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Diabetiker-Warnhunde: Sind sie verlässliche Helfer?

Gefährliche Unterzuckerung erschnüffeln?

Gefährliche Unterzuckerung erschnüffeln?

Für Diabetes-Kranke ist Unterzuckerung ein Notfall. Speziell ausgebildete Warnhunde sollen helfen, eine Unterzuckerung rechtzeitig zu erkennen. Wie sicher ist das?

 

 

Frage:Warnen speziell trainierte Hunde verlässlich vor einer gefährlichen Unterzuckerung?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt einige Fallberichte von Hunden, die eine kommende Unterzuckerung bei ihren Haltern oder Halterinnen frühzeitig gespürt und davor gewarnt haben. Zu diesem Phänomen fehlen jedoch größere, gut gemachte Studien. Es ist daher nicht belegt, ob bzw. welche Hunde bedrohlich niedrige Blutzuckerwerte verlässlich erkennen und melden. Es ist auch nicht untersucht, ob sich die Haltung eines Warnhundes langfristig günstig auf die Gesundheit bei Diabetes auswirkt.

Haben Hunde einen sechsten Sinn für Unterzuckerung? Bei Natt schien es so zu sein: Wenn Frauchen gefährlich niedrige Blutzuckerwerte hatte, gab der Golden Retriever einfach keine Ruhe. Er lief dann auf und ab oder legte seinen Kopf auf das Knie der 34-jährigen Diabetikerin. Fiel nachts der Blutzucker bedenklich tief, bellte der Hund sein Frauchen aus dem Schlaf oder scharrte an der Schlafzimmertür. Erst wenn sich die Blutwerte wieder normalisiert hatten, entspannte sich auch Natt. [1]

Derartige Anekdoten über Hunde, die vor Notfallsituationen warnen, gibt es viele. Seit einigen Jahren wird nun auch wissenschaftlich erforscht, ob Hunde Menschen, die an Diabetes leiden, vor einer Unterzuckerung warnen können [5].

Gefährliche Talfahrt bei Diabetes

Diabetes ist eine weit verbreitete Krankheit. In Österreich leiden rund 600.000 Menschen an Typ-2-Diabetes [6]. Der mit etwa 30.000 Betroffenen viel seltenere Typ-1-Diabetes bricht oft schon im Kindes- oder Jugendalter aus.

Trotz regelmäßiger Blutzuckermesserungen und Insulininjektionen haben die Betroffenen oft mit unerwünschten Blutzuckerschwankungen zu kämpfen. Die Angst vor dem „Hypo“ – einer Unterzuckerung oder Hypoglykämie – kann sehr belastend sein und zu Einschränkungen im Alltag führen.

Unterzuckerung kann unter anderem Wahrnehmungsstörungen auslösen. Das ist besonders gefährlich, weil die Unterzuckerung dann nicht (mehr) richtig gespürt und versäumt wird, rasch Gegenmaßnahmen zu setzen, zum Beispiel Traubenzucker zu essen oder süßen Fruchtsaft zu trinken. Die Betroffenen schlittern so immer tiefer in die Unterzuckerung. Eine starke Unterzuckerung kann zu Bewusstseinsstörungen, Koma oder zum Tod führen [7].

Kontrolleure auf vier Pfoten

Einige Institutionen in den USA und in Europa sehen in speziell trainierten Warnhunden eine Möglichkeit für eine bessere Bewältigung der Zuckerkrankheit. Das regelmäßige Messen des Blutzuckers und das Verabreichen von Insulin können die Hunde zwar nicht ersetzen. Aber sie sollen als Blutzucker-Kontrollinstanzen fungieren und eine drohende Unterzuckerung sicher erkennen und melden.

Dafür bleiben die Vierbeiner rund um die Uhr in der Nähe von Frauchen oder Herrchen. Das heißt, sie gehen auch mit zur Schule, in die Kirche oder ins Lebensmittelgeschäft. Sobald sie eine Unterzuckerung wahrnehmen, sollen sie durch spezielles Verhalten darauf aufmerksam machen, etwa durch ein Anstupsen mit der Schnauze, Hochspringen oder Lecken der Hände. Manche Hunde apportieren auch das Blutzuckermessgerät oder können über das Betätigen eines Notfallknopfs Hilfe holen [4].

Viele Hinweise, keine Beweise

Diverse Institutionen bilden Diabetes-Warnhunde aus. Die Anschaffung so eines Hundes ist teuer und mit viel Verantwortung verbunden. Doch eine solide wissenschaftliche Basis für die Beurteilung, ob Hunde eine Unterzuckerung verlässlich erkennen können, fehlt leider. Daher sind deutlich bessere Studien wichtig. Denn die zweifellos faszinierenden und positiven Fallberichte und Umfragen mögen zwar interessante Hinweise geben, Aussagen über die Verlässlichkeit der Warnhunde lassen sich so aber nicht treffen [1] [3] [4] [5].

Objektiv auf den Hund kommen

Es wäre etwa wichtig, dass unvoreingenommene Personen die Leistungen der Hunde beurteilen. In Abstimmung mit parallel ermittelten Laborwerten könnte beispielswese gezeigt werden, wie rasch Hunde eine Unterzuckerung erkennen und welche Reize dafür ausschlaggebend sind. Welche Fehlerquote haben die Tiere? Und schaffen es Diabeteskranke mit Hilfe ihrer vierbeinigen Assistenten tatsächlich, Notfälle und Folgeerkrankungen zu reduzieren?

Interessant wäre auch die Antwort auf die Frage, ob sich das körperliche, seelische und geistige Wohlbefinden von Personen, die Warnhunde halten, von jenen unterscheidet, die „nur“ einen normalen Hund ohne Spezialtraining haben – oder gar keinen Hund.

 

Die Studien im Detail

Seit einigen Jahren gibt es in der wissenschaftlichen Fachliteratur Berichte über Hunde, die ihre Frauchen und Herrchen vor Unterzuckerung warnen. Dieses Verhalten scheinen auch einige Hunde zu zeigen, die kein spezielles Training erhalten haben. Die Tiere bellen, winseln und heulen, starren, springen oder stupsen mit der Nase. Mitunter wecken sie ihre Menschen auch auf, wenn diese in die gefürchteten nächtlichen Zuckertiefs fallen – selbst wenn Hund und Herrchen oder Frauchen in getrennten Räumen schlafen. [1] [5]

Da dieses Verhalten nicht zufällig zu sein scheint, begannen Institutionen in den USA und Europa damit, Diabetiker-Warnhunde auszubilden. Einheitliche Standards zur Ausbildung oder Qualitätskontrollen bei den Hundeanbietern gibt es nicht.

Erste Untersuchungen, geringe Aussagekraft

Schlagen diese aufwändig trainierten und daher auch teuren Tiere nun wirklich verlässlich und rechtzeitig Alarm? Bei der Beantwortung dieser Frage steht die Wissenschaft leider erst ganz am Anfang. In einer Umfrage unter 13 erwachsenen Diabeteskranken und 23 Elternteilen von betroffenen Kindern berichteten die Patienten von selteneren Unterzuckerungen und einer verbesserten Lebensqualität [3]. Offenbar bestärkt durch den Hund, nahmen sie häufiger an körperlichen Aktivitäten teil und fürchteten sich weniger vor gefährlichen Blutzuckerschwankungen.

Insgesamt sehr positiv fielen auch die ausführlichen Interviews von 17 Diabetiker-Warnhunde-Haltern aus [4]. Sie fühlten sich unabhängiger, gaben an, seltener bewusstlos zu werden und weniger Rettungseinsätze zu brauchen.

Vertrauen gerechtfertigt?

Solche Fallberichte über das verbesserte Wohlbefinden mögen vielversprechend klingen, und die Aussagen sind insbesondere aus dem Munde von Patientinnen und Patienten durchaus ernst zu nehmen. Allerdings besteht die Gefahr, dass sie das Verhalten ihrer vierbeinigen Gefährten nicht unvoreingenommen bewerten bzw. sich bei Befragungen im Nachhinein nicht mehr an alle Details erinnern.

Auch können wir aus diesen Untersuchungen viele entscheidende Fakten nicht ableiten: Zum Beispiel, wie oft diese Hunde einen „Hypo“ verpassen oder wann sie Fehlalarm schlagen. Wir wissen auch nicht, ob sich die Gesundheit von Diabeteskranken mit speziell trainierten Hunden tatsächlich anders entwickelt als bei Personen mit untrainiertem Hund oder ohne Haustier. Ebenso bleibt offen, für welche Patientengruppen ein Warnhund möglicherweise besonders gut oder eher nicht geeignet ist.

Botschaften im Schweiß?

Wie die Hunde eine Unterzuckerung erkennen sollen, ist ebenfalls nicht geklärt. Vermutlich spielt der sich durch Stoffwechselvorgänge verändernde Geruch des Menschen eine entscheiden Rolle, eventuell auch sein Verhalten.
In einem Versuch mit Schweiß von Diabeteskranken konnten drei geschulte Hunde die Unterzuckerungsduftproben nicht erschnüffeln [2]. Vielleicht war dies jedoch dem Umstand geschuldet, dass die Hunde nicht mit diesen Menschen und deren typischen Gerüchen zusammenlebten.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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[Die Originalversion dieses Artikels erschien am 30. März 2015. Eine neuerliche Literatursuche ergab keine inhaltlichen Ergänzungen.]

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chen u. a. (2000)
Studientyp: drei Fallberichte
Studienteilnehmer: drei Diabetiker, die vom Warnverhalten ihrer nicht trainierten Haushunde berichten
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Chen M, Daly M, Williams N, Williams S, Williams C, Williams G. Non-invasive detection of hypoglycaemia using a novel, fully biocompatible and patient friendly alarm system. BMJ : British Medical Journal. 2000;321(7276):1565-1566. (Studie in voller Länge)

[2] Dehlinger u. a. (2013)
Studientyp: Laborexperiment
Fragestellung: Können speziell trainierte Hunde Schweißproben von ihnen unbekannten unterzuckerten Diabetikern an einem typischen Geruch identifizieren?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Dehlinger K, Tarnowski K, House JL, et al. Can Trained Dogs Detect a Hypoglycemic Scent in Patients With Type 1 Diabetes? 
Diabetes Care. 2013;36(7):e98-e99. (Studie in voller Länge)

[3] Gonder-Frederick u. a. (2013)
Studientyp: Sammlung und Vergleich von Fallberichten (Befragung von Betroffenen)
Eingeschlossene Studien: 13 erwachsene Diabetiker, 23 Eltern von diabetischen Kindern
Fragestellung: Welche Erfahrungen haben Diabetiker mit ihren Diabetiker-Warnhunden gesammelt?
Mögliche Interessenskonflikte: Einige Autoren stehen in einem Naheverhältnis zu einer Hunde-Ausbildungsinstitution.

Gonder-Frederick L, Rice P, Warren D, Vajda K, Shepard J. Diabetic Alert Dogs: A Preliminary Survey of Current Users. Diabetes Care. 2013;36(4):e47. (Volltext der Studie)

[4] Rooney u. a. (2013)
Studientyp: Sammlung und Vergleich von Fallberichten (Interviews mit Betroffenen)
Studienteilnehmer: 17 Diabetiker im Alter von 5 bis 66 Jahren
Fragestellung: Welchen Wert haben speziell ausgebildete Diabetes-Warnhunde für Typ-1-Diabetiker?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren; allerdings Sponsoring durch Tierartikelhersteller

Rooney NJ, Morant S, Guest C. Investigation into the value of trained glycaemia alert dogs to clients with type I diabetes. PLoS One. 2013 Aug 7;8(8):e69921. (Volltext der Studie )

[5] Wells u. a. (2008)
Studientyp: Sammlung und Vergleich von Fallberichten (Fragenbogen)
Studienteilnehmer: 212 Hundebesitzer mit Diabetes
Fragestellung: Welche Reaktionen zeigen Hunde (ohne spezielles Training) bei Hypoglykämie ihrer Halter?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Wells DL, Lawson SW, Siriwardena AN. Canine responses to hypoglycemia in patients with type 1 diabetes.
J Altern Complement Med. 2008 Dec;14(10):1235-41 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Griebler u. a. (2013)
Griebler, Robert; Geißler, Wolfgang; Winkler, Petra (Hrsg.). Zivilisationskrankheit Diabetes: Ausprägungen – Lösungsansätze – Herausforderungen. Österreichischer Diabetesbericht 2013. Wien: Bundesministerium für Gesundheit. Abgerufen am 14.09.2016 unter http://www.oedg.org/pdf/diabetesbericht_2013.pdf

IQWIG (2013)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Diabetes Typ 1. Abgerufen am 14.09.2016 unter http://www.gesundheitsinformation.de/diabetes-typ-1.2196.de.html