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Folsäure für angehende Väter?

©istockphoto.com/selvanegra

Wirkt Folsäure auf die Erbsubstanz?

Frauen sollten in der Zeit um die und in der Schwangerschaft zusätzlich Folsäure zu sich nehmen, um bestimmte Geburtsschäden zu vermeiden. Laut einem Beitrag auf orf.at könnte das auch auf Männer zutreffen. Die Studie, die das behauptet, wurde allerdings an Mäusen durchgeführt.

Zeitungsartikel: Vaters Ernährung beeinflusst den Nachwuchs (10.12.2013, science.orf.at)
Frage:Hilft zusätzliche Folsäure bei Männern, um Geburtsschäden bei Kindern zu verhindern?
Antwort:Zu dieser Frage gibt es keine klinische Studie am Menschen. Einige Studien zeigen einen möglichen Einfluss von Folsäure auf die Spermienqualität, aber auch da ist die Studienlage keinesfalls ausreichend. Ein Einfluss auf Geburtsschäden ist nicht untersucht.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Folsäure ist wichtig für die gesunde Entwicklung des Kindes im Mutterleib. Wenn Frauen vor und während der Schwangerschaft zusätzlich Folsäure zu sich nehmen, kann das einen bestimmten Geburtsschaden verhindern, den offenen Rücken [1]. Jetzt sollen auch Männer Folsäure nehmen, um Geburtsschäden zu vermeiden – zumindest gehen einige Medienberichte über eine Studie in diese Richtung.

Mann oder Maus?

Anlass ist eine Studie an Mäusen [2]; sie hat gezeigt, dass ein Folsäuremangel der Mäuseväter zu mehr Geburtsfehlern bei den Nachkommen führen kann. Natürlich werden Tierstudien gemacht, um letztlich etwas über den Menschen zu lernen, aber dennoch dürfen die Ergebnisse nicht einfach übertragen werden. Es gibt keine Studien, die bei Männern der Spezies Mensch einen Zusammenhang von Folsäuremangel mit Geburtsschäden untersuchen.

Außerdem müssen die Geburtsfehler in der Mäusestudie gar nichts mit der Ernährung der Mäuseväter zu tun haben. In der Studie waren schon die Muttertiere der späteren Versuchs-Männchen von Anfang an auf eine Diät mit zu wenig Folsäure gesetzt. Es kann also sein, dass sich der Folsäuremangel bereits in der Embryonalentwicklung der späteren Versuchstiere ausgewirkt hat. Dann hätte deren eigene Ernährung später gar keine Rolle mehr gespielt.

Eine zusätzliche Einnahme von Folsäure kann nur sinnvoll sein, wenn ein Mangel droht. Schwangere Frauen haben einen höheren Bedarf, aber wie sieht es mit dem Folsäurehaushalt der Männer aus? Der österreichische Ernährungsbericht [a] zeigt etwas Überraschendes: Nur ein bis zwei Prozent der Erwachsenen nehmen mit der Nahrung so viel Folsäure auf wie grundsätzlich empfohlen wird. Allerdings hat der Ernährungsbericht auch Blutwerte erhoben und die zeigen: Trotz der geringen Aufnahme von Folsäure liegen über 72 Prozent der Männer und 79 Prozent der Frauen im Normbereich. Der Ernährungsbericht kommt zu dem Schluss, dass „bei Folsäure eine weitaus bessere Langzeitversorgung vorliegt als bisher vermutet.“

Bessere Spermienqualität?

Was durchaus schon untersucht wurde, ist, ob Folsäure die Spermienzahl und Spermienqualität beeinflussen kann. Falls das der Fall wäre, könnte damit in manchen Fällen Unfruchtbarkeit oder mangelhafte Fruchtbarkeit von Männern behandelt werden. Aber es existieren selbst zu dieser Frage nur wenige und noch dazu mangelhafte Studien, deren Ergebnisse auch noch keineswegs eindeutig sind [3][4][5]: Bei Männern mit Fruchtbarkeitsproblemen wird die Spermienzahl erhöht und es verbessern sich einige Eigenschaften der Spermien [3]. Ob die Verbesserung so groß ist, dass sie tatsächlich Einfluss auf die Fruchtbarkeit hat, ist noch nicht geklärt.

Hintergrund: Folsäure

Folsäure ist ein Vitamin, gehört also zu jenen Stoffen, die für den Körper notwendig sind, die er aber nicht selber herstellen kann. Folsäure kommt in zahlreichen Lebensmitteln vor, von grünem Gemüse bis zu Leber oder Hülsenfrüchten. Sie spielt unter anderem eine wichtige Rolle für den Zusammenbau der Erbinformation in den Zellen.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] De-Regil u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 5
Teilnehmer insgesamt: 6105
Fragestellung: Verhindert Folsäure Geburtschäden?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

De-Regil LM, Fernández-Gaxiola AC, Dowswell T, Peña-Rosas JP. Effects and safety of periconceptional folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 10. Art. No.: CD007950.
Zusammenfassung

[2] Lambrot u.a. (2013)
Studientyp: Laborstudie an Mäusen
Fragestellung: Epigenetische Veränderungen an Spermien durch Folsäuremangel und deren Folgen.
Interessenskonflikte:: Zwei Autoren erhalten Honorare von Reproduktionsforschungsunternehmen.

Lambrot R, Xu C, Saint-Phar S, Chountalos G, Cohen T, Paquet M, Suderman M,
Hallett M, Kimmins S. Low paternal dietary folate alters the mouse sperm
epigenome and is associated with negative pregnancy outcomes. Nat Commun. 2013
Dec 10;4:2889.
Volltext

[3] Azizollahi u.a. (2013)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 112 Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen
Fragestellung: Helfen Zink und/oder Folsäure die Spermienqualität nach einer Varikozelektomie zu verbessern?

Azizollahi G, Azizollahi S, Babaei H, Kianinejad M, Baneshi MR,
Nematollahi-mahani SN. Effects of supplement therapy on sperm parameters,
protamine content and acrosomal integrity of varicocelectomized subjects. J
Assist Reprod Genet. 2013 Apr;30(4):593-9.
Zusammenfassung

[4] Ebisch u.a. (2007)
Studientyp: narrative Übersichtsarbeit
Fragestellung: Wie hilfreich sind Folsäure, Zink und Antioxidantien in der Behandlung von Unfruchtbarkeit
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Ebisch IM, Thomas CM, Peters WH, Braat DD, Steegers-Theunissen RP. The
importance of folate, zinc and antioxidants in the pathogenesis and prevention of subfertility. Hum Reprod Update. 2007 Mar-Apr;13(2):163-74.
Volltext

[5] Wong u.a. (2002)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 108 fruchtbare Männer und 103 Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen
Fragestellung:Wie wirken Folsäure und Zink auf die Fruchtbarkeit von Männern?
Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Wong WY, Merkus HM, Thomas CM, Menkveld R, Zielhuis GA, Steegers-Theunissen
RP. Effects of folic acid and zinc sulfate on male factor subfertility: a
double-blind, randomized, placebo-controlled trial. Fertil Steril. 2002
Mar;77(3):491-8.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Österreichischer Ernährungsbericht 2012
Zusammenfassung