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Erektionsstörungen: Was können pflanzliche Potenzmittel?

Fördert Ginseng die Standhaftigkeit?

Erektionsprobleme sind häufig. Neben blauen Pillen und Co sind auch pflanzliche Mittel sehr beliebt. Doch die Behauptungen auf den Packungen solcher Präparate sind meist unbewiesen. Eine mögliche Ausnahme könnte Ginseng sein.

 
 

 

Frage:Hilft Ginseng bei Erektionsstörungen?
Antwort:möglicherweise Ja
 
Frage:Helfen Yohimbe, Pinienrinde, Maca und pflanzliche TCM-Mittel bei Erektionsstörungen?
Antwort:unklar
Erklärung:Ginseng könnte möglicherweise bei Erektionsstörungen helfen. Größere und streng wissenschaftlich durchgeführte Studien müssen dies jedoch erst bestätigen. Ob andere pflanzliche Präparate helfen, ist unklar. Für eine klare Aussage ist die Studienlage zu dünn.

Keine Erektion zu bekommen oder aufrechterhalten zu können, beeinträchtigt das Sexualleben und die Zufriedenheit betroffener Männer enorm. Viele sind bereit, für eine Lösung dieses Problems tief in die Tasche zu greifen. Dementsprechend ist der Markt für Potenzmittel ein Milliardenbusiness.
 
Betroffene sind mit ihrem Problem bei weitem nicht alleine: Erektionsstörungen sind die häufigsten sexuellen Probleme bei Männern. Dabei spielt vor allem das Alter eine große Rolle. Ist mit 40 Jahren jeder Sechste betroffen, leidet mit 70 schon jeder dritte Mann an Potenzstörungen. Selbst in jungen Jahren ist eine Erektionsstörung keine Seltenheit, knapp ein Zehntel aller Männer zwischen 20 und 30 kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung [7].
 
Pflanzliche Mittel gelten als attraktive „natürliche“ Alternative zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Schließlich erfordern sie keine peinliche Konsultation eines Arztes – Pflanzenpräparate sind einfach in Apotheken oder Drogeriemärkten zu bekommen. Viele glauben zudem, pflanzliche Mittel hätten weniger Nebenwirkungen als apothekenpflichtige Medikamente. Eine unbewiesene Behauptung.

Vielversprechender Ginseng

Zu kaum einem pflanzlichen Mittel existieren aussagekräftige, wissenschaftliche Studien. Eine Ausnahme stellt Ginseng dar, auch wenn die Studienlage zur potenzsteigernden Wirkung der asiatischen Wurzel nicht umwerfend ist. Die zusammengefassten Ergebnisse bisher veröffentlichter Studien [1] [2] [3] [7] deuten darauf hin, dass Ginseng bei Erektionsstörungen möglicherweise hilfreich ist. Größere und streng wissenschaftlich durchgeführte Studien müssen dies jedoch erst bestätigen.
 
Ginseng ist allerdings bekannt dafür, dass er die Wirkung anderer Medikamente ungünstig beeinflussen kann. So kann die gleichzeitige Einnahme mit blutgerinnungshemmenden Mitteln wie Heparin, ASS (Acetylsalicylsäure, z.B. Markenname “Aspirin®“) oder Nachtkerzenöl Blutungen auslösen [8]. Auch mit weiteren häufig verordneten gerinnungshemmenden Mitteln, sogenannten Cumarinen (u.a. Phenprocoumon, z.B. „Marcoumar®“), kann Ginseng unerwünschte Wechselwirkungen haben [9]. Cumarine empfehlen Ärzte jenen Patienten, die zum Beispiel ein hohes Risiko für Schlaganfälle haben.
Ginseng könnte auch das Blutungsrisiko bei Operationen erhöhen. Steht eine Operation bevor, sollten Patienten ihren Arzt informieren, falls sie Ginseng einnehmen [10].

Fragwürdiger Yohimbe-Extrakt

Ein weiterer pflanzlicher Potenzmittel-Kandidat ist die Rinde des Yohimbe-Baums. In Afrika heimisch, gilt sie in der dortigen Volksheilkunde als Aphrodisiakum – es soll die sexuelle Lust steigern. Hauptbestandteil ist der Wirkstoff Yohimbin, welcher die Aktivität des autonomen Nervensystems erhöhen kann. Diese Eigenschaft soll auch Männern mit Erektionsproblemen helfen. Der wissenschaftliche Beweis dafür ist allerdings ausständig, denn bisherige Studien sind von zu geringer Qualität, um eine solche Wirksamkeit nachweisen zu können [7].
 
Yohimbe-Extrakt ist allerdings kein harmloses pflanzliches Mittel. Häufig lässt das Mittel den Blutdruck ansteigen, verursacht Kopfschmerzen, Angst- und Erregungszustände oder Verdauungsbeschwerden [7]. Zudem könnte das Medikament die Wirkung von Blutdrucksenkern, Antidepressiva oder anderen Arzneien beeinträchtigen [11].

Schlappe Studien

Zu vielen pflanzlichen Mitteln ist die Studienlage zu dünn, um ihre Wirkung abschätzen zu können. Unklarheit herrscht beispielsweise zu Pflanzenpräparaten aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Auch wenn mehrere Forscher Untersuchungen zu den unterschiedlichsten TCM-Präparaten durchgeführt haben, verhelfen sie nicht zu gesicherten Erkenntnissen. Der Grund ist, dass diese Untersuchungen nicht den wissenschaftlichen Mindestqualitätsstandards für aussagekräftige Studien entsprechen [4].
 
Ein Extrakt der in den südamerikanischen Anden beheimateten Maca-Pflanze soll ebenfalls die Manneskraft stärken. Ob an dieser aus Legenden stammenden Behauptung etwas dran ist, bleibt jedoch unklar. Ein Wissenschaftlerteam fand auf der Suche nach Studien zur potenzsteigernden Wirkung von Maca-Extrakt nur eine kleine Untersuchung [5]. Diese ist aufgrund ihrer schlechten Qualität jedoch nicht aussagekräftig.
 
Selbiges gilt für einen kommerziell vermarkteten Extrakt aus Pinienrinde mit Markennamen „Pycnogenol”. Hauptbestandteil ist der Wirkstoff Procyanidin mit stark antioxidativer Wirkung. Die Behauptung des Herstellers, der Extrakt könne bei Erektionsstörungen helfen, ist aufgrund fehlender Nachweise [6] fragwürdig.

Lebensstil als häufige Ursache

Ein Großteil der Erektionsprobleme hat tatsächlich medizinische Gründe. Unter den Männern, die beim Geschlechtsverkehr keine Erektionen bekommen oder aufrechterhalten können, ist die Ursache wahrscheinlich nur bei einem Fünftel psychischer Natur [7].
 
Generell haben Männer, die keinen Sport treiben, übergewichtig sind oder rauchen, öfter Erektionsprobleme als andere. Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte oder bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind neben Rauchen und Übergewicht die größten Risikofaktoren für Erektionsstörungen [12].
 
Überhaupt hat die erektile Dysfunktion, wie Mediziner sie nennen, mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen viel gemeinsam. Bei beiden liegen die Ursachen darin, dass die Blutgefäße nicht mehr ausreichend funktionieren [12]. Herzinfarkte oder Schlaganfälle sind häufig die Folgen einer krankhaften Verengung der Blutgefäße (Arteriosklerose). Auch für eine Erektion muss ausreichend Blut in die Schwellkörper des Penis fließen können.
 
Der Lebensstil ist jedoch nicht die einzige Ursache für Erektionsstörungen. So können acht der zwölf meistverschriebenen Medikamente die Erektionsfähigkeit als Nebenwirkung beeinträchtigen. Darunter befinden sich Antidepressiva (besonders SSRIs, Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer), Blutdruck-senkende Mittel oder auch Medikamente gegen Psychosen wie Schizophrenie. Andere Ursachen können Depressionen oder Stress sein. Möglicherweise spielen auch hormonelle Ursachen eine Rolle [12].

Wirksame Behandlungen

Erprobt sind sogenannte PDE-5 Hemmer. Zu diesen gehören Sildenafil (unter anderem unter dem Markennamen „Viagra“ bekannt), Vardenafil, Tadalafil und Avanfil. Sie alle scheinen gleich effektiv zu sein, sind aber keinesfalls nebenwirkungsfrei und können die Wirkung anderer Medikamente gefährlich verstärken [11].
 
Falls PDE-5-Hemmer im Einzelfall nicht helfen, gibt es auch weitere Behandlungsmethoden, die die Erektionsprobleme verbessern können: Dazu gehören Substanzen, die in den Penis gespritzt werden oder technische Hilfsmittel, die mittels Vakuum zu einer Erektion führen [11].

 

Die Studien im Detail

Ginseng

Gleich vier systematische Übersichtsarbeiten [1] [2] [3] [7] haben bisherige Studien zur Wirksamkeit von Ginseng bei Erektionsproblemen unter die Lupe genommen. Eine sehr gut gemachte, aber ältere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2008 hat sieben randomisiert-kontrollierte Studien identifiziert, eine neuere Übersichtsarbeit über ausschließlich koreanische Studien zwei weitere von koreanischen Autoren [2]. Diese und die beiden neueren Übersichtsarbeiten [3] [7] deuten alle in dieselbe Richtung: Ginsengpräparate scheinen wirksam zu sein, dies muss aber in größeren und strengeren Studien abgesichert werden. Die bisher veröffentlichten Studien sind zu klein und von zu geringer Aussagekraft, um eine verlässlichere Einschätzung zu erlauben.

Yohimbe

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011 fasst die Ergebnisse von sechs randomisiert-kontrollierten Crossover-Studien zusammen. Diese scheinen dem Wirkstoff Yohimbin zwar eine Wirksamkeit bei Erektiler Dysfunktion zu bescheinigen, sie sind aber von unzureichender Qualität. Zudem unterschieden sich die Studien in ihrer Durchführung stark voneinander, eine zusammenfassende Analyse ist daher nicht aussagekräftig. Ob Yohimbin Erektionsstörungen bessert, müssen zukünftige Studien zeigen.

TCM-Präparate

Einer relativ aktuellen systematischen Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 zufolge [4] ist unklar, ob pflanzliche Mittel in der traditionell-chinesischen Medizin (TCM) bei Erektionsproblemen wirken. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden nur eine einzige randomisiert-kontrollierte Studie, die ein TCM-Mittel mit der Wirkung eines Placebo-Mittels verglich. Sechs Studien verglichen TCM-Mittel mit Behandlungen der „westlichen Medizin“, vierzehn mit anderen TCM-Mitteln.
 
Alle Studien waren jedoch von unzureichender Qualität, um die Wirksamkeit klar einschätzen zu können. Zudem untersuchten die Studien eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzenpräparate, die Ergebnisse lassen sich also nicht zusammenfassen. Eine Analyse zeigte weiters, dass viele Studien nur veröffentlicht wurden, wenn sie eine Wirksamkeit zeigten. Studien mit negativen Ergebnissen dürften demzufolge noch in den Schubladen mehrerer Forscher schlummern. Dies kann die Einschätzung der Wirksamkeit verzerren.

Maca und Pinienrinde

Zur Wirkung der Maca-Pflanze fand eine systematische Übersichtsarbeit [5] nur eine einzige klinische Studie mit fragwürdiger Aussagekraft. Dasselbe gilt für einen Procyanidin-hältigen Pinienrinden-Extrakt, auch hier fanden Cochrane-Autoren [6] nur eine einzige Studie von fragwürdiger Methodik. Ob Maca- oder Pinienrinden-Extrakt die Erektionsfunktion verbessern können, ist bisher unklar.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jang u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 363
Fragestellung: Bewirkt roter Ginseng eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Jang DJ, Lee MS, Shin BC, Lee YC, Ernst E. Red ginseng for treating erectile dysfunction: a systematic review. Br J Clin Pharmacol. 2008 Oct;66(4):444-50. (Übersichtsarbeit in voller Länge) (Kritische Studienbeurteilung)

[2] Choi u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit über koreanische Studien
Eingeschlossene Studien: unter anderem 6 randomisiert-kontrollierte Studien zu Ginseng bei erektiler Dysfunktion
Teilnehmer insgesamt: 281
Fragestellung: Bewirkt Ginseng in koreanischen Studien eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Choi J, Kim TH, Choi TY, Lee MS. Ginseng for health care: a systematic review of randomized controlled trials in Korean literature. PLoS One. 2013;8(4):e59978.

Volltext

[3] Shergis u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: unter anderem 4 randomisiert-kontrollierte Studien zu Ginseng bei Erektionsstörungen
Teilnehmer insgesamt: 263
Fragestellung: Bewirkt Ginseng eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Shergis JL, Zhang AL, Zhou W, Xue CC. Panax ginseng in randomised controlled trials: a systematic review. Phytother Res. 2013 Jul;27(7):949-65.

Zusammenfassung

[4] Xiong u.a. (2014)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 21 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 2253
Fragestellung: Bewirken pflanzliche Präparate der traditionellen chinesischen Medizin eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Xiong G, Li B, Wang K, Li H. Chinese herb formulae for treatment of erectile dysfunction: a systematic review of randomised controlled clinical trials. Andrologia. 2014 Apr;46(3):201-23.

Zusammenfassung

[5] Shin u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: unter anderem 1 randomisiert-kontrollierte Studie zu Erektionsstörungen
Teilnehmer insgesamt: 50 Männer mit Erektionsstörungen
Fragestellung: Bewirkt Maca-Extrakt eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Shin BC, Lee MS, Yang EJ, Lim HS, Ernst E. Maca (L. meyenii) for improving
sexual function: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2010 Aug
6;10:44.

Volltext

[6] Schoonees u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: unter anderem 1 randomisiert-kontrollierte Studie zu Erektionsstörungen
Teilnehmer insgesamt: 21 Männer mit Erektionsstörungen
Fragestellung: Bewirkt ein Pinienrinden-Extrakt eine Besserung von Erektionsstörungen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Schoonees A, Visser J, Musekiwa A, Volmink J. Pycnogenol® (extract of French maritime pine bark) for the treatment of chronic disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 4. Art. No.: CD008294.

Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] Clinical Evidence (2011)
Khera M, Goldstein I. Erectile dysfunction. BMJ Clin Evid. 2011 Jun 29;2011. pii: 1803. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[8] IQWIG (2013)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wechseljahrsbeschwerden. Abgerufen am 13. 5. 2015

[9] IQWIG (2014)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Was sind Gerinnungshemmer und wie werden sie sicher angewendet? Abgerufen am 13. 5. 2015

[10] UpToDate (2014)
Saper RB. Overview of herbal medicine and dietary supplements. In Park L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 13.5.2015

[11] UpToDate (2015)
Cunningham GR. Treatment of male sexual dysfunction. In Martin KA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18.6. 2015

[12] UpToDate (2014)
Cunningham GR. Overview of male sexual dysfunction. In Martin KA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18.6. 2015