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Fruchtzucker schlecht für die Leber?

Obst enthält viel Fruchtzucker. Ungesund ist es deshalb aber nicht.

Obst enthält viel Fruchtzucker. Ungesund ist es deshalb aber nicht.

Fruchtzucker (Fruktose) kommt natürlicherweise in Obst vor. In Lebensmitteln zugesetzt soll er angeblich die Leber schädigen. Dafür fehlen allerdings aussagekräftige Hinweise.

Frage:Kann Fruchtzucker die Leber schädigen?
Antwort:unklar
Erklärung:Für eine möglicherweise leberschädigende Wirkung von Fruchtzucker gibt es keine aussagekräftigen Hinweise.

Obst ist gesund und bekömmlich, es enthält wichtige Vitamine, Ballaststoffe und Spurenelemente. Darum empfehlen Ernährungsexperten, täglich mehrere Früchte zu verspeisen. Umso irritierender sind Berichte, wonach Obst – in Form von Fruchtsaft – in großen Mengen schlecht für die Gesundheit sind. Die Rede ist dabei nicht von giftigen Pestizidrückständen, sondern vom darin enthaltenen Fruchtzucker. Dieser soll für die Entstehung der Nichtalkoholischen Fettleber, einer krankhaften Einlagerung von Fett in die Leberzellen, maßgeblich verantwortlich sein.

Der gängige Haushaltszucker besteht aus einer Verbindung von Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose). Erst nach der Aufnahme im Körper werden die beiden Zuckerarten getrennt verwertet. Traubenzucker und Fruchtzucker liefern die gleiche Energiemenge, werden aber unterschiedlich abgebaut. Darüber hinaus hat Fruchtzucker eine ungefähr doppelt so hohe Süßkraft wie Traubenzucker.

Natürlicher Fruchtzucker – künstlich zugesetzt

Diesen Umstand nützt die Nahrungsmittelindustrie, um bei der Herstellung von Süßwaren oder Limonaden vermehrt Fruchtzucker einzusetzen und damit mengenmäßig Zucker einzusparen. Dies geschieht vorwiegend in den USA, wo seit langem aus Mais gewonnener Sirup mit einem hohen Anteil von Fruchtzucker eingesetzt wird. In Europa überwiegt noch immer der aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr hergestellte Haushaltszucker (auch als Saccharose bezeichnet) als Süßungsmittel.

In Früchten ist von Natur aus ein hoher Anteil von Fruchtzucker enthalten, wobei der Wert von Obstsorte zu Obstsorte schwankt. Traditionellerweise wird Fruchtzucker als die „gesunde Form“ von Zucker angesehen. Auch für Zuckerkranke wurde er früher als Alternative angepriesen, weil er im Gegensatz zu Traubenzucker kaum Einfluss auf den Insulinspiegel im Blut nimmt und unabhängig von diesem wichtigen Hormon vom Körper weiterverarbeitet werden kann.

Mittlerweile rät auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung von stark fruchtzuckerhältigen Produkten ab [5]. Der Grund liegt vor allem darin, dass Fruktose – wie andere Zuckerarten auch – in größeren Mengen Fettleibigkeit und weitere Diabetes-Risikofaktoren fördert. Es sind vor allem mit Fruchtzucker versetzte industriell hergestellte Speisen, die in der Kritik stehen, denn diese können im Gegensatz zu Obst tatsächlich große Mengen dieses Zuckers enthalten. Zudem fehlen hier Ballaststoffe, Vitamine und andere Stoffe, die im Obst enthalten sind.

Fruchtzucker und nichtalkoholische Fettleber

Die Leber wandelt Fruchtzucker in verwertbare Energie um. Dabei wird auch Fett in die Leberzellen eingelagert. Das ist im Normalfall völlig unproblematisch, da dieses Fett auch wieder abtransportiert wird. In den letzten Jahren richtete sich das Interesse der Medizin verstärkt auf die mittlerweile häufigste aller chronischen Lebererkrankungen, die Nichtalkoholische Fettleber. Hier sind diese Fettablagerungen krankhaft.

Da die Leber vielfältige Funktionen hat, ist es schwierig, die Ursachen dafür eingrenzen. Die konkreten Auslöser sind noch unklar. Fest steht jedoch, dass eine Nichtalkoholische Fettleber häufiger bei Menschen auftritt, die übergewichtig sind, einen zu hohen Cholesterinspiegel haben beziehungsweise an Diabetes oder einer Insulinresistenz leiden [6]. Insulinresistenz bedeutet, dass die Körperzellen nicht mehr ausreichend auf Insulin reagieren und Zucker aus dem Blut aufnehmen. Die Folge ist ein erhöhter Blutzuckerspiegel. Wissenschaftler glauben, dass Insulinresistenz die Hauptursache für eine nichtalkoholische Fettleber sein könnte [6].

Fruchtzucker als Ursache nicht belegt

Für die Vermutung, dass Fruchtzucker für die Entstehung der Lebererkrankung verantwortlich ist, gibt es keine aussagekräftigen Hinweise [1]. In Studien, bei denen Versuchsteilnehmer wenige Wochen lang zusätzlich zu den normalen Mahlzeiten größere Mengen an Fruchtzucker aufnahmen, haben sich die Kennwerte für die Lebergesundheit verschlechtert [1,2]. Daran könnten jedoch die zusätzlich aufgenommenen Kalorien schuld sein – unabhängig von der Art des Zuckers.

In anderen Worten: für die Leber spielt es möglicherweise keine Rolle, welche Art von Zucker man zu sich nimmt. So findet sich in Studien, die die zusätzliche Aufnahme von Traubenzucker mit derselben Menge Fruchtzucker verglichen, keinen Unterschied bei den Auswirkungen auf Leberwerte [1,2].

Allerdings nimmt der Mensch mit seiner Nahrung immer eine unterschiedlich große Mischung von Frucht- und Traubenzucker zu sich. Ein hoher Konsum von mit Maissirup gesüßten Limonaden, von Fruchtsäften oder Obst erhöhen den Anteil von Fruchtzucker. Studien, in denen Probanden entweder nur Fruchtzucker oder nur Traubenzucker erhalten, sind somit weit von der realen Situation entfernt und nur beschränkt aussagekräftig.

Als Dickmacher zu Unrecht verdächtigt

Verbreitet ist auch die Annahme, dass Fruchtzucker Übergewicht besonders fördert. Dass er ein größerer Dickmacher ist als andere Zuckerarten, scheinen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien allerdings zu widerlegen [3]. Vielmehr sehen die Verfasser der Studienzusammenfassung klare Hinweise, dass es schlicht die übermäßige Menge an verspeisten Kalorien ist, die Übergewicht verursacht.

Und diese Menge ist auch entscheidend: das amerikanische Institute of Medicine der National Academies geht von einem notwendigen Tagesbedarf von ca. 130 Gramm Kohlenhydraten aus [4]. Diese Menge soll aber hauptsächlich aus langkettigen Kohlenhydraten bestehen, also vor allem Stärke, die sich hauptsächlich in Getreideprodukten und Kartoffeln findet. Höchstens 25 Prozent dieser Menge sollte tatsächlich Zucker sein.

Das Alarmierende ist, dass die benötigte Menge an Kohlenhydraten von den meisten Konsumenten um mindestens 50 Prozent überschritten wird und der Anteil von Zucker daran nochmals viel zu hoch ist. Dauerhaft zu viel an Zucker erhöht wiederum das Risiko von zu hohen Blutfettwerten und Diabetes. Mehr zu Übergewicht und Zuckerkrankheit gibt es hier online bereits unter „Macht Zucker zuckerkrank?

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht am 18. 11. 2013. Zwei neue systematische Übersichtsarbeiten [1,2] haben zu geringfügigen Änderungen geführt, bestätigen im Wesentlichen aber die bisherige Grundaussage.]

(Autoren: C. Hahn, B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chung u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 1 prospektive Kohortenstudie, 3 Fall-Kontroll-Studien, 2 Querschnittstudie, 13 randomisiert-kontrollierte Studien, 2 nicht-randomisierte kontrollierte Studien, 6 Crossover-Studien
Fragestellung: Erhöht Fructose das Risiko für nicht-alkoholische Fettleber?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Chung M, Ma J, Patel K, Berger S, Lau J, Lichtenstein AH. Fructose, high-fructose corn syrup, sucrose, and nonalcoholic fatty liver disease or indexes of liver health: a systematic review and meta-analysis. Am J Clin Nutr. 2014 Sep;100(3):833-49. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Chiu u.a. (2014)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 13 kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 260 gesunde Personen
Studiendauer: 1 – 10 Wochen
Fragestellung: Erhöht Fructose im Vergleich zu Glucose oder zusätzlich zur normalen Ernährung bestimmte Lebewerte?
Interessenskonflikte: Studienautoren erhalten Zuwendungen aus der Lebensmittelindustrie

Chiu S, Sievenpiper JL, de Souza RJ, Cozma AI, Mirrahimi A, Carleton AJ, Ha V, Di Buono M, Jenkins AL, Leiter LA, Wolever TM, Don-Wauchope AC, Beyene J, Kendall CW, Jenkins DJ. Effect of fructose on markers of non-alcoholic fatty liver disease (NAFLD): a systematic review and meta-analysis of controlled feeding trials. Eur J Clin Nutr. 2014 Apr;68(4):416-23. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] Sievenpiper u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 41 Ernährungsstudien
Teilnehmer insgesamt: 756 Personen
Fragestellung: Wie wirkt sich Fruchtzuckerkonsum auf das Körpergewicht aus?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Sievenpiper JL, de Souza RJ, Mirrahimi A, Yu ME, Carleton AJ, Beyene J, Chiavaroli L, Di Buono M, Jenkins AL, Leiter LA, Wolever TM, Kendall CW, Jenkins DJ. Effect of fructose on body weight in controlled feeding trials: a systematic review and meta-analysis. Ann Intern Med. 2012 Feb 21;156(4):291-304. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Dietary Reference Intakes for Energy, Carbohydrate, Fiber, Fat, Fatty Acids, Cholesterol, Protein, and Amino Acids Food and Nutrition Board des Institute of Medicine der National Academies, 2002 (Veröffentlichung in voller Länge)

[5] Bundesinstitut für Risikobewertung 2009
Stellungnahme des deutschen Instituts für Risikobewertung zu fruktosehaltigen Produkten für Diabetiker. Abgerufen am 25. 7. 2016 auf www.bfr.bund.de

[6] UpToDate (2016)
Tendler DA (2016). Pathogenesis of nonalcoholic fatty liver disease. In Travis AC (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 7. 2016 unter www.uptodate.com/contents/pathogenesis-of-nonalcoholic-fatty-liver-disease