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Gefährlicher Hormon-Cocktail in Kosmetika?

©iStockphoto.com/IndigoBetta

Böse Kosmetika?

Aktualisiert: Die Umweltschutzorganisation Global 2000 warnt vor hormonell aktiven Substanzen in Kosmetika, die mit zahlreichen Erkrankungen beim Menschen in Zusammenhang gebracht werden. Was wissen wir über das Risiko? (ursprünglich veröffentlicht am 26.2.2014)

Zeitungsartikel: Jede zweite Bodylotion enthält hormonell wirksame Chemikalien (derStandard.at, 5.12.2013)
Frage:Sind hormonaktive Substanzen in Kosmetika ein Gesundheitsrisiko?
Antwort:unklar
Erklärung:Zwar enthalten zahlreiche Kosmetika tatsächlich Substanzen, die das Hormonsystem beeinflussen können, ein Gesundheitsrisiko ist aber nicht belegt. Ökologische Folgen sind hingegen bereits nachzuweisen.

Aktualisiert am 25.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien ergibt keine inhaltliche Änderung.

Es ist keine Absicht, eigentlich haben die Stoffe eine ganz andere Funktion: Manche Chemikalien werden beispielsweise als Konservierungsmittel eingesetzt, sind aber aufgrund ihrer Struktur auch hormonell wirksam. Obwohl sie für etwas ganz anderes gedacht sind, können sie das Hormonsystem beeinflussen; solche Substanzen werden in der Fachwelt als „endokrine Disruptoren“ bezeichnet. Sie kommen nicht nur in Kosmetika vor, auch Weichmacher im Plastik zählen teilweise dazu, siehe http://www.medizin-transparent.at/phthalate-machen-weichmacher-unfruchtbar

Dick aufgetragen?

Die häufigsten hormonaktiven Substanzen in Kosmetika sind Parabene, Stoffe die sehr gut gegen Bakterien und Pilze wirken und so die Körperpflegeprodukte haltbar machen. In erster Linie werden solche Stoffe an Zellkulturen im Labor oder im Tierversuch auf ihre schädigende Wirkung untersucht. Hier zeigen Parabene eine schwache Wirkung auf die Östrogen-Aktivitäten [1] [c].
 
Solche Befunde alleine geben aber noch keinen Aufschluss darüber, ob das für den Menschen gesundheitliche Folgen hat. Dafür braucht es Beobachtungen am Menschen und die sind bei Parabenen laut einer industriefinanzierten Übersichtarbeit aus dem Jahr 2010 spärlich und nicht eindeutig [1]. Sinnvoll wären langjährige Kohortenstudien, bei denen Personen, die parabenhaltige Kosmetika verwendet haben mit jenen verglichen werden, bei denen das nicht der Fall war; doch solche Studien haben wir nicht gefunden und sie werden auch in den EU – bzw. WHO Berichten nicht erwähnt [b] [c].
 
Somit ist das Risiko für Parabene nicht mit klinischen Studien nachgewiesen, erst recht nicht das Risiko durch Kosmetika. Aber bei der Einschätzung von Gefahren kann nur sehr selten eine generelle Entwarnung gegeben werden – und bei hormonaktiven Substanzen ist die Lage aus vielen Gründen kompliziert. Der WHO Bericht macht klar, wie sehr es an guten Studien fehlt. Viele Chemikalien sind überhaupt nicht erforscht, die Wechselwirkung mit bestimmten Krankheiten ist unbekannt und es ist auch nicht ausreichend geklärt, wann und wie endokrine Disruptoren in die körperliche Entwicklung von Heranwachsenden eingreifen [b]. Tier- und Laborstudien zeigen, dass die Substanzen in bestimmten Lebensabschnitten besonders stark wirken, beispielsweise in der Embryonalentwicklung und in der Pubertät.

In Summe gefährlich?

Wie erwähnt sind nicht nur in Kosmetika hormonaktive Substanzen enthalten, sondern auch in zahlreichen anderen Produkten. Der Mensch ist also vielen solcher Einflüsse ausgesetzt, was die Risikobewertung sehr schwierig macht. Denn selbst wenn für jeden einzelnen Stoff Obergrenzen sinnvoll festgelegt wären, ist damit noch lange nicht bekannt, wie sich alle Substanzen gemeinsam auswirken – und immerhin werden derzeit rund 800 Chemikalien verdächtigt, das Hormonsystem stören zu können [b].
 
Da über Tier- und Laborstudien geklärt ist, dass ein Einfluss möglich ist, hat dieses Thema in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen und sowohl die EU als auch die WHO erstellen regelmäßige Risikoeinschätzungen für endokrine Disruptoren. Über alle entsprechenden Substanzen und Kontaktmöglichkeiten hinweg, zeigen sich die hormonaktiven Stoffe durchaus bedrohlich, sie werden unter anderem mit folgenden Erkrankungen in Verbindung gebracht: Brustkrebs, Unfruchtbarkeit, Übergewicht, Autoimmunerkrankungen, Parkinson und einige andere. Im Bericht von 2012 warnt die WHO davor, dass aufgrund der sich möglicherweise aufsummierenden Effekte, das Risiko sogar noch stark unterschätzt werden könnte.
 
Neben dem direkten Einfluss auf die menschliche Gesundheit werden darin auch die Gefahren für die Umwelt thematisiert. Hormonaktive Substanzen reichern sich in manchen Bereichen an und haben massiven ökologischen Einfluss: Beispielsweise geht der WHO-Bericht davon aus, dass der Bestandsrückgang vieler Greifvogelarten, Schnecken und Robben mit endokrinen Disruptoren zutun hat.

Schon kleine Mengen furchtbar?

Global 2000 behauptet, dass es bei hormonaktiven Stoffen nicht auf die Dosis ankommt; weil schon kleinste Mengen den Hormonhaushalt beeinflussen könnten. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung sieht das offensichtlich anders und schlägt kein Verbot, sondern bei manchen Parabenen eine Obergrenze vor [a].
Neben der Dosis ist auch wichtig, in wie weit die Substanzen überhaupt vom Körper aufgenommen werden. Auch das ist noch nicht für alle Parabene gleichermaßen geklärt.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christoph)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Witorsch (2010)
Studientyp: Übersichtsarbeit
Fragestellung: Endokrine Disruptoren und Kosmetika
Interessenskonflikte: Die Autoren sind emeritierte Professoren, die Übersichtarbeit wurde von Herstellern gesponsert.

Witorsch RJ, Thomas JA. Personal care products and endocrine disruption: A
critical review of the literature. Crit Rev Toxicol. 2010 Nov;40 Suppl 3:1-30.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Bundesinstitut für RisikobewertungVerwendung von Parabenen in kosmetischen Mitteln. Stellungnahme Nr. 009/2011 des BfR vom 28. Januar 2011

[b] WHO State
WHO State of the Science of Endocrine Disrupting Chemicals, 2012

[c] EU Scientific Committee on Consumer Safety, 2010: Einschätzung von Parabenen (pdf)