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Eine Tablette als Schutz vor HIV?

Schützt nur das Kondom  vor HIV?

Schützt nur das Kondom vor HIV?

Aktualisiert: Eine neue Tablette schützt laut Salzburger Nachrichten vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus. Die Tageszeitung weist richtigerweise darauf hin, dass das Medikament eine Ansteckung nur teilweise verhindern kann. Bisher veröffentlichte Studien bestätigen dies. (Ursprünglich veröffentlicht am 27.7.2011)

 
 

 

Zeitungsartikel: Neue Tablette schützt vor HIV-Ansteckung (18.7.2011, Salzburger Nachrichten), USA setzen auf Anti-Aids-Pille (15.5.2014, ORF.at)
Frage:Reduziert die Kombination der Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin das Risiko einer HIV-Ansteckung?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Die Ergebnisse von vier Studien bestätigen die wahrscheinlich vorbeugende Wirkung. Dabei können die beiden Wirkstoffe eine HIV-Ansteckung aber nur teilweise verhindern.

[Aktualisiert 27.5.2014: Die bisherigen Erkenntnisse werden durch eine systematische Übersichtsarbeit [1] bestätigt.]

Obwohl in der westlichen Welt eine Infektion mit dem HI-Virus (HIV), die für die Immunschwächekrankheit AIDS verantwortlich ist, nur verhältnismäßig wenige Personen betrifft, bedeutet das nicht, dass HIV unter Kontrolle gebracht ist. Während in West- und Zentraleuropa (und so auch in Österreich) rund 2-3 von 1000 Erwachsenen (zwischen 15 und 49 Jahren) mit einer HIV-Infektion leben, macht dieser Anteil in manchen afrikanischen Staaten bis zu einem Viertel der erwachsenen Bevölkerung aus. Vor allem Länder südlich der Sahara, wie Botswana, Swaziland, Lesotho oder Südafrika sind von der AIDS-Pandemie stark betroffen.

Zur Eindämmung der Verbreitung des HI-Virus spielen vorbeugende Maßnahmen eine große Rolle. Dazu zählen so offensichtliche Vorkehrungen wie die Verwendung von Kondomen, aber auch beispielsweise die männliche Beschneidung, durch die das Infektionsrisiko nachweislich gesenkt werden kann. Zusätzlich konzentrieren sich internationale Vereinigungen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO auf die Erforschung der möglicherweise vorbeugenden Wirkung von Medikamenten, die bereits länger erfolgreich zur Behandlung einer HIV-Infektion eingesetzt werden. Dazu zählen unter anderem die beiden Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin, die in vielen Ländern auch als Generika verhältnismäßig preisgünstig erhältlich sind.

HIV-Risiko sinkt nur teilweise

Die in einer systematischen Übersichtsarbeit zusammengefassten Ergebnisse von vier Studien zeigen: die Kombination von Tenofovir und Emtricitabin kann das HIV-Infektionsrisiko wahrscheinlich um etwa die Hälfte verringern [1]. Zwei weiteren Studien zufolge senkt auch die Einnahme von Tenofovir alleine die Infektionsgefahr in einem ähnlichen Ausmaß. Klar ist jedoch: verhindern lässt sich eine Ansteckung mit dem HIV-Virus nicht. Die Verwendung eines Kondoms bleibt also unerlässlich.

Diese Resultate scheinen sowohl bei heterosexuellen Paaren wie auch bei homosexuellen Männern ähnlich zu sein. Theoretisch wäre es möglich, dass die Medikamentenkombination bei Männern besser wirkt als bei Frauen. Um dies zu bestätigen, müssten aber noch weitere Studien durchgeführt werden.

Als die systematische Übersichtsarbeit [1] veröffentlicht wurde, waren zusätzlich zu diesen sechs Studien noch sechs weitere nicht abgeschlossen. Zudem stammen viele der analysierten Studiendaten aus unveröffentlichten Quellen. Zwei der sechs Studien wurden zudem frühzeitig abgebrochen. Auch wenn die Wissenschaftler in die Zusammenfassung ihrer Ergebnisse vertrauen, könnten die sechs noch laufenden Studien zusätzliche Erkenntnisse bringen.

Ein Großteil der Teilnehmer in den analysierten Studien stammten aus afrikanischen Ländern mit einer sehr hohen HIV-Infektionsrate. Alle Teilnehmer zählten demnach zu einer Hochrisikogruppe. In allen Studien waren die Teilnehmer über Maßnahmen zur Risikovermeidung einer HIV-Ansteckung informiert worden und hatten auch Kondome erhalten (sowohl für Männer als auch für Frauen).

Alle größeren laufenden und bereits abgeschlossenen randomisiert-kontrollierten Studien zur medikamentösen Vorbeugung von HIV-Infektionen fasst die gemeinnützige Organisation AVAC (AIDS Vaccine Advocacy Coalition) auf ihrer Seite zusammen.

Nebenwirkungen und Risiken

Unter den Studienteilnehmern, die HIV-Vorbeuge-Medikamente einnahmen, kam es insgesamt nicht häufiger zu schweren unerwünschten Nebenwirkungen als in der Scheinmedikamenten-Gruppe. Deutlich häufiger traten jedoch Übelkeit und Erbrechen auf. Bei einigen Teilnehmern waren manche Leberwerte nach Medikamenteneinnahme erhöht. In Einzelfällen kam es zu akutem Nierenversagen, das sich nach Absetzen der Präparate aber wieder zurückentwickelte [1].

Noch unsicher ist, wie sich die vorbeugende Einnahme des Kombinationsmedikaments auf das Auftreten von Wirkstoff-resistenten Viren auswirkt. Dass bei der Behandlung einer HIV-Infektion mit Tenofovir oder Emtricitabin Resistenzen gegen die Medikamente entstehen können ist bekannt. Gegen die Ansteckung mit resistenten HI-Viren würde auch die vorbeugende Einnahme des entsprechenden Wirkstoffs nicht mehr helfen. Ob eine vorbeugende Einnahme der Wirkstoff-Kombination die Entstehung resistenter Virenstämme fördern kann, lässt sich anhand der vorhandenen Daten noch nicht sagen. Prinzipiell stellen behandlungs-unempfindliche Viren aber ein gewisses Risiko dar [2].

Manche Experten befürchten, dass die vorbeugende Einnahme die sexuelle Risikobereitschaft fördern könnte. Sie empfehlen daher, die medikamentöse HIV-Vorbeugung nur für Personen, die einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. Dazu zählen sie etwa Prostituierte, Menschen, die mit einem HIV-positiven Partner in Beziehung stehen, Anwender von Drogen, die mittels Spritze verabreicht werden, homosexuelle Männer sowie Menschen, die in Gebieten mit hoher HIV-Verbreitung leben [2].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Okwundu u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien (4 zur Kombination von Tenofovir und Emtricitabin, 2 zu Tenofovir alleine)
Teilnehmer insgesamt: 9849
Fragestellung: Kann Tenofovir alleine oder in Kombination mit Emtricitabin bei Hochrisiko-Personen einer HIV-Infektion vorbeugen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Okwundu CI, Uthman OA, Okoromah CAN. Antiretroviral pre-exposure prophylaxis (PrEP) for preventing HIV in high-risk individuals. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 7. Art. No.: CD007189. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Mayer KH (2013). Pre-exposure prophylaxis against HIV infection. In Mitty J (ed.). UpToDate. Abgerufen am 26. 5. 2014 unter www.uptodate.com/contents/pre-exposure-prophylaxis-against-hiv-infection