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Gefährliche Zahnfüllungen aus Amalgam?

©iStockphoto.com/luissantos84

Macht Amalgam krank?

Zahnärzte raten häufig zum Austausch von intakten Zahnfüllungen aus Amalgam, so ein Bericht in Der Standard. Geht von den quecksilberhaltigen Plomben eine gesundheitliche Gefahr aus?

Zeitungsartikel: Gegensätzliche Diagnosen bei Amalgamberatung (28.3.2012, Der Standard)
Frage:Kommt es durch Zahnfüllungen aus Amalgam zu gesundheitlichen Schäden?
Antwort:Mit Ausnahme von sehr spezifischen Nebenwirkungen wahrscheinlich nicht. Es gibt keine Belege für gesundheitliche Schäden in der Allgemeinbevölkerung durch die Quecksilberaufnahme aus Amalgamfüllungen. Die Ausnahmen sind Überempfindlichkeitsreaktionen und Veränderungen der Mundschleimhaut.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagegegen ein allgemeines Risiko

Kaum ein Erwachsener hat ein komplett kariesfreies Gebiss. Die Löcher in den Backenzähnen werden häufig mit Amalgam verschlossen. Zahnärzte verwenden das silbergraue Füllmaterial seit über 160 Jahren. Kein Wunder, denn die Legierung ist leicht zu verarbeiten und günstig; nach der Aushärtung sind die Plomben widerstandsfähig, gut verträglich und lange haltbar. [2]

Jahrhundertealte Kontroverse

Trotz dieser Vorteile wurde bereits im 19. und 20. Jahrhundert darüber diskutiert, ob Amalgamfüllungen möglicherweise gesundheitliche Schäden verursachen. Die Kontroverse wird nach wie vor in Teilen der Öffentlichkeit und der Ärzteschaft geführt. Schließlich besteht Amalgam zu etwa 50 Prozent aus Quecksilber. Dieses Metall kann bei entsprechender Dosierung Vergiftungen mit teils schweren Folgen hervorrufen, etwa nach Arbeitsunfällen oder durch Umweltverschmutzung.

In der Tat ist Quecksilber auch im Körper von Menschen mit Amalgamfüllungen nachweisbar, zum Beispiel im Urin, im Blut oder in den Haaren. Beim Legen und Entfernen der Füllungen ist die Quecksilberbelastung am höchsten. Auch in der Zeit dazwischen tritt aus den Plomben ständig Quecksilberdampf aus, der eingeatmet wird und in den Körper gelangt.

Allerdings gilt die Menge des derartig aufgenommenen Quecksilbers als ungefährlich. Überzeugende Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und der Entstehung von verschiedenen Krankheiten (Autoimmunerkrankungen, Alzheimer usw.) fehlen. Die Notwendigkeit eines Austausches von intakten Füllungen kann aus der aktuellen Studienlage also nicht abgeleitet werden. [2] [3] [5] [6] [7]

Keine Risiken für Kinder und Erwachsene identifiziert

So wurden in zwei randomisiert-kontrollierten Studien mit über 1000 Kindern aus den USA und aus Portugal weder Nierenschäden noch Beeinträchtigungen von Nervensystem, Verhalten und Intelligenz festgestellt. [5]

Eine retrospektive Kohortenstudie mit 20.000 Militärangehörigen aus Neuseeland (84 Prozent Männer) fand auch keine Belege für einen Zusammenhang zwischen Amalgamfüllungen und einem erhöhten Erkrankungsrisiko. [1]

Selten und mild: Reaktionen auf die Haut und im Mund

Eine Ausnahme bilden Überempfindlichkeits- bzw. allergische Reaktionen auf Amalgambestandteile, die mit Symptomen auf der Haut oder in der Mundhöhle einhergehen.

Außerdem kommt es mitunter zu entzündlichen Veränderungen der Mundschleimhaut, im Fachjargon oraler Lichen ruber planus genannt. Die weißlichen Stellen können nach der Entfernung von unmittelbar angrenzenden Amalgamfüllungen komplett abheilen. Allerdings bleibt dieser Effekt zuweilen aus – offenbar besteht zumindest nicht immer ein ursächlicher Zusammenhang. [2] [4] [8]

Nicht lückenlos

Für andere durch Amalgam verursachte Erkrankungen fehlen belastbare Belege. Allerdings kritisieren viele Wissenschaftler, dass die Erforschung von möglichen Schäden durchaus noch einige Lücken aufweist. Auch gebe es bei manchen Studien methodische Schwächen. Hier sind in den kommenden Jahren weitere Arbeiten mit hoffentlich schlüssigen Aussagen zu erwarten. [1] [2] [5] [7]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bates u.a. (2004A)
Studientyp: retrospektive Kohortenstudie
Teilnehmer insgesamt: 20000 Erwachsene
Fragestellung: Gibt es negative gesundheitliche Folgen durch Amalgamfüllungen?

Bates MN, Fawcett J, Garrett N, Cutress T, Kjellstrom T.
Int J Epidemiol. 2004 Aug;33(4):894-902.
Health effects of dental amalgam exposure: a retrospective cohort study.
Volltext

[2] Brownawell u.a. (2005)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: über 300
Fragestellung: Gibt es durch Amalgam hervorgerufene gesundheitliche Auswirkungen?

Brownawell AM, Berent S, Brent RL, Bruckner JV, Doull J, Gershwin EM, Hood RD, Matanoski GM, Rubin R, Weiss B, Karol MH.
The potential adverse health effects of dental amalgam.
Toxicol Rev. 2005;24(1):1-10.
Zusammenfassung

[3] Dodes (2001)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Welche Belege bzw. Argumente gibt es in der Amalgamkontroverse?

The amalgam controversy. An evidence-based analysis.
J Am Dent Assoc. 2001 Mar;132(3):348-56.
Zusammenfassung

[4] Issa u.a. (2004)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien:19 (Kohortenstudien, Fall-Kontrollstudien),
Teilnehmer insgesamt:1158 Erwachsene
Fragestellung: Heilen Schleimhautveränderungen nach der Entfernung von Amalgamfüllungen?

Issa Y, Brunton PA, Glenny AM, Duxbury AJ.
Healing of oral lichenoid lesions after replacing amalgam restorations: a systematic review.
Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod. 2004 Nov;98(5):553-65.
Zusammenfassung

[5] Rasines (2008)
Studientyp: evidenzbasierte Zusammenfassung
Fragestellung: Erhöhen Amalgamfüllungen das Risiko für neurologische Erkrankungen bei Kindern zwischen 6 und 10?

Mercury released from amalgam restorations does not give rise to toxic effects on the nervous system of children.
Evid Based Dent. 2008;9(1):25-7.
Volltext

[6] Rathore (2012)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Angst vor Amalgam – begründet auf Tatsachen oder Mythen?
Rathore M, Singh A, Pant VA.
The dental amalgam toxicity fear: a myth or actuality.
Toxicol Int. 2012 May;19(2):81-8. doi:
Zusammenfassung

[6] Rathore (2012)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Angst vor Amalgam – begründet auf Tatsachen oder Mythen?
Rathore M, Singh A, Pant VA.

The dental amalgam toxicity fear: a myth or actuality.
Toxicol Int. 2012 May;19(2):81-8. doi:
Volltext

[6] Roberts, Charlton (2009)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Welche gesundheitlichen Folgen hat das Freisetzen von Quecksilber als Amalgamfüllungen?

Roberts HW, Charlton DG.
The release of mercury from amalgam restorations and its health effects: a review.
Oper Dent. 2009 Sep-Oct;34(5):605-14.
Volltext

[8]Schedle u.a.(2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 134
Fragestellung: Rufen zahnmedizinsche Materialien unerwünschte Reaktionen hervor?

Schedle A, Ortengren U, Eidler N, Gabauer M, Hensten A.
Do adverse effects of dental materials exist? What are the consequences, and how can they be diagnosed and treated?
Clin Oral Implants Res. 2007 Jun;18 Suppl 3:232-56.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[9]Bates (2004B)
Mercury amalgam dental fillings: an epidemiologic assessment.
Int J Hyg Environ Health. 2006 Jul;209(4):309-16.
Zusammenfassung

[10]Homme ua (2014)
Homme KG, Kern JK, Haley BE, Geier DA, King PG, Sykes LK, Geier MR.
New science challenges old notion that mercury dental amalgam is safe.
Biometals. 2014 Feb;27(1):19-24.
Volltext