Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Eigenurintherapie: Gesund dank der eigenen Ausscheidungen?

Quelle der Gesundheit?

Es klingt ein wenig widerlich, ist aber laut einer kleinen Gruppe von Anhängern effektiv im Kampf gegen alle möglichen Krankheiten: Die Behandlung mit dem eigenen Urin, je nach Bedarf zum Trinken, Einreiben oder als Injektion.

Frage:Hilft Eigenurin bei gesundheitlichen Problemen?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt keinen Wirksamkeitsnachweis gegen irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden, zwei kleine Studien mit Harnstoff sprechen gegen eine Wirksamkeit bei Krebs.

Wenn es um Gesundheit geht, sind Menschen schon früh auf seltsame Ideen gekommen. Einige davon haben sich über sehr lange Zeit gehalten, selbst wenn sie mit Sicherheit in fast allen Fällen schädlich waren – siehe Aderlass. So hat auch die Behandlung mit dem eigenen Urin eine lange Geschichte und laut einigen Quellen besonders in Indien [a] einen gewissen Stellenwert.

Wirksam bei Krebs?

Es gibt keine einheitliche Vorgehensweise bei der Eigenurintherapie, die Anwendungen reichen von trinken, gurgeln, einreiben bis hin zu Spritzen und Einläufen [a][b][c]. Verwendet wird meist der Morgenurin, manchmal gefiltert oder verdünnt, manchmal pur. Wie vielen traditionellen Methoden wird auch der Eigenurintherapie eine Wirksamkeit gegen so ziemlich alles nachgesagt, vom Juckreiz in der Intimzone [c] bis zu Krebs. Außer Anekdoten von Anwendern gibt es jedoch keinerlei Wirksamkeitsnachweis, nur zu Krebs finden sich zwei kleine Studien; darin zeigte sich kein Einfluss von Harnstoff auf das Tumorwachstum [a].

Auch in der Behandlung von Allergien hat die Eigenurintherapie ihre Wirksamkeit nicht belegt [1].

Normale Nebenwirkungen

Verfechter der Anwendung beschreiben sie als harmlos und meinen, dass schwere Nebenwirkungen nicht auftreten. Sogar Spritzenabszesse, die bei jeder Art von Injektion auftreten können, kämen angeblich nicht vor [c]. Doch ohne nach wissenschaftlichen Standards durchgeführte Studien mit ausreichender Teilnehmerzahl ist diese Behauptung nicht haltbar. Außerdem werden in anderen Fallberichten folgende wenig überraschende Nebenwirkungen geschildert: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Fieber, Unruhe, Durchfall und einige andere [b].
Bei Menschen mit Infektionskrankheiten ist Harn häufig beträchtlich mit Bakterien belastet, was zu deutlich schwerwiegenderen Nebenwirkungen führen kann.
Werden neben der Urintherapie Medikamente genommen, können sich schädliche Abbauprodukte davon im Harn finden und im Körper anreichern [a].

Auch in ärmeren Regionen in Afrika wird Urintherapie verwendet, oftmals auch bei Kindern. Eine Untersuchung des Urins von gesunden Kindern und Kühen, warnt vor einer weiteren Gefahr: Darin haben sich antibiotikaresistente Keime gefunden [2] – die sich in der Bevölkerung ausbreiten könnten, wenn dieser Urin verwendet wird. Zwar ist nicht direkt nachgewiesen, ob das in weiterer Folge zu Infektionskrankheiten führt, aber alleine schon aufgrund der möglichen Gefahr, raten die Autoren dringend von der Urintherapie ab [d].

Logik und Unlogik der Urintherapie

Gesunder Harn enthält eine Vielzahl an Stoffen, die rein theoretisch etwas bewirken können: Vitamine, Hormone, Botenstoffe des Immunsystems [3] und natürlich auch Harnstoff, der sich in vielen Hautpflegeprodukten findet. Aus dieser Perspektive betrachtet sind Wirkungen nicht auszuschließen, aber bisher konnten in Studien keine gezeigt werden. Es stellt sich auch die Frage, in wie weit ein Körper Stoffe braucht, die er mit einem aufwendigen System extra ausgeschieden hat.

 

Die Studien im Detail

Die Amerikanische Krebsgesellschaft bezieht 2008 Stellung zur Urintherapie in der Krebsbehandlung: Ihr Resümee ist eindeutig, es gibt keine Evidenz für eine Wirksamkeit. Es wurden nur Fallberichte und zwei kleine Studien aus den 1980er Jahren gefunden – bei letzteren wirkte sich Harnstoff nicht auf das Wachstum der Krebszellen aus [a].

Im Jahr 1965 veröffentlichte die deutsche Medizinzeitschrift „Der Landarzt“ mehrere Fallberichte von Ärzten, die bei verschiedensten Krankheiten Behandlungen mit Eigenurin durchführten. Zumeist wurde der Eigenurin gefiltert und dann mit einer Spritze injiziert, entweder in die Muskulatur oder unter die Haut. Die Autoren stellen ihre Erfahrungen mit dieser Therapieform positiv dar, was aber nichts über die echte Wirksamkeit sagt: Negative Beispiele werden nur selten erzählt, die Therapie wird nicht mit anderen Therapieformen verglichen und es ist unmöglich zu sagen, was Wirkung ist und was einfach nur der natürliche Verlauf der Erkrankung. Immerhin sind manche Autoren so selbstkritisch, dass sie auch Fälle schildern, bei denen keine Wirkung erzielt wurde. [c]

(Autoren: J.Wipplinger, B. Kerschner, C. Christof)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] David (1987)
David TJ. Unorthodox allergy procedures. Arch Dis Child. 1987
Oct;62(10):1060-2.

[2] Ogunshe u.a. (2010)
Studientyp: Laboruntersuchung
Fragestellung: Mikrobiologische Evaluation von Urin und Konsequenzen daraus für die Anwendung in der Urintherapie

Ogunshe AA, Fawole AO, Ajayi VA. Microbial evaluation and public health
implications of urine as alternative therapy in clinical pediatric cases: health
implication of urine therapy. Pan Afr Med J. 2010 May 25;5:12.

[3] Eldor (1997)
Eldor J. Urotherapy for patients with cancer. Med Hypotheses. 1997 Apr;48(4):309-15.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Urotherapy“. American Cancer Society. November 2008. Retrieved August 2013.

[b] Homepage eines Anwenders: http://www.urintherapie.com/

[c] Landarzt, 1965. Ausgaben von Juni und Dezember.

[d] Loeffler (2010)
Loeffler, J. M. (2010). „The golden fountain–is urine the miracle drug no one told you about?“ Pan Afr Med J 5: 13.