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Demenz vorbeugen – geht das?

Ist Demenz vermeidbar?

Ist Demenz vermeidbar?

Warum wird so wenig für die Vorbeugung von Demenz getan, fragt sich eine Medizinerin im Online-Standard. Ein aktives, sozial erfülltes und gesundes Leben würden geistige Umnachtung im Alter verhindern. Forscher sind da weniger optimistisch – aber nicht völlig hoffnungslos.

 

 

Zeitungsartikel: Demenz ist vermeidbar (6. 8. 2013, derStandard.at)
Frage:Kann man Demenz vorbeugen?
Antwort:Möglicherweise könnten Sport und Bewegung, geistig fordernde Tätigkeiten, ein reges Sozialleben und eine mediterrane Ernährungsweise einer Demenz vorbeugen. Eventuell erhöhen Diabetes, Rauchen, Depressionen, Einsamkeit sowie Kopfverletzungen und Pestizide das Demenzrisiko. Gut abgesichert sind all diese Faktoren jedoch nicht.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür die wirksame Vorbeugung

Eine Heilung für Demenz hat die Wissenschaft bisher nicht gefunden. Umso wichtiger wäre es, dem geistigen Verfall im Alter vorzubeugen. Dass Demenz verhindert werden könne, „zeigt der Blick in die Biografien hochbetagter und geistig völlig klarer Menschen“, schreibt Medizinerin und Autorin Anja Krystyn im Online-Standard. Diese hätten bereits in jungen Jahren ihr Leben aktiv, stimulierend und erfüllend gestaltet. Kommunikation mit anderen sowie eine im Gleichgewicht befindliche Ernährung und Bewegung seien ebenfalls wichtig, um der Krankheit vorzubeugen.

Solch bewundernswerte Fälle lebenslustiger und geistig aktiver alter Menschen gibt es zweifelsohne viele. Doch leider sind sie nicht die Regel. Das zeigen Beispiele berühmter Personen wie etwa Physiknobelpreisträger Charles K. Kao, der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan oder Beststeller-Autor Terry Pratchett. Ihr Leben wird kaum jemand als passiv und wenig stimulierend bezeichnen. Dennoch sind sie alle an Alzheimer erkrankt.

Alter ist der größte Risikofaktor für Demenz. Von der Alzheimer-Krankheit, die etwa drei Viertel aller Demenzfälle ausmacht, ist etwa jeder Fünfzigste von 65 bis 69 betroffen. Unter den 80 bis 84-jährigen ist sogar jeder zehnte erkrankt [6]. Bei den über 90-jährigen hat bereits mehr als die Hälfte eine Form von Demenz [7]. Die sogenannte vaskuläre Demenz macht etwa 10 bis 20 von 100 Demenzfällen aus und ist neben Alzheimer die zweithäufigste Form von geistigem Abbau im Alter. Die Ursache für vaskuläre Demenz ist unter anderem eine Häufung von kleinen Schlaganfällen, von denen jeder einzelne keine unmittelbare Auswirkung zu haben scheint.

Vorbeugung nur vielleicht möglich

Dass sich die Entstehung von Demenz wie etwa Alzheimer verhindern lässt, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Das ist das Ergebnis einer mehr als 700-seitigen systematischen Übersichtsarbeit der Agency for Health Care Research and Quality [1] und einer laufend aktualisierten systematischen Übersichtsarbeit in Form einer Online-Datenbank [2]. Die Autoren dieser Übersichtsarbeiten fanden aber Hinweise, dass folgende Faktoren das Demenzrisiko möglicherweise tatsächlich verringern könnten:

  • Regelmäßiger Sport
  • Beschäftigung mit geistig fordernden Tätigkeiten
  • Hoher Bildungsstandard
  • Viele soziale Kontakte, Zusammenleben mit Partner
  • Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst, Nüssen, Olivenöl und Getreide, mehr Fisch als Fleisch und einem mäßigen Alkoholkonsum (mediterrane Ernährung)

Folgende Faktoren könnten das Alzheimerrisiko möglicherweise erhöhen:

  • Diabetes
  • Rauchen
  • Depressive Erkrankung
  • Kopfverletzungen
  • Pestizide
  • Niedriger Bildungsstandard
  • Wenige soziale Kontakte

Geringe wissenschaftliche Beweislage

Für alle diese möglichen Schutz- und Risikofaktoren ist die wissenschaftliche Beweislage jedoch nur gering – neue Studien werden mit Sicherheit einen wichtigen Einfluss auf die Beurteilung der Risikosenkung oder -erhöhung haben. Einzig für Hormonersatztherapien bei Frauen im Wechsel deutet die wissenschaftliche Beweislage auf eine wahrscheinliche Erhöhung des Alzheimerrisikos hin. Bekannt ist zudem, dass die Vererbung eine Rolle spielt und bestimmte Genvarianten das Risiko erhöhen können. Hat eine Person viele Demenzfälle in der Familie, oder trägt sie eine Risikogenvariante, bedeutet das aber nicht, dass sie in jedem Fall Alzheimer bekommen muss. Schließlich wirken sich auch viele andere Einflüsse auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit aus [8].

Die größte Unsicherheit ist, dass die meisten Erkenntnisse (ausgenommen jene zu Hormonersatztherapie und zur Vererbung) lediglich auf Kohortenstudien beruhen. Das bedeutet, dass Forscher zwar einen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Lebensweise und einer Alzheimererkrankung beobachtet haben, die beobachtete Lebensweise muss aber nicht unbedingt die Ursache dafür sein. So steht eine höhere Bildung zwar in Zusammenhang mit einem niedrigeren Alzheimerisiko. Es wäre jedoch denkbar, dass besser Gebildete auch intelligenter sind und der geistige Abbau dadurch erst später auffällt als bei Menschen mit niedrigerer Intelligenz. Auch andere, unbekannte Ursachen können für das erhöhte Erkankungsrisiko verantwortlich sein. Beispielsweise scheinen Menschen mit erhöhtem Cholesterinspiegel im Alter eher Alzheimer zu bekommen [1]. Eine Behandlung mit Statinen – einer Gruppe cholesterinsenkender Medikamenten – führt aber nachweislich zu keiner Verringerung des Alzheimerrisikos [3]. Das vermehrte Cholesterin im Blut kann also nicht die Ursache sein.

Keinen Zusammenhang mit dem Alzheimerrisiko fanden die Forscher unter anderem für Vitaminpräparate (zB Vitamin E, B12, C sowie Beta-Carotin) [1] [2], Gingko biloba [1], Omega 3 Fettsäuren [1] [4] und Bluthochdruck [1] [2] [5]. Zu vielen weiteren Faktoren, die unter Verdacht stehen, Alzheimer zu fördern, gibt es zu wenig wissenschaftliche Forschung – wie zum Beispiel für die Rolle von Aluminium [1] (siehe auch den Beitrag Vergesslich durch Aluminium?).

Regelmäßiger Sport, eine gesunde, mediterrane Ernährung, die Vermeidung von Übergewicht und somit von Diabetes sowie der Verzicht auf das Rauchen sind in jedem Fall eine gute Idee, um seinem Körper etwas Gutes zu tun – auch wenn nicht geklärt ist, ob sich damit auch Demenz vorbeugen lässt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christoph)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Williams u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 25 systematische Übersichtsarbeiten und 250 Einzelstudien
Fragestellung: Was sind Risikofaktoren für die Entstehung von Alzheimer Demenz, und wie lässt sie sich vorbeugen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Williams JW, Plassman BL, Burke J, Holsinger T, Benjamin S. Preventing Alzheimer’s Disease and Cognitive Decline. Evidence Report/Technology Assessment 2010; (193): 1-727. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Alzheimer Research Forum (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit (kontinuierlich ergänzte Online-Datenbank)
Fragestellung: Was sind Risikofaktoren für die Entstehung von Alzheimer Demenz?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Alzheimer Research Forum (ARF). AlzRisk AD Epidemiology Database. 11. 8. 2013 abgerufen am 13, 8. 2013 unter http://www.alzrisk.org/

[3] McGuinness u.a. (2006a)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 2 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 26 340 Personen mit hohem Cholesterinspiegel (Alter zwischen 40 und 82 Jahren)
Fragestellung: Können Statine Demenz vorbeugen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

McGuinness B, Craig D, Bullock R, Passmore P. Statins for the prevention of dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2. Art. No.: CD003160. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Sydenham u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 3536 nicht-demente Personen ab 60 Jahren
Fragestellung: Können Omega 3 Fette Demenz vorbeugen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Sydenham E, Dangour AD, Lim WS. Omega 3 fatty acid for the prevention of cognitive decline and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 6. Art. No.: CD005379. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] McGuinness u.a. (2006b)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 4 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 15 936 Personen mit Bluthochdruck (Durchschnittsalter 75 Jahre)
Fragestellung: Kann Blutdrucksenkung Demenz vorbeugen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

McGuinness B, Todd S, Passmore P, Bullock R. Blood pressure lowering in patients without prior cerebrovascular disease for prevention of cognitive impairment and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 4. Art. No.: CD004034. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2013). Überblick: Alzheimer-Demenz. Abgerufen am 14. 8. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/ueberblick-alzheimer-demenz.1111.de.html

[7] Shadlen M-F, Larson EB (2013). Risk factors for dementia. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 14. 8. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-dementia

[8] Sherva R, Kowall N (2013). Genetics of Alzheimer disease. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 14. 8. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/genetics-of-alzheimer-disease