Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Die bunte Palette der Osteopathie

iStock/©rpaz

Schmerzfrei durch sanfte Griffe?

Existieren Beweise für die Wirksamkeit von Osteopathie – möchte ein Leser von medizin-transparent in Bezug auf einen Artikel im Kurier wissen. Da dies jedoch ein Überbegriff für eine Reihe an Behandlungsformen ist, können wir nur Teilantworten liefern.

Zeitungsartikel: Sanfte Griffe, die heilen können (22.8.2013, Kurier)
Frage:Wirkt die Osteopathie?
Antwort:Für manche Therapien, die unter den breiten Begriff Osteopathie passen, weist die Studienlage auf eine Wirksamkeit bei Rückenschmerzen und einigen Formen von Kopfweh hin; für viele Formen der Osteopathie fehlen aber Wirkungsnachweise.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit einiger Teilbereiche

Osteopathie ist ein Überbegriff, der alle möglichen Behandlungsformen umfasst, die mit bloßen Händen und mehrheitlich sanften Griffen am Körper durchgeführt werden. Dazu gehören Methoden, die sich an aktuellen medizinischen Erkenntnissen orientieren, aber auch welche, die modernem Wissen völlig widersprechen und deren Theorien nicht plausibel sind. Obwohl Osteopathie ein weites Feld medizinischer Maßnahmen umfasst und viele Behandlungen unterschiedlichster Beschwerden beinhaltet, zeigt die Recherche, dass die wenigsten davon wissenschaftlich intensiv untersucht sind.

Über einen Kamm geschoren

2010 verfasste ein Team in Großbritannien einen Evidenzbericht über alle manuellen Therapien, zu denen Übersichtsarbeiten und Studien zu finden waren [1]. Demnach ist die häufig eingesetzte Manipulation der Wirbelsäule hilfreich bei Rückenschmerzen und bestimmen Formen von Kopfschmerz, unter anderem Migräne. Sowohl chronische als auch akute Rückenschmerzen sind häufige Gründe Osteopathen aufzusuchen; neuere Übersichtsarbeiten widersprechen aber zum Teil der Arbeit von 2010 und finden zumindest für akute Beschwerden keine gesicherte Wirksamkeit [2]. Bei chronischen Beschwerden ist die Osteopathie ähnlich erfolgreich wie andere Therapien, schneidet also vergleichbar ab wie beispielsweise Physiotherapie; die Wirksamkeit im Vergleich zu einer Scheinbehandlung ist nicht belegt [3].

Muskeln, Asthma und schreiende Säuglinge

Osteopathie behandelt zwar in erster Linie den Bewegungsapparat, es werden damit aber auch Krankheiten behandelt, die nicht direkt mit Muskeln und Skelett zu tun haben. Wie erwähnt kann das beispielsweise bei bestimmten Arten von Kopfweh erfolgreich sein [1], bei anderen Erkrankungen sieht die Studienlage schlechter aus. Säuglingskoliken sind bei Säuglingen relativ häufig, die Ursachen sind unklar und das auffälligste Symptom ist sehr häufiges und langes Schreien. Osteopathie galt als eine Möglichkeit die Symptome zu reduzieren. Ein Team von Wissenschaftlern stellte allerdings in einer Übersichtsarbeit von 2012 fest, dass die Studienlage bei weitem nicht ausreichend ist, um hier eine osteopathische Behandlung zu empfehlen [4].

Schon 2005 wurde festgestellt, dass Ähnliches auch bei Asthma gilt, auch hier reicht die Studienlage nicht aus, um Osteopathie als Behandlung nahezulegen. Ein Briefwechsel zwischen den Studienautoren und einem Verband von Osteopathen lässt schließen, dass sich daran auch bis zumindest 2011 nichts geändert hat [5].

Andere Übersichtsarbeiten haben den Begriff Osteopathie enger gefasst: Paul Posadzki und Edzard Ernst untersuchten die Studienlage zur Wirksamkeit bei Schmerzen des Bewegungsapparates, unterschieden aber zwischen chiropraktisch und osteopathisch und analysierten nur Studien zu osteopathischen Therapien [6]: Obwohl schmerzende Muskeln und Gelenke quasi das Spezialgebiet der Osteopathen sind, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist; nur in fünf von 16 Studien schnitt die Osteopathie besser ab als die Scheinbehandlung.

Die kraniosakrale Osteopathie gehört zu jenen Bereichen, deren Hintergrund wissenschaftlich mehr als umstritten ist. Dennoch gibt es auch zu diesem Teilgebiet eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011 – darin konnten allerdings nur acht Einzelstudien aufgenommen werden. Die Studienlage ist aktuell zu dünn, um überhaupt eine Aussage zu dieser Behandlungsform zuzulassen [7].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner,P. Mahlknecht)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bronfort u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 49 Systematische Übersichtsarbeiten, 16 evidenzbasierte klinische guidelines und 46 weitere randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wirksamkeit manueller Therapien
Mögliche Interessenskonflikte: Finanziert vom UK General Chiropractic Council

(Studie in voller Länge)

[2] Rubinstein u.a. (2012) – LBI-Update
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 20, 16 davon in der Meta-Analyse
Fragestellung: Wirbelsäulenmanipulation für akute Schmerzen im unteren Rücken
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Rubinstein SM, Terwee CB, Assendelft WJJ, de Boer MR, van Tulder MW. Spinal manipulative therapy for acute low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD008880.(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Rubinstein ua. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 26 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Wirbelsäulenmanipulation für chronische Schmerzen im unteren Rücken
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Rubinstein SM, van Middelkoop M, Assendelft WJJ, de Boer MR, van Tulder MW. Spinal manipulative therapy for chronic low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 2. Art. No.: CD008112. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Dobson ua. (2012)
Studientyp:Systematische Übersichtsarbeit der der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: sechs Studien mit 325 Babies
Fragestellung: Helfen manuell-manipulative Therapien gegen Säuglingskoliken
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Dobson D, Lucassen PLBJ, Miller JJ, Vlieger AM, Prescott P, Lewith G. Manipulative therapies for infantile colic. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 12. Art. No.: CD004796. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Hondras u.a. (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: drei randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Manuelle Therapien bei Asthma
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Hondras MA, Linde K, Jones AP. Manual therapy for asthma. Cochrane Database of Systematic Reviews 2005, Issue 2. Art. No.: CD001002(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Posadzki, Ernst (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 16 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung:Osteopathie gegen Schmerzen des Bewegungsapparates
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Posadzki P, Ernst E. Osteopathy for musculoskeletal pain patients: a
systematic review of randomized controlled trials. Clin Rheumatol. 2011
Feb;30(2):285-91.(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[7] Jäkel, von Hauenschild (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien:sieben randomisiert-kontrollierte Studien und eine Beobachtungsstudie
Fragestellung: Therapeutische Effekte der Cranial-Osteopathie
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Jäkel A, von Hauenschild P. Therapeutic effects of cranial osteopathic
manipulative medicine: a systematic review. J Am Osteopath Assoc. 2011
Dec;111(12):685-93. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)