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Detox: Der Mythos vom Entgiften

Saftkuren sind bei Detox-Programmen beliebt

Saftkuren sind bei Detox-Programmen beliebt

Sind wir alle vergiftet? Sollen auch gesunde Menschen gelegentlich eine Detox-Kur einschieben, um den Körper von gefährlichen Stoffen zu befreien?

Frage:Sind Detox-Kuren gut für die Gesundheit?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Der Begriff „Detox“ ist nicht klar definiert. Folglich fanden wir keine Studien, die eine gesundheitliche Wirkung untersuchen

Um eine Frage sauber beantworten zu können, muss klar sein, um was es genau geht – jeder wichtige Begriff muss genau definiert sein. Nur dann ist es möglich zu diskutieren; wenn ich im Alltag einen Stuhl „Tisch“ nenne, wird das zwangsläufig zu Missverständnissen führen. In der Wissenschaft ist das nicht anders. Wenn beispielsweise unter dem Begriff „Detox“ jeder etwas anderes versteht, kann die Frage nach der Wirksamkeit nicht allgemeingültig beantwortet werden. Und eine klare Definition von Detox fehlt tatsächlich.

Detox – eingebildete Lösung für unklares Problem

Die Idee hinter dem Detox-Boom ist, dass selbst gesunde Menschen gelegentlich ihren Körper von Giften befreien sollten. Welche Gifte das genau sind und wie die mit Hilfe des jeweiligen Programms genau entfernt werden, ist meistens nicht genauer beschrieben [1]. Als Gründe, warum das angeblich notwendig ist, werden oft aufgeführt: Umweltbelastungen durch Schadstoffe oder Pestizide, ungesunde Ernährung und gesundheitsbedrohliche Verhaltensweisen wie Rauchen oder Alkoholkonsum. Durch all diese Dinge sammle sich Gift beziehungsweise „Schlacken“ im Körper an, welche mit tausenden angepriesenen Detox-Kuren wieder entfernt werden können. Angeblich.

Was mit dem Begriff „Schlacken“ konkret gemeint ist, bleibt jedoch offen. Das Wort bezeichnet Rückstände aus Verbrennungs- und Metallverarbeitungsprozessen, es stammt aus der Metall-, Öl- und Kohleindustrie. Verfechter der Detox-Idee lassen ebensfalls unklar, welche anderen Giftstoffe sich angeblich im Körper ansammeln und mit einer Detox-Kur entfernen lassen sollen.

Insgesamt sind die Behauptungen rund um Detox zu wenig konkret, es werden ungezählte Schadstoffe angenommen, die mit Hilfe von Detox auf unbekannten Wegen entfernt werden sollen. Es wird weder nachgewiesen, ob diese sogenannten Schlacken überhaupt im Körper angesammelt werden und es ohne Detox überhaupt zu gesundheitlichen Problemen kommt – noch ob mögliche Schadstoffe dadurch wirklich entfernt werden können. So wie das Problem zumeist dargestellt wird, existiert es nicht [1-3]. Wir haben keine Studien gefunden, die einen gesundheitlichen Vorteil von Detox-Kuren nachweisen.

Um überhaupt einen Nachweis zu erbringen, müsste ein Detox-Programm klar beschreiben, welche Gifte – oder was mit Schlacken überhaupt gemeint ist – entfernt werden und wie der gesundheitliche Nutzen aussieht.

Leber, Niere & Co. machen das schon

Wir nehmen regelmäßig Giftstoffe in gewissen Dosen auf, daran besteht kein Zweifel. Der menschliche Körper hat jedoch zahlreiche Möglichkeiten, um mit den Belastungen durch schädliche Substanzen zu Recht zu kommen. Die wichtigsten Entgiftungsorgane sind Leber [4], Niere [5] und Darm [6], auch Haut und Lunge spielen wichtige Rollen. Die Leber wandelt giftige in ungiftige Stoffe um. Giftige Substanzen werden umgebaut, in einen speziellen Teil des Blutkreislaufes abgegeben und über die Niere und den vor ihr produzierten Urin oder den Darm ausgeschieden. Beispielsweise werden so Harnstoff, Medikamente, Drogen, Alkohol und Gifte abgebaut und ausgeschieden.

Detox gegen Umweltgifte?

Es gibt tatsächlich giftige Substanzen, die sich zum Beispiel im Fettgewebe unseres Körpers anreichern können. Dazu zählen etwa Dioxin, Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder das bis in die 1970er Jahre häufig verwendete Schädlingsbekämpfungsmittel DDT. Fachleute bezeichnen diese Giftstoffe mit dem Begriff „Persistent Organic Pollutants“ (POP). Auch toxische Schwermetalle wie Blei [7] oder Quecksilber können sich im Körper ansammeln, wenn man ihnen in hoher Konzentration oder über lange Zeit hinweg ausgesetzt ist.

Wissenschaftliche Belege, dass Detox hier helfen kann, fehlen jedoch. In unserer umfassenden Suche in medizinischen Publikationsdatenbanken konnten wir keine aussagekräftigen Studien dazu finden. Ebenso fragwürdig sind Methoden, die das „Ausleiten“ von Schwermetallen wie Quecksilber aus dem Körper versprechen, wie wir bereits in einem anderen Beitrag erwähnt haben. Auch dass Zeolith-Pulver eine Detox-Wirkung haben soll, basiert auf unbelegten Annahmen.

Detox in der Medizin

Detox und Entgiften sind durchaus auch in der wissenschaftlichen Medizin verwendete Begriffe; gemeint ist damit entweder ein Vorgang, bei dem beispielsweise Gifte oder Drogen aus dem Körper entfernt werden. Oder wenn die entgiftenden Organe versagen oder erkrankt sind und Maschinen die Blutreinigung übernehmen müssen. Ein Beispiel dafür ist die Dialyse („Blutwäsche“) bei Nierenerkrankungen: Wenn die Nierenfunktion gestört ist und die Niere das Blut nicht mehr reinigen kann, muss eine Maschine diese Funktion erfüllen. Diese zwei Formen der Entgiftung sind große medizinische Themenbereiche, mit zahlreichen Studien und technischen Erfindungen – aber sie haben nichts mit der Entgiftungs- und Entschlackungsidee zu tun, die unter dem Begriff Detox gerade so modern ist.

[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht am 26. Februar 2015. Eine Suche nach neuen Studien bringt keine neuen Ergebnisse und ändert nichts an unserer Einschätzung.]

 

Die Studien im Detail

2012 versuchte Edzard Ernst eine systematische Übersichtsarbeit über Detox zu schreiben; allerdings fand er unter dem Stichwort beinahe ausschließlich Studien zu den wissenschaftlichen Bereichen (Blutreinigung, Drogentherapie), nicht zu Detox als Entgiftungskur. Aus der Übersichtsarbeit wurde also nur eine Literatursichtung mit ausgewählten Beispielen [1] und vielen offenen Fragen. Das Fehlen von Studien ist auch schon 2010 in einer narrativen Übersichtsarbeit zu Nahrungsergänzungsmitteln aufgefallen [5]

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Wissenschaftliche Quellen

[1] Ernst 2012
Ernst E. Alternative detox. Br Med Bull. 2012;101:33-8. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Temple (2010)
Temple NJ. The marketing of dietary supplements in North America: the emperor
is (almost) naked. J Altern Complement Med. 2010 Jul;16(7):803-6. (Zusammenfassung)

[3] Klein u.a. (2015)
Klein AV, Kiat H. Detox diets for toxin elimination and weight management: a critical review of the evidence. J Hum Nutr Diet. 2015 Dec;28(6):675-86. (Zusammenfassung der Übersicht)

[4] IQWIG (2012)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wie funktioniert die Leber. Abgerufen am 25. 2. 2015 unter http://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-die-leber.2250.de.html

[5] IQWIG (2015)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wie funktionieren die Nieren. Abgerufen am 25. 2. 2015 unter http://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktionieren-die-nieren.2240.de.html

[6] IQWIG (2013).
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wie funktioniert der Darm. Abgerufen am 25. 2. 2015 unter http://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-der-darm.2144.de.html

[7] UpToDate (2017)
Goldman RH, Howard H (2017). Adult occupational lead poisoning. In Libman H (ed.). UpToDate. Abgerufen am 21. 3. 2017 unter www.uptodate.com/contents/adult-occupational-lead-poisoning