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Heilsame Knospen? Die fragwürdige Welt der Gemmotherapie

Heilkraft in Tannentrieben?

Heilkraft in Tannentrieben?

Pflanzen-Knospen sollen zahlreiche Krankheiten heilen, behaupten Fans der Gemmotherapie. Wissenschaftliche Hinweise fehlen jedoch.

Frage:Besitzen Keimlinge oder Knospen eine heilende Wirkung?
Antwort:unklar
Erklärung:Eine heilende Wirkung von Knospen wurde bisher in keiner einzigen wissenschaftlichen Studie untersucht. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Inhaltsstoffe aus Knospen Krankheiten heilen können.

Wer im asiatischen Restaurant ein Gericht mit Sojasprossen bestellt, denkt wahrscheinlich eher an dessen hungerstillende und weniger an eine heilsame Wirkung. Die Anhänger der Gemmotherapie (von lateinisch „gemma“ für Knospe) sind jedoch gerade von zweiterem überzeugt. Ihnen zufolge können Knospen und junge Triebe vieler Pflanzen zahlreiche Krankheiten heilen oder zumindest lindern.

Den Grund dafür sehen sie darin, dass junge Pflanzenschösslinge viele Zellen besitzen, die den Stammzellen bei Tier und Mensch ähnlich sind. Diese „pflanzlichen Stammzellen“ – die wissenschaftliche Beizeichnung ist Meristem – können sich zu beliebigen Pflanzenteilen wie Blättern, Wurzeln oder Stängel weiterentwickeln. Gerade das soll ihnen besondere, heilende Eigenschaften verleihen.

Keine wissenschaftlichen Studien

Käuflich erhältlich sind Lösungsmittel-Extrakte aus Knospen oder jungen Trieben. Sie werden als Mundsprays oder Tropfenpräparate angeboten und sollen beispielsweise entschlackend wirken oder Entzündungen bekämpfen.

Die behaupteten Wirkungen sind breit gestreut. So verhelfen Lindenknospen angeblich zu besserem Schlaf, sie sollen aber auch das Blut reinigen können. Knospen des Weißdorns wirken der Lehre zufolge auf den Herzmuskel und beeinflussen den Herzrhythmus, während Triebe der schwarzen Johannisbeere angeblich bei Insektenstichen Linderung bringen [1] [2].

Inwieweit diese Heilsbehauptungen zutreffen, bleibt bestenfalls spekulativ. Wissenschaftliche Studien, die Knospenextrakte oder deren angeblich krankheitslindernde Wirkung untersucht hätten, existieren schlicht nicht. Es fehlt nicht nur an Beweisen für eine solche Behauptung, es gibt auch keine nachvollziehbare und logische Erklärung dafür.

Pflanzenwachstum und Blut-Eiweiße

Wenn rationale Argumente fehlen, versuchen Befürworter und Anhängerinnen einer Lehre häufig, eine Pseudologik darum herum aufzubauen. Im Fall der Gemmotherapie sollen bestimmte wachstumsfördernde Substanzen, die in Knospen und Trieben vermehrt vorkommen, der Grund für eine angeblich heilende Wirkung sein. Wie und warum Stoffe, die pflanzliche Zellen wachsen lassen, die Gesundheit des Menschen fördern sollen, wird damit allerdings nicht erklärt.

Der Sichtweise der pseudowissenschaftlichen Therapierichtung nach lassen sich Krankheiten grob durch die Konzentrationen von fünf Blutproteinen (Albumin und vier verschiedene Globuline) und ihr Verhältnis zueinander diagnostizieren. Für jedes der fünf Eiweiße, bei dem die Konzentration erniedrigt oder erhöht ist, stehen der Lehre zufolge bestimmte Pflanzen zur Verfügung, deren Knospen die Eiweiß-Konzentration im Blut wieder „ins Lot bringen“ sollen [1].

Für diese Annahmen gibt es jedoch keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Ob Knospenextrakte die Menge an Blutbestandteilen verändern können, wurde nie in Studien untersucht. Zudem ist es schlicht nicht möglich, Kranhheiten lediglich anhand der Konzentration von ein paar Blutproteinen zu diagnostizieren.

Kulinarischer statt medizinischer Wert

Dass sich aus Meristem-Zellen von Pflanzenkeimlingen und Knospen so unterschiedliche Pflanzenteile wie Blätter, Wurzeln, eine Blüte, der Stamm oder Rinde bilden können, ist zweifelsohne faszinierend. Wie Inhaltsstoffe daraus auf magische Weise Krankheiten zum Verschwinden bringen sollen, kann dieses biologische Phänomen jedoch nicht erklären.

In der Küche haben Knospen und junge Triebe aber auch ohne Heilsversprechungen großen Wert. Der kulinarische Gebrauch beschränkt sich nicht nur auf Soja- oder Bambussprossen in fernöstlichen Gerichten. So verspeisen Menschen in Frankreich oder spanischsprachigen Ländern etwa gerne Palmherzen. Dabei handelt es sich um den Meristem-haltigen Wachstumskegel an der Spitze verschiedener Palmenarten.

Das in heimischen Gefilden beliebteste Sprossengemüse ist der Spargel. Bekannt ist aber auch ein Sirup aus jungen Fichten-, Lärchen- oder Tannentrieben als Hausmittel gegen Husten. Wer von der hustenlösenden Wirkung nicht überzeugt ist, kann den Sirup auch einfach des köstlichen Geschmacks wegen mit Wasser verdünnt trinken. Und dazu vielleicht ein Butterbrot mit Gartenkresse verzehren – auch dabei handelt es sich um Sprossen.

[Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels erschien am 23. Juli 2015. Eine neuerliche Literatursuche ergab keine zusätzlichen Einsichten.]

 

Die Studien im Detail

Zur Gemmotherapie existieren keine wissenschaftlichen Studien.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Quellen

[1] Andrianne & Leunis (2008)
Les bases de la prescription en gemmothérapie: paramètres biologiques sériques et phytosociologie. Phytothérapie 6.5 (2008): 301-305 (Englische und französische Zusammenfassung des französischen Artikels)

[2] Andrianne (2008)
La gemmothérapie: passé, présent et avenir. Phytothérapie 6.1 (2008): 29-32 (Englische und französische Zusammenfassung des französischen Artikels)