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Elektromagnetische Wunder für Marlies Schild?

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Knieheilung durch Magnetfelder?

16 Minuten auf der Matte liegen und ein Wundergerät arbeiten lassen, soll Marlies Schild bei ihrem Comeback nach einem Innenbandriss im Knie geholfen haben. Den vom Hersteller behaupteten wissenschaftlichen Nachweis für den Erfolg der Methode gibt es allerdings nicht.

Zeitungsartikel: Dieses Wundergerät macht Schild WM-fit (7.2.2012, Heute)
Frage:Können elektromagnetische Felder mit einem bestimmten Muster (pulsed electromagnet fields, PEMF) Verletzungen heilen?
Antwort:Zu dem Gerät sind keine guten Studien zu Verletzungen zu finden. Die einzige randomisiert-kontrollierte Studie behandelt Erschöpfung bei Patienten mit der unheilbaren Nervenkrankheit Multiple Sklerose und ist nicht sehr aussagekräftig. Selbst für die ganze Bandbreite ähnlicher Behandlungsmethoden existiert kein ausreichender Wirkungsnachweis.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Elektromagnetische Felder sind in Technik und Medizin seit ihrer Entdeckung gleichermaßen Träger riesiger Hoffnungen als auch Gegenstand geschickten Schwindels [6]. In der Medizin beruhen zahlreiche Methoden auf elektromagnetischen Feldern, zum Beispiel bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie. Hier sind sehr starke Magnetfelder im Einsatz.

Im Körper selbst spielen Ströme und damit verbundene elektromagnetische Felder an vielen Orten eine Rolle: An der Membran jeder einzelnen Zelle, an Gewebsmembranen der Organe und auch über die Haut existieren elektrische Spannungsunterschiede. Stromflüsse und elektrische Felder spielen also eine Rolle für das reibungslose Funktionieren des Körpers [2][6].

Entsprechend wurde die Wirkung von elektromagnetischen Feldern schon bei der Wundheilung, der Knochenheilung und bei Gelenksabnützungen untersucht [2][3][4][5]. Über einen Wirkmechanismus kann bisher allerdings nur spekuliert werden [2].

Von der Multiplen Sklerose zum Innenbandriss?

Die Firma Bemer und andere Hersteller arbeiten mit gepulsten elektromagnetischen Feldern (PEMF =Pulsed Electromagnetic Field): Der Strom, der das Magnetfeld aufbaut, hat ein ganz bestimmtes Muster. Bemer hat sich ein spezielles Muster der eingesetzten elektromagnetischen Felder patentieren lassen. Ein Patent sagt jedoch nichts über die Wirksamkeit aus. Ein Nachweis, dass speziell dieses Muster einen guten therapeutischen Effekt bringt, wurde nicht erbracht. Was im klaren Gegensatz zur Behauptung des Herstellers auf seiner Homepage steht: „Das neue Bemer-Behandlungssystem ist die meisterforschte und effektivste physikalische Behandlungsmethode, die heute in der ergänzenden und präventiven Medizin Anwendung findet.“ Tatsächlich ist nur eine randomisiert-kontrollierte Studie zu Müdigkeit bei Multipler Sklerose (MS) [1] zu finden und einige Laborergebnisse. Die eine Studie zeigt, dass die Müdigkeit bei MS-Patienten gesenkt werden kann. Abgesehen davon, dass eine Studie über Müdigkeit bei einer bestimmten Erkrankung natürlich nichts über Wirkungen bei gänzlich anderen Symptomen aussagt, ist diese eine Studie noch dazu nicht aussagekräftig: Es waren nur sehr wenige Teilnehmer (37) und die Einnahme von Medikamenten unterschieden sich in der Versuchs- und der Kontrollgruppe. Solche von der Behandlung unabhängige Gruppenunterschiede können zu Verzerrungen der Ergebnisse führen.

Viele Ansätze, wenig Nachweise

Selbst wenn die ganze Vielzahl an ähnlichen Behandlungen mit betrachtet wird, gibt es nicht genug gute Studien, um einen Effekt von PEMF- Therapien zu belegen. Auch wenn einige kleinere Studien eine Wirkung nahelegen [2] [4] [5], bleiben die Ergebnisse insgesamt widersprüchlich; so findet eine Metaanalyse zwar einen positiven Effekt von PEMF auf die Heilung von Knochenbrüchen, gibt aber aufgrund der vielen methodischen Mängel der Einzelstudien keine Therapieempfehlung ab [2]. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2009 untersuchte die Wirkung bei Kniegelenksarthrosen und fand zwar keine Wirksamkeit gegen Schmerzen, aber eine Verbesserung bei der Mobilität im Alltag [4]. Die Übersichtsarbeit basiert jedoch auf sehr kleinen Einzelstudien.

Für eine aussagekräftige Beurteilung von PEMF als Therapieform fehlen Studien mit guter Methodik, einer höheren Teilnehmerzahl und einem Vergleich der unterschiedlichen Anwendungsformen (ua. Signalmuster, Feldstärke) und der Therapiedauer.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, G. Gartlehner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Piatkowski u.a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer:37, 19 in der Verumgruppe, 18 in der Placebogruppe
Fragestellung: Reduziert das Bemer-Gerät die Müdigkeit bei MS-Patienten?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben, Bemer stellte nur das Gerät zur Verfügung

Piatkowski J, Kern S, Ziemssen T. Effect of BEMER magnetic field therapy on the level of fatigue in patients with multiple sclerosis: a randomized, double-blind controlled trial. J Altern Complement Med. 2009 May;15(5):507-11
(Zusammenfassung der Studie)

[2] Schmidt-Rohlfing u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: 14 insgesamt, neun für die Metaanalyse
Teilnehmer: 945
Fragestellung: Welche Wirkungen von elektromagnetischen Feldern und von elektrischem Strom sind bei der Knochenheilung nachgewiesen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Schmidt-Rohlfing B, Silny J, Gavenis K, Heussen N. [Electromagnetic fields, electric current and bone healing – what is the evidence?]. Z Orthop Unfall. 2011
Jun;149(3):265-70.
(zur Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Griffin u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: : vier randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: 125
Fragestellung: Hilft die Therapie mit elektromagnetischen Feldern bei schlecht der nicht verheilenden Knochenbrüchen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Griffin XL, Costa ML, Parsons N, Smith N. Electromagnetic field stimulation
for treating delayed union or non-union of long bone fractures in adults.
Cochrane Database Syst Rev. 2011 Apr 13;(4):CD008471.
(zur Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Vavken u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Eingeschlossene Studien: : neun randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: 483
Fragestellung: Kann eine Behandlung mit gepulsten elektromagnetischen Feldern die Symptome von Kniegelenks-Arthrose lindern?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Effectiveness of pulsed electromagnetic field therapy in the management of osteoarthritis of the knee: a meta‐analysis of randomized controlled trials“. Journal of Rehabilitation Medicine.2009;41(6):406‐411.
(zur Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Walker u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: acht randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer:321
Fragestellung: Vergleich zwischen schwachem gepulsten Ultraschall und gepulsten elektromagnetischen Feldern in der Behandlung von Schienbeinbrüchen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Walker NA, Denegar CR, Preische J. Low-intensity pulsed ultrasound and pulsed
electromagnetic field in the treatment of tibial fractures: a systematic review.
J Athl Train. 2007 Oct-Dec;42(4):530-5.
(Zur Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Glaser (2004)
Elektrische und magnetische Felder in Diagnostik und Therapie – Ein Gebiet zwischen Scharlatanerie und wissenschaftlichem Fortschritt (abgerufen am 21.2.2012)