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Vitamin D als Schmerzmittel überbewertet

Fibromyalgie: chronische Schmerzen

Fibromyalgie: chronische Schmerzen

Aktualisiert: Chronische Schmerzen unkompliziert und kostengünstig behandeln: darauf macht der Kurier Fibromyalgie-Geplagten Hoffnung. Vitamin D – Präparate sollen die Weichteilschmerzen lindern. Studien lassen jedoch Zweifel aufkommen. (ursprünglich veröffentlicht am 30.1.2014)

 
 

 

Zeitungsartikel: Nie wieder Kreuzweh (16.1.2012, Kurier),
Kleine Tropfen, große Wirkung: Vitamin D (Vinzenz Magazin 03/2013, S. 26-27)
Frage:Kann die Einnahme von Vitamin D – Präparaten chronische Schmerzen bei Fibromyalgie verbessern?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Studienlage dazu ist nicht eindeutig, klare Hinweise, dass Vitamin D helfen kann, fehlen bisher.

Aktualisiert am 26.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltlichen Änderungen.

Schmerzen im ganzen Körper, keine erkennbare Ursache, nichts hilft – bereits zwei unter 100 jungen Menschen mit 20 Jahren leiden an Fibromyalgie, im Alter von 70 Jahren sind es bereits durchschnittlich acht von 100 Personen [4]. Betroffene verspüren ständige Schmerzen in Muskeln, Gelenken und oft im Rücken, häufig begleitet von Kopfschmerzen oder chronischen Darmbeschwerden, Schlaflosigkeit und Depressionen.

Eine schnelle Heilung existiert nicht. Umso mehr Hoffnung macht daher die Aussage eines leitenden Arztes im Orthopädischen Spital Speising (Wien) im Kurier. Demnach haben nahezu alle Patienten einen Vitamin D-Mangel, und die Gabe von Vitamin D könne die Schmerzen oft lindern.

Beleg bisher ausständig

Dass Vitamin D tatsächlich Fibromyalgie-Symptome bessern kann, will der Speisinger Mediziner dem Magazin der Vinzenz-Krankenhausgruppe zufolge anhand einer neuen Untersuchung zeigen [1]. Bei genauerer Betrachtung deuten die Studienergebnisse jedoch auf keine merkliche Schmerzbesserung durch die Vitamin D – Gabe hin. Zudem weist die Studie zahlreiche Mängel auf.

Abgesehen von der Speisinger Untersuchung finden sich nur zwei kleine, wenig aussagekräftige Studien, die die Wirkung von Vitamin D bei Fibromyalgie überprüfen. Auch die Ergebnisse dieser beiden Untersuchungen lassen an der schmerzstillenden Wirkung von Vitamin D zweifeln. In einer Untersuchung an 50 Teilnehmerinnen fanden Forscher keinen Hinweis darauf, dass das Vitamin bei den Fibromyalgiepatientinnen trotz niedrigem Vitamin D-Spiegel besser wirkte als ein Scheinmedikament. Auch nach einer dreimonatigen Behandlung hatten sich Muskel- und Gelenksschmerzen nicht merkbar gebessert [2].

Die zweite Studie [3] an 84 Teilnehmern mit Fibromyalgie-Diagnose liefert widersprüchliche Ergebnisse. Sechs Wochen nach der Behandlung ist nicht klar, ob die Patienten in der Vitamin D – Gruppe tatsächlich weniger Schmerzen haben als diejenigen in der Scheinbehandlungsgruppe.

Auch zur Behandlung anderer chronischer Schmerzen wie rheumatoider Arthritis und rheumatischer Polymyalgie scheint Vitamin D keine Wunderwaffe zu sein [2].

Vitamin D – Mangel als Ursache?

Ein Mangel an Vitamin D ist tatsächlich relativ häufig, wie der Österreichische Ernährungsbericht 2012 [5] zeigt. Vitamin D kann mit der Nahrung (zum Beispiel fettreichem Fisch) aufgenommen werden, der Körper kann es jedoch mit Hilfe von Sonnenlicht auch in der Haut selbst herstellen. Gerade in der kalten, dunklen Jahreszeit fällt ihm das aber schwer. Dass Vitamin D – Mangel jedoch eine Ursache für Fibromyalgie ist, muss erst noch gezeigt werden. Nur eine streng durchgeführte, randomisiert-kontrollierte Studie an vielen Patienten könnte dazu neue Erkenntnisse liefern.

Was bei Fibromyalgie hilft

Meist treten die chronischen Fibromyalgie-Schmerzen zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr auf. Zu Beginn sind die Schmerzen meist auf einzelne Körperregionen wie Schultern oder Nacken begrenzt sein, können sich im weiteren Verlauf jedoch auf mehrere Regionen ausbreiten. Die Ursache für die Schmerzerkrankung ist unklar, auch in gründlichen Untersuchungen können Ärzte keine sichtbaren körperlichen Veränderungen feststellen. Dennoch können die Schmerzen das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen – in Folge sind Depressionen und Angsterkrankungen eine häufige Begleiterscheinung.

Neben Medikamenten (zum Beispiel schmerzstillende Mittel, aber auch Antidepressiva) kann vor allem regelmäßige sportliche Betätigung helfen [4]. Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen eine deutliche Besserung bei zumindest 20 Minuten Sport täglich an zwei bis drei Tagen in der Woche. Auch Krafttraining könnte helfen [6]. Ebenfalls Hilfe verschaffen könnte eine Kognitive Verhaltenstherapie [7], bei der Betroffene lernen, negative Gedanken und ihre Einstellung zu sich und ihrer Erkrankung zu verändern.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Wepner u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studiendauer: 25 Wochen
Teilnehmer: 42 Fibromyalgie-Patienten (35-55 Jahre, 90% weiblich)
Fragestellung: Bewirkt Vitamin D – Gabe bei Patienten mit Fibromyalgie und leichtem Vitamin D – Mangel eine Symptombesserung?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Wepner F, Scheuer R, Schuetz-Wieser B, Machacek P, Pieler-Bruha E, Cross HS, Hahne J, Friedrich M. Effects of vitamin D on patients with fibromyalgia syndrome: A randomized placebo-controlled trial. Pain. 2014 Feb;155(2):261-8. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Straube u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 4 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 294 Patienten mit chronischen Schmerzen
Fragestellung: Bewirkt Vitamin D – Gabe bei Patienten mit chronischen Schmerzen eine Schmerzbesserung?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Straube S, Derry S, Moore RA, McQuay HJ. Vitamin D for the treatment of chronic painful conditions in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Art. No.: CD007771. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Schreuder u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studiendauer: 6 Wochen (+ 6 weitere Wochen Nachphase)
Teilnehmer: 84 Nicht-westliche Immigranten in Holland mit Vitamin D – Mangel und nichtspezifischen Schmerzen
Fragestellung: Bewirkt Vitamin D – Gabe bei Patienten mit unspezifischen Schmerzen und Vitamin D – Mangel eine Schmerzbesserung?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Schreuder F, Bernsen RM, van der Wouden JC. Vitamin D supplementation for nonspecific musculoskeletal pain in non-Western immigrants: a randomized controlled trial. Ann Fam Med. 2012 Nov-Dec;10(6):547-55. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Goldenberg DL (2013). Patient information: Fibromyalgia (Beyond the Basics). In Greene JM (ed.). UpToDate. Abgerufen am 21. 11. 2013 unter:
http://www.uptodate.com/contets/fibromyalgia-beyond-the-basics

[5] Elmadfa (2012). Österreichischer Ernährungsbericht. Bundesministerium für Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ernährungswissenschaften, Universität Wien. (Bericht in voller Länge)

[6] Busch AJ, Barber KA, Overend TJ, Peloso PMJ, Schachter CL (2007). Exercise for treating fibromyalgia syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD003786. DOI: 10.1002/14651858.CD003786.pub2. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Bernardy K, Klose P, Busch AJ, Choy EHS, Häuser W (2013). Cognitive behavioural therapies for fibromyalgia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 9. Art. No.: CD009796. DOI: 10.1002/14651858.CD009796.pub2. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)