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Der Joint als Diabetes-Prävention

Schützt Hanf vor Diabetes?

Schützt Hanf vor Diabetes?

Der Konsum von Marihuana reduziert das Risiko an Diabetes zu erkranken, schreibt News.at. Tatsächlich geben wissenschaftliche Untersuchungen vorsichtige Hinweise auf eine solche Wirkung. Eine Empfehlung von Marihuana zur Vorbeugung von Diabetes ist das aber noch nicht.

Zeitungsartikel: Gesundes Kiffen – Diabetes-Risiko sinkt (21.5.2013, News.at)
Frage:Reduziert der Konsum von Marihuana das Risiko an Diabetes zu erkranken?
Antwort:Zwei Querschnittsstudien liefern Hinweise auf eine Diabetes-vorbeugende Wirkung von Wirkstoffen aus der Cannabispflanze. Dass der Konsum von Marihuana tatsächlich das Diabetes-Risiko senkt, muss noch durch umfangreiche Studien bestätigt werden.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Marihuana wird aus der Hanfpflanze (Cannabis) gewonnen. Genauer gesagt aus den Blütentrauben und blütennahen Blättern der weiblichen Pflanze Nach dem Trocknen werden die Blätter und Blüten zerkleinert und meist in einer Zigarette, dem Joint, geraucht. Die psychoaktive Wirkung wird von der Substanz THC (Tetrahydrocannabinol) ausgelöst. Sie beeinflusst das Zentralnervensystem und wirkt berauschend. In Österreich ist Marihuana das am häufigsten konsumierte illegale Rauschmittel [1]. Laut News.at hat diese Droge angeblich auch eine andere erstaunliche Wirkung: Sie soll das Risiko einer Diabetes-Erkrankung senken können. Ist das wissenschaftlich haltbar?

Marihuana-Konsumenten haben seltener Diabetes

Eine Querschnittsstudie aus dem Jahr 2012 an 10 896 US-Amerikanern [2] ergab: Marihuana-Konsumenten erkrankten seltener an Diabetes. Ehemalige und aktive Konsumenten zusammen haben im Vergleich zu Nicht-Konsumenten ein um 60 Prozent verringertes Diabetes-Risiko. Dröselt man die Gruppe in ehemalige Konsumenten, schwache und starke Marihuana-Nutzer auf, ergibt sich ein weiterer interessanter Aspekt: Den größten Effekt fanden die Forscher bei gemäßigten Marihuana-Rauchern, die bis zu vier Joints im Monat rauchten. Ihr Risiko war rund 70 Prozent geringer als das der Nicht-Konsumenten.

Umgelegt auf Österreich entspräche das einer Verringerung von fünf auf zwei unter 100 Diabetes-Betroffenen in der Altersgruppe der 45 bis 59-jährigen. Bei Menschen ab 60 wären es statt 16 nur mehr fünf von 100 [5]. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Die Autoren der vorliegenden Querschnittsstudie fanden zwar einen Zusammenhang. Sie können aber nicht mit Sicherheit zeigen, dass tatsächlich der Konsum von Marihuana für das verringerte Diabetesrisiko verantwortlich ist. Bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsarmut oder Blutfettwerte haben die Wissenschaftler als Ursache zwar ausgeschlossen, es könnten aber andere, unbekannte Faktoren das Diabetesrisiko mitverantworten. Um mehr Sicherheit zu gewinnen, wären zumindest Kohortenstudien notwendig. Diese müssten über viele Jahre beobachten, wie häufig gesunde Marihuana-Konsumenten im Vergleich zu gesunden Nicht-Konsumenten im Laufe der Zeit an Diabetes erkranken.

Marihuana verringert möglicherweise Risikofaktoren

Die Verfasser einer kleineren Querschnittsstudie an 4657 Probanden [3] fanden einen Zusammenhang zwischen dem Rauchen von Marihuana und dem verringerten Auftreten von Insulinresistenz, einer Vorstufe von Diabetes. Personen, die regelmäßig Marihuana konsumierten, hatten eine um 12 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, eine Insulinresistenz zu entwickeln. Dabei ist die Empfindlichkeit der Körperzellen eingeschränkt, mit Hilfe von Insulin Zucker zur Energieverwertung aufzunehmen. Der nicht-aufgenommene Zucker verbleibt in der Blutbahn und erhöht somit den Blutzuckerspiegel. Dementsprechend waren auch Insulin- und Blutzuckerwerte bei Marihuana-Rauchern niedriger.

Zusammen mit Fettleibigkeit, Bluthochdruck und erhöhten Blutfettwerten ist die Insulinresistenz der Motor, der die Diabeteserkrankung vorantreibt. Das Zusammenspiel dieser vier Faktoren bezeichnen Mediziner als Metabolisches Syndrom. Diabetes als Folge dieser Risikofaktoren bezeichnen Mediziner als Typ 2 Diabetes. Er betrifft rund neun von zehn Diabetesfälle [6].

Cannabidiol und Diabetes bei Mäusen

Unterstützung für die These der möglicherweise schützenden Wirkung von Cannabis liefert eine Tierstudie an Mäusen, die eine genetische Veranlagung für Diabetes hatten [4]. Die Autoren der Studie untersuchten die Auswirkungen von Cannabidiol, einer weiteren Substanz aus der Cannabispflanze, auf die Entstehung von Diabetes bei Tieren. Cannabidiol wird wie THC aus Cannabis gewonnen, wirkt aber nicht berauschend, sondern hat u.a. angstlösende, antipsychotische und antientzündliche Effekte. Das Ergebnis: Von 22 unbehandelten Mäusen, die kein Cannabidiol erhielten, erkrankten 19 an Diabetes. Bei Mäusen, die eine Cannabidiol-Behandlung bekamen, waren es allerdings nur 6 von 20.

Die Ergebnisse einer Untersuchung an Mäusen sind allerdings nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar. Zudem war die in der Studie injizierte Dosis sehr viel höher als der Gehalt von Cannabidiol in einem herkömmlichen Joint. Dennoch könnten die Ergebnisse bei der Erforschung von Diabetes Mellitus und dessen Vorbeugung helfen.

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[2] Rajavashisth (2012)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studienteilnehmer: 10 896 Teilnehmer aus NHANES 3 aus den Jahren 1988 – 1994 (National health and Nutrition Examination Survey)
Fragestellung: Ermittlung der Beziehung zwischen Cannabis-Konsum und Diabetes mellitus.
Mögliche Interessenkonflikte: Autor gehört Omics Biotechnology. Hat Interesse an einer Diabetes mellitus Behandlung über cannabinoid-induzierten Signalweg zwischen Zellen.

Rajavashisth TB, Shaheen M, Norris KC, Pan D, Sinha SK, Ortega J, Friedman TC. Decreased prevalence of diabetes in marijuana users: cross-sectional data from the National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) III. BMJ Open. 2012 Feb 24;2:e000494. (Studie in voller Länge)

[3] Penner (2013)
Studientyp: Querschnittsstudie – klinische Forschungsstudie
Studienteilnehmer: 4657 Teilnehmer aus der amerikanischen Gesundheits- und Ernährungsumfrage aus dem Jahr 2005 bis 2010
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum und Diabetes- Kriterien (Nüchtern-Blutzuckerspiegel, Insulinspiegel, Insulinresistenz und Bestandteilen des metabolischen Syndroms) wird untersucht
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Penner EA, Buettner H, Mittleman MA. The Impact of Marijuana Use on Glucose, Insulin, and Insulin Resistance among US Adults. Am J Med. 2013 May 9. (Studie in voller Länge)

[4] Weiß (2005)
Studientyp: Tierstudie
Versuchsobjekte: weibliche, nicht fettleibige, sechs bis 12 Wochen alte Mäuse, die an Diabetes leiden.
Fragestellung: Einfluss von Cannabidiol auf schlanke Mäuse mit Diabetes-Veranlagung.
Interessenkonflikte: keine angegeben

Weiss L, Zeira M, Reich S, Har-Noy M, Mechoulam R, Slavin S, Gallily R. Cannabidiol lowers incidence of diabetes in non-obese diabetic mice. Autoimmunity. 2006 Mar;39(2):143-51. (Zusammenfassung der Tierstudie)

Weitere Quellen

[1] Österreichisches Bundesministerium für Gesundheit Factsheet Illegaler Drogenkonsum in Österreich. Abgerufen am 18. 6. 2013 unter:
http://bmg.gv.at/cms/home/attachments/1/8/7/CH1038/CMS1166785817949/factsheet__illegaler_drogenkonsum_in_oesterreich.pdf

[5] Statistik Austria Chronische Krankheiten und Gesundheitsprobleme 2006/07 Abgerufen am 18.6. 2013 unter www.statistik.at/web_de/static/chronische_krankheiten_und_gesundheitsprobleme_200607_032170.pdf

[6] Diabetesinformationsdienst München. Abgerufen am 18. 6. 2013 unter: http://www.diabetesinformationsdienst-muenchen.de/erkrankungsformen/metabol-syndrom/grundlagen/insulinresistenz/index.html?fontSize=cfgnxprlpgc