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Dick durch zu wenig Schlaf?

Dick durch zuwenig Schlaf?

Dick durch zuwenig Schlaf?

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 11. 12. 2012] „Schlafmangel macht dick!“ berichtet NEWS online. Auch wenn es vermehrt Hinweise auf einen Zusammenhang von zu wenig Schlaf und Übergewicht beim Erwachsenen gibt, eindeutige Beweise fehlen.
 
 

 
 

Zeitungsartikel: Schlafmangel macht dick (7.11.2012, NEWS online)
Frage:Kann Schlafmangel Übergewicht verursachen?
Antwort:Menschen, die regelmäßig zu wenig schlafen, sind eventuell mit höherer Wahrscheinlichkeit übergewichtig als jene, die ausreichend Schlaf bekommen. Ob aber der Schlafmangel selbst Übergewicht versursacht, ist unklar.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 8.5.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Arbeit, Familie, Freizeit und noch genügend Zeit zur Entspannung – leider oftmals eine Wunschvorstellung in unserem stressigen Arbeitsalltag. Um alles unter einen Hut zu bringen leidet meist der Schlaf. Anstatt der empfohlenen und benötigten 8 Stunden, schläft rund ein Drittel der Bevölkerung zumindest an Arbeitstagen deutlich weniger [4].

Schlafmangel kann viele Konsequenzen für Betroffene mit sich bringen. Neben der geringeren Leistungsfähigkeit kann sich zu wenig Schlaf langfristig auch auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirken [4].

„Schlafmangel macht dick“ lautet nun eine Schlagzeile im online Magazin von NEWS. Stimmt dies tatsächlich? Müssen wir also nur mehr schlafen und bleiben dadurch rank und schlank?

Hinweise auf Zusammenhang

Britische Wissenschaftler untersuchten in einer zusammenfassenden Analyse (Meta-Analyse) die Ergebnisse von bis zum Jahr 2008 veröffentlichten Studien an insgesamt rund 600.000 Personen [1]. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass Menschen, die fünf Stunden oder weniger pro Tag schlafen, eineinhalbmal häufiger übergewichtig sind als Menschen, die länger schlafen. Die Verfasser der Meta-Analyse liefern auch eine anschauliche Erklärung ihrer Ergebnisse. Würde demnach eine Person mit einer Körpergröße von 178 cm nur eine Stunde länger pro Nacht schlafen, würde sie nach mindestens 10 Jahren 1,4 kg weniger auf die Waage bringen [1].

Eine durchschnittliche Gewichtszunahme um 1,4 kg pro Stunde mehr Schlaf erscheint zugegebenermaßen nicht sehr viel. Sehr wahrscheinlich ist also Schlafmangel nur einer von vielen verschiedenen Faktoren, die die Gewichtszunahme beeinflussen können.

Zwei weitere systematische Übersichtsarbeiten [2], [3] zeigen einen ebenfalls möglichen Zusammenhang zwischen zu wenig Schlaf und Übergewicht. Nicht alle der bisher veröffentlichten Beobachtungsstudien kommen jedoch zu demselben Ergebnis, in einigen der Untersuchungen konnte auch bei Studienteilnehmern, die regelmäßig zu wenig schlafen, kein Übergewicht oder eine deutliche Gewichtszunahme festgestellt werden. Andere Studien wieder finden zwar einen solchen Zusammenhang, zusätzlich entdeckten sie aber auch bei Langschläfern eine Tendenz zu erhöhtem Körpergewicht.

Eindeutiger scheint der Zusammenhang nur bei Kindern zu sein. Hier zeigte sich anhand der zusammengefassten Studiendaten von insgesamt 30.000 jungen Studienteilnehmern [1], dass unter Kindern, die zu wenig schlafen, beinahe doppelt so viele übergewichtig sind wie unter jenen mit ausreichendem Schlaf.

Die Studie der Pennsylvania State University, auf die NEWS sich in seinem Artikel bezieht, konnte das Medizin-Transparent-Team trotz intensiver Recherche in verschiedenen Online-Quellen nicht finden. Eine Überprüfung und Interpretation dieser Studie ist uns daher nicht möglich.

Ursache unklar

Die bloße Tatsache, dass Menschen mit Schlafmangel wahrscheinlicher übergewichtig sind oder mehr an Gewicht zunehmen als ausgeschlafene, bedeutet jedoch nicht zwingend, dass das Zuwenig an Schlaf die eigentliche Ursache für das Übergewicht ist. Auch können die Verfasser der bisher durchgeführten Studien nicht ausschließen, dass nicht auch Gewichtszunahme ein Grund für zu kurzen Schlaf sein könnte, etwa durch Übergewicht bedingte kurze Atemaussetzer und vermehrtes Schnarchen.

Personen, die zu wenig schlafen, haben meist auch allgemein gesehen einen ungesunden Lebensstil, daher können auch andere Faktoren bei der vermehrten Gewichtszunahme mitspielen. So ist denkbar, dass ständige übermüdete Menschen weniger Lust auf Bewegung und sportliche Betätigung haben und mehr Zeit mit sitzenden Tätigkeiten (insbesondere Fernsehen, Computerspiele und Internetnutzung) zubringen. Dadurch verbrennen sie weniger Kalorien als ihre ausgeschlafenen Mitmenschen, was ein Grund für das häufigere Übergewicht sein könnte. Länger wach zu sein bedeutet schließlich auch, mehr Gelegenheit zum Essen zu haben [2].

Einen anderen Erklärungsansatz könnte unser Hormonsystem darstellen. Wie auch im Artikel von NEWS erwähnt, stört Schlafmangel den Hormonhaushalt, genauer gesagt das Zusammenspiel zwischen den Hormonen Leptin und Ghrelin, welche für das Hungergefühl verantwortlich sind [4]. Auch beim Menschen konnte dieser Effekt in kleineren Studien beobachtet werden. Diese Ergebnisse wurden jedoch nur zu einem einzigen Zeitpunkt festgestellt. Um mit Sicherheit sagen zu können, ob diese Mechanismen langfristig zu Übergewicht führen, fehlen Langzeitstudien [1].

Abnehmen durch längeren Schlaf?

Ob nun Schlafmangel tatsächlich dick macht, lässt sich anhand bisheriger Studienergebnisse nicht sagen – auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass Menschen, die wenig schlafen, möglicherweise eher übergewichtig werden als Menschen mit normaler Schlafdauer.

Wäre Schlafmangel tatsächlich eine direkte Ursache für Übergewicht, würde das auch bedeuten, dass man durch Verlängerung seiner Schlafdauer auf etwa 7 bis 8 Stunden pro Nacht Gewicht abnehmen könnte. Den Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit [2] zufolge befinden sich derzeit zwei randomisiert-kontrollierte Studien in Durchführung, die die Auswirkung von Schlafzeitverlängerung bei übergewichtigen Menschen mit chronischem Schlafmangel auf das Gewicht untersucht [5], [6]. Sobald die Ergebnisse dieser Studien vorliegen, wird klarer sein, ob Schlafmangel Übergewicht verursachen kann oder nicht. Klar sein dürfte allerdings, dass viele verschiedene Faktoren Ursachen für Übergewicht sein können. So spielen mit Sicherheit auch ausreichende Bewegung und ausgewogene Ernährung eine wesentliche Rolle.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Cappuccio u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse 
Eingeschlossene Studien:  18 Studien mit Erwachsenen, 12 mit Kindern
Teilnehmer insgesamt:  604 509 Erwachsene und 30.002 Kinder
Fragestellung:  Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Gewichtszunahme
Mögliche Interessenskonflikte: Studie laut Autoren nicht Industrie-finanziert. Einer der Autoren erhielt finanzielle Zuwendungen durch die Pharmafirma „Cephalon“, die unter anderem Mittel zur Behandlung von Schlafstörungen herstellt.

Titel: „Meta-Analysis of short sleep duration and obesity in children and adults.“ Sleep. 2008 May;31(5):619-26. (Übersichtsarbeit im Volltext)

[2] Magee u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit 
Eingeschlossene Studien: 13 Langzeit-Beobachtungsstudien an Erwachsenen, 7 an Kindern
Teilnehmer insgesamt: 123.354 Erwachsene und 10.959 Kinder
Fragestellung:  Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Gewichtszunahme
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Longitudinal association between sleep duration and subsequent weight gain: A systematic review.“ Sleep Med Rev. 2012 Jun;16(3):231-41. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Patel u.a. (2008)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit 
Eingeschlossene Studien:  25 Studien bei Erwachsenen, 11 bei Kindern
Teilnehmer insgesamt: 1.365.48 Erwachsene und 26.997 Kinder
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Gewichtszunahme
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Titel: „Short sleep duration and weight gain: a systematic review.“ Obesity (Silver Spring). 2008 Mar;16(3):643-53. (Übersichtsarbeit im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Pressman MR (2012). Definition and consequences of sleep deprivation. In Eichler AF (ed.). UpToDate 2012, abgerufen auf www.uptodate.com am 28.11.2012

[5] Chronic Sleep Deprivation as a Risk Factor for Metabolic Syndrome and Obesity.
Abgerufen unter http://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT00261898 am 10. 12. 2012

[6] Prevention of Overweight in Infancy (POInz). Abgerufen unter http://clinicaltrials.gov/ct2/show/study/NCT00892983 am 10. 12. 2012