranielle Gleichstrom Stimulation gegen schwere Depressionen?
Antwort:Eine brandneue Übersichtsarbeit zeigt, dass die tDCS bei Patienten mit schwerer Depression weder zu einer dauerhaften Verbesserung führt, noch ist das Ansprechen auf die Therapie besser als auf eine Placebobehandlung. Allerdings ist die Teilnehmerzahl sowohl insgesamt als auch bei den einzelnen Studien zu niedrig für eine verlässliche Einschätzung.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Mit Gleichstrom kann die Gehirnaktivität beeinflusst werden. Elektroden werden über bestimmten Arealen auf der Kopfhaut platziert und ein schwacher Gleichstrom (1 oder 2 mA) wird meist für rund 20 Minuten angelegt. Zwar werden keine Nervenreize ausgelöst, aber die Erregbarkeit der entsprechenden darunterliegenden Hirnareale kann erhöht oder erniedrigt werden. Auf Basis dieses Wirkmechanismus entstand die Idee, neben den etablierten Behandlungen für schwere Depression, die tDCS als Therapie zu testen [1].

Deutliche Verbesserung oder sinnloser Stromverbrauch?

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 [2], bei der letztlich zehn Studien analysiert wurden, findet eine Überlegenheit der Gleichstrombehandlung gegenüber einer Placebobehandlung  – bei welcher der Strom nur kurz am Anfang und am Ende der Behandlungszeit fließt. Auch soll die Wirkung der Behandlung noch nach einem Monat anhalten.

Bei der Übersichtsarbeit fehlen allerdings zwei neuere Studien, außerdem ist die Studienauswahl nicht transparent und es wurden nicht die klinisch wichtigen Faktoren betrachtet. Eine eben erst erschienene  und methodisch bessere systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse [1] führt zu anderen Ergebnissen – und  konzentriert sich überdies auf die klinisch relevanten Faktoren, also darauf, wie viele Patienten überhaupt auf die Behandlung ansprechen und wie viele tatsächlich gesund werden. In diesen beiden wesentlichen Punkten wird kein Vorteil der Gleichstrombehandlung gegenüber einer Placebobehandlung festgestellt.

tDCS zeigt also wenig Erfolg in der Behandlung von schweren Depressionen. Ob sich tDCS als Behandlung von schwerer Depression eignet, können nur Studien mit einer größeren Teilnehmerzahl zeigen. Noch ist bei der Anwendung von Gleichstrom vieles unklar, unter anderem die genaue Dosis, die Häufigkeit und Dauer der Anwendungen und wo genau die Elektroden platziert werden sollen.

tDCS als Unterstützung für andere Therapien?

Die im Standard zitierte Studie [3] untersucht nicht die therapeutische Wirkung, sondern beschäftigt sich mit der Gedächtnisleistung nach einer emotionalen Ablenkung.  Bei bestimmten Gedächtnisaufgaben nach einer Ablenkung schnitten depressive Personen schlechter ab als gesunde. Unter Einfluss der Gleichstrombehandlung war dieser Unterschied aufgehoben. Die Studienautoren sehen eine Chance, in Zukunft die tDCS zur Unterstützung anderer Therapien einzusetzen.

Die transkranielle Gleichstrombehandlung hat die Vorteile mobil zu sein, nebenwirkungsarm und kostengünstig , gerade im Vergleich zu anderen nicht invasiven Methoden wie beispielsweise der transkraniellen Magnetstimulation. Nebenwirkungen können Jucken, Kribbeln, Hautirritationen und Kopfweh sein [2].

Hintergrund: Depressionen

Es existieren zahlreiche Formen von Depression, unterschieden wird unter anderem nach Schweregrad der Depression und unipolarer und bipolarer (früher manisch-depressiver) Depression. Dazu kommen Ausprägungen wie beispielsweise Altersdepression, Schwangerschaftsdepression oder saisonale Depression. In Summe ist Depression die häufigste psychische Erkrankung. Die WHO schätzt, dass weltweit 350 Millionen Menschen daran leiden und dass selbst in Europa nicht einmal die Hälfte aller depressiven Erkrankungen behandelt wird [4].

Während die Wirkung von tDCS unklar ist, haben sich in der Behandlung von schweren Depressionen eine Reihe von Wirkstoffen und psychotherapeutischen Verfahren als wirksam erwiesen. Die Medikamente regeln auf unterschiedliche Weise das Vorkommen von Botenstoffen im Gehirn, genauer deren Präsenz im synaptischen Spalt, also der Verbindung zwischen zwei Nervenzellen. Es wird zwischen Akutbehandlung und Langzeittherapie unterschieden, für die jeweils unterschiedliche Methoden angewendet werden [5].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Berlim u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: sechs randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 200 Patienten mit schweren Depressionen
Fragestellung: Hilft transkranielle Gleichstrom Stimulation gegen schwere Depressionen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine beim Erstautor, ein Koautor gibt Förderungen, Vortrags- und Reiseunterstützung durch Neuronetics, Brainsway Inc., Pfizer, Merck und Hoffmann-La Roche Limited an.

Berlim MT, Van den Eynde F, Daskalakis ZJ. Clinical utility of transcranial
direct current stimulation (tDCS) for treating major depression: a systematic
review and meta-analysis of randomized, double-blind and sham-controlled trials.
J Psychiatr Res. 2013 Jan;47(1):1-7. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Kalu u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: zehn Einzelstudien, sechs davon randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 176 depressive Patienten, 96 wurden behandelt,80 erhielten eine Scheinbehandlung
Fragestellung: Wie wirkt tDCSbei Depression?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Kalu UG, Sexton CE, Loo CK, Ebmeier KP. Transcranial direct current
stimulation in the treatment of major depression: a meta-analysis. Psychol Med.
2012 Sep;42(9):1791-800. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Wolkenstein, Plewnia (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Einzelstudie
Teilnehmer: 22 Patienten mit schweren Depressionen und 22 Gesunde
Fragestellung: Kann Gleichstromstimulation am dorsolateralen präfrontalen Cortex bei Depressiven die kognitive Kontrolle verbessern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Wolkenstein L, Plewnia C. Amelioration of Cognitive Control in Depression by
Transcranial Direct Current Stimulation. Biol Psychiatry. 2012 Dec 6.
(Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] WHO über Depression: WHO Europa am 16. 1. 2013

[5] Cipriani A, Barbui C, Butler R, Hatcher S, Geddes J. (2005). Depression in adults: drug and physical treatments. Clin Evid, 2011 May 25. (Zur Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)