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FSME nach Zeckenstich: ein Kinderspiel?

FSME-Risiko Zeckenbiss

FSME-Risiko Zeckenbiss

Die Zeckenimpfung ist in Österreich gang und gäbe. Sie schützt mit hoher Wahrscheinlichkeit vor der durch Zecken übertragenen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Doch wie dramatisch ist eine solche Erkrankung eigentlich für Kinder? Auf derstandard.at ist davon die Rede, dass Kinder kaum ernsthaft an FSME erkranken.

 
 

 

Zeitungsartikel: Wie gefährlich sind Zecken wirklich? (12.4.2007, derstandard.at)
Frage:Verläuft durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) bei Kindern deutlich milder als bei Erwachsenen?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass FSME bei Kindern wahrscheinlich mit milderen Symptomen einhergeht als bei Erwachsenen. Auch bleibende Schäden sind bei jüngeren Patienten seltener. Allerdings kann FSME auch bei Kindern in Einzelfällen schwere gesundheitliche Folgen haben.

Oh Schreck – ein Zeck! Nach dem Spielen am Waldrand, nach dem Picknick im Park oder Beerensuchen im Unterholz entdecken viele Österreicher dieses unerwünschte Mitbringsel auf ihrer Haut.

Meistens bleibt der Nahkontakt mit einer blutsaugenden Zecke ohne Folgen für die Gesundheit. Doch manchmal werden durch Zeckenstiche bestimmte Viren übertragen. Diese können die Frühsommer-Meningoenzephalitis, besser bekannt unter ihrem Kürzel FSME, auslösen.

FSME hat viele Gesichter

Diese Infektion kann sehr krank machen – also Entzündungen der Gehirnhäute, des Gehirns, des Rückenmarks und der Nerven hervorrufen. Dann ist ein Aufenthalt im Spital notwendig. Folgeschäden, die nur langsam oder gar nicht ausheilen, sind möglich.

Häufiger jedoch verläuft eine FSME unbemerkt oder ruft nur leichte Beschwerden hervor. Zu den Krankheitszeichen gehören Fieber, Kopfschmerzen und Schwindelgefühl – ähnlich wie bei einer Sommergrippe. Durch diesen banalen Verlauf werden leichte FSME-Fälle wohl häufig gar nicht als solche erkannt [9].

Bei manchen Personen ist die Infektion also erfreulich unspektakulär oder sie heilt zumindest ohne Komplikationen aus. Für andere Infizierte ist sie eine sehr ernste und langwierige Angelegenheit, die zudem dauerhafte Störungen wie Lähmungen hervorrufen kann. Eine FSME führt in sehr seltenen Fällen sogar zum Tod [9].

Schutzfaktor Jugend?

Die Ursache für diese Unterschiede im Schweregrad der Erkrankung ist nicht bekannt. Vermutlich jedoch ist das Alter der betroffenen Person einer – von mehreren! – Faktoren [6].

Darauf deutet eine Untersuchung aus Slowenien hin [4]. Forscher verglichen den FSME-Verlauf von Kindern und Erwachsenen. Auch wenn nur 20 Kinder an dieser Studie teilgenommen haben, ist ein gewisser Trend erkennbar: Die jungen Patienten hatten im Allgemeinen weniger schwere Symptome und erholten sich rascher als die Erwachsenen.

Verschiedene Länder – ein Trend

Auch andere Autoren stellten ähnliches fest, nachdem sie die Krankheitsdaten von Kindern bzw. Jugendlichen aus Slowenien [6], Deutschland [2], aus der Schweiz [5] und der Steiermark [1] analysiert hatten. Bis auf einen Fall mit vollständiger Impfung und zwei Fälle mit unvollänstiger Impfung waren die betroffenen Kinder ungeimpft [11] und entwickelten häufiger eine Gehirnhautentzündung (Meningitis), während Erwachsene eher mit der gefährlicheren Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute (Meningo-Enzephalitis) kämpften. Letztere hat eine schlechtere Prognose.

Allerdings sind Kinder und Jugendliche nicht vor einer schweren FSME gefeit. Es gibt Berichte von jungen Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden mussten, sich nur langsam erholten oder sogar bleibende Behinderungen davontrugen. Auch Todesfälle sind dokumentiert.

Vage Verdachtsmomente aus Schweden

Die meisten Kinder aus Europa mit FSME erholen sich jedoch vollständig, so die aktuelle Datenlage. In den letzten Jahren hegten allerdings einige Forscher (unter anderem [8] [10]) Zweifel daran, ob die Gefahr durch FSME für Kinder möglicherweise unterschätzt wird.

Sie fragten sich: Übersehen Ärzte die Krankheit zu häufig, da sie bei Kindern eher unspektakulär verläuft? Und: Bleibt deshalb die Ursache für Folgeschäden wie Konzentrationsstörungen im Dunkeln? Die derzeit dazu vorliegenden Untersuchungen (unter anderen [8] [10]) sind allerdings nicht aussagekräftig genug, um verlässliche Schlüsse in diese Richtung ziehen zu können.

Schutzimpfung nach Risikoabwägung

Bis vor einigen Jahrzehnten erkrankten in Österreich jedes Jahr einige hundert Personen an der FSME. Seit Einführung der ‚Zeckenimpfung’ ist die Zahl der Betroffenen sehr stark zurück gegangen. 2012 gab es laut Statistik Austria [14] 38 dokumentierte FSME-Fälle. Ein Großteil der Bevölkerung in Österreich hat zumindest ein Mal eine Impfstoff-Injektion erhalten [11].

Nach wie vor wird die Impfung allen in Österreich lebenden Personen empfohlen, sie ist die einzige wirkungsvolle Vorbeugungsmaßnahme gegen FSME, spezifische Therapie gibt es keine. Sie bietet einen hohen, aber keinen hundertprozentigen Schutz. Spezielle Impfstoffe für Kinder sind ab dem 1. Lebensjahr zugelassen. In Ausnahmefällen wird sogar schon ab dem 7. Lebensmonat geimpft.

In welchem Alter die Impfung am besten erfolgt, sollten Kinderärzte gemeinsam mit den Eltern entscheiden. Wichtig für diese Abwägung sind beispielsweise der Wohnort sowie das Freizeit- und Reiseverhalten des Kindes. Diese Faktoren beeinflussen nämlich das Risiko, mit (infizierten) Zecken in Berührung zu kommen [13].

Nach einer FSME-Impfung kommen Nebenwirkungen recht häufig vor. Bis auf seltene Ausnahmen sind diese unerwünschten Effekte aber mild und harmlos; neben Schmerzen an der Einstichstelle sind es u.a. Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskel- und Gelenksschmerzen oder Müdigkeit und Unwohlsein. Gelegentlich kann unter anderem auch Fieber auftreten. Bei Kindern kann Fieber nach der Impfung häufiger auftreten als bei Erwachsenen [7] [9] [12].

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

Fritsch u.a. (2008)
Studientyp: retrospektive Kohortenstudie
Eingeschlossene Studien: 116 Kinder aus der Steiermark mit FSME im Zeitraum 1981 bis 2005
Fragestellung: Wie häufig kommt FSME bei (geimpften/ungeimpften) Kindern in der Steiermark vor? Welchen Verlauf und welche Folgeschäden zeigt die Erkrankung?
Interessenskonflikte: keine angeführt

Fritsch P, Gruber-Sedlmayr U, Pansi H, Zöhrer B, Mutz I, Spork D, Zenz W. Tick-borne encephalitis in Styrian children from 1981 to 2005: a retrospective study and a review of the literature. Acta Paediatr. 2008 May;97(5):535-8. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Kaiser (2005)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 124 Kinder und Jugendliche aus Baden-Würtemmberg und Südhessen, Zeitraum 1994 bis 2003
Fragestellung: Anzahl und Verlauf von FSME-Erkrankungen bei Kindern in Süddeutschland
mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Kaiser R. Frühsommermeningoenzephalitis im Kindes- und Jugendalter: Eine prospektive Studie über 10 Jahre in Baden-Württemberg und Südhessen. Monatsschr Kinderheilkd 2005 154:1111-1116. (Studie in voller Länge)

[3] Lesnicar u.a. (2000)
Studientyp: retrospektive Beobachtungsstudie
Teilnehmer: 371 Kinder und Jugendliche aus Slowenien, Zeitraum 1959 bis 2000
Fragestellung: Anzahl und Verlauf von FSME-Erkrankungen bei Kindern in Slowenien
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Lesnicar G, Poljak M, Seme K, Lesnicar J. Pediatric tick-borne encephalitis in 371 cases from an endemic region in Slovenia, 1959 to 2000. Pediatr Infect Dis J. 2003 Jul;22(7):612-7. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Logar u.a. (2000)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 20 Kinder, 60 Erwachsene (Patienten eines Spitals in Ljubljana)
Fragestellung: Welche epidemiologischen und klinischen Unterschiede gibt es bei FSME von Kindern und Erwachsenen?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Logar M, Arnez M, Kolbl J, Avsic-Zupanc T, Strle F. Comparison of the epidemiological and clinical features of tick-borne encephalitis in children and adults. Infection. 2000 Mar-Apr;28(2):74-7. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Stählin-Masserk u.a. (2013)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmer: 55 Kinder aus der Schweiz, 6 Wochen bis 15 Jahre alt)
Fragestellung: Anzahl und Verlauf von FSME-Erkrankungen bei Kindern in der Schweiz
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Stähelin-Massik J, Zimmermann H, Gnehm HE. Tick-borne encephalitis in Swiss children 2000-2004: five-year nationwide surveillance of epidemiologic characteristics and clinical course. Pediatr Infect Dis J. 2008 Jun;27(6):555-7. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Arnez & Avsic-Zupanc (2009).
Arnez M, Avsic-Zupanc T. Expert Rev Anti Infect Ther. 2009 Dec;7(10):1251-60. Tick-borne encephalitis in children: an update on epidemiology and diagnosis. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Demicheli u.a. (2009).
Demicheli V, Debalini MG, Rivetti A. Vaccines for preventing tick-borne encephalitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 1. Art. No.: CD000977 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] Fowler u.a. (2013).
Studientyp:  Beobachtungsstudie
Teilnehmer: 55 Kinder aus Schweden, 2 bis 7 Jahre nach akuter FMSE untersucht
Fragestellung: Folgeschäden von ‚unauffälliger’ FSME bei Kindern – Auswirkungen in Bezug auf Neurologie, Neuropsychologie und EEG?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Fowler Å, Forsman L, Eriksson M, Wickström R. Tick-borne encephalitis carries a high risk of incomplete recovery in children. J Pediatr. 2013 Aug;163(2):555-60. (Zusammenfassung der Studie)

[9] IQWIG (2012). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Zecken. Abgerufen am 7.7.2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/zecken.2084.de.html

[10] Schmolck u.a. (2005)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmer: 19 Kinder aus Süddeutschland
Fragestellung: Folgeschäden von ‚unauffälliger’ FSME bei Kindern – Auswirkungen in Bezug auf Neurologie, Neuropsychologie und EEG?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Schmolck H, Maritz E, Kletzin I, Korinthenberg R. Neurologic, neuropsychologic, and electroencephalographic findings after European tick-borne encephalitis in children. J Child Neurol. 2005 Jun;20(6):500-8. (Zusammenfassung der Studie)

[11] Zenz u.a. (2005)
Studientyp: retrospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 139 Kinder aus der Steiermark unter 16 mit FSME im Zeitraum 1980 bis 2003
Fragestellung: Welchen Effekt hat das österreichische Impfprogramm zur Bekämpfung von FSME?
mögliche Interessenskonflikte: keine Angaben

Zenz W, Pansi H, Zoehrer B, Mutz I, Holzmann H, Kraigher A, Berghold A, Spork D. Tick-borne encephalitis in children in Styria and Slovenia between 1980 and 2003. Pediatr Infect Dis J. 2005 Oct;24(10):892-6. (Zusammenfassung der Studie)

[12] Deutsche Neurologische Gesellschaft (2012). Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Stand 2012. Abgerufen am 16.6.2014 unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-035l_S1_Fr%C3%BChsommer_Meningoenzephalitis_FSME_2012_1.pdf

[13] Österreichisches Bundesministerium für Gesundheit (2014). Österreichischer Impfplan 2014. Abgerufen am 16.6.2014 unter http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/8/9/4/CH1100/CMS1389365860013/impfplan2014.pdf

[14] Statistik Austria (2013). Angezeigte Fälle übertragbarer Krankheiten 2012 nach Bundesländern. Abgerufen am 7.7. 2014 unter www.statistik.at