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Das kurze Leben des übergewichtigen Nachwuchses

Mehr Bewegung für mehr Leben?

Laut einem Artikel im Kurier verlieren Kinder und Jugendliche fünf Jahre an Lebenserwartung durch mangelnde Bewegung. Die Gefahr mag real sein, aber einem berühmten Zitat folgend sind „Prognosen immer besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Zeitungsartikel: Kinder verlieren fünf Lebensjahre (5.8.2014, kurier.at)
Frage:Haben heutige Kinder eine kürzere Lebenserwartung als ihre Eltern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Übergewicht und Bewegungsmangel sind weltweit zunehmende Risikofaktoren, die das Leben verkürzen können. Eine Studie aus den USA kam im Jahr 2005 unter Einbeziehung dieser Risiken zu dem Schluss, dass sich die Lebenserwartung um 3 bis 9 Monate verringern könnte.

Der Sportartikelhersteller Nike hat viel Wirbel mit einer Veröffentlichung zu Bewegungsmangel und Gesundheitsproblemen gemacht – und das war auch das Ziel. Schließlich ist der Bericht ein Aufruf an die ganze Welt, aktiv zu werden – und natürlich speziell an alle, die Entscheidungen im Gesundheitssystem zu treffen haben. Natürlich macht das Nike nicht ganz selbstlos, dennoch wurden für den Report gute wissenschaftliche Partner aus der ganzen Welt gefunden. Es ist ein beachtliches Dokument zu einem ernstzunehmenden Problem, in voller Länge zu finden auf http://www.designedtomove.org. Aber: Es ist keine Studie und auch keine wissenschaftliche Zusammenfassung von Studien zu einer einzelnen Frage – was hat es also wirklich mit der verkürzten Lebenserwartung von Kindern und Jugendlichen auf sich?

Vernünftige Spekulation…

Die Aussagen zur verkürzten Lebenserwartung beziehen sich im Großen und Ganzen auf eine einzige Arbeit aus dem Jahr 2005, die sich wiederum ausschließlich auf die Situation in den USA bezieht [1]. Grob gesagt hat sich die Studie 2005 die damals aktuelle Gesundheitssituation der Kinder und Jugendlichen angesehen und bei der Berechnung der Lebenserwartung das Risiko durch Übergewicht berücksichtigt. Übergewicht führt zu einer höheren Rate an vorzeitigen Sterbefällen – dadurch verkürzt sich die Lebenserwartung im Durchschnitt um 3 bis 9 Monate. Das ist nicht unwesentlich, sondern mehr, als Unfälle, Morde und Selbstmorde zusammen an frühzeitigen Todesfällen verursachen. Und es ist insofern erschreckend, weil die Lebenserwartung bisher gestiegen ist. Es wäre also eine Trendumkehr: Zum ersten Mal seit langer Zeit hätten die Kinder eine weniger hohe Lebenserwartung als ihre Eltern.
Aber woher kommt die Behauptung mit den fünf Jahren? Das ist kein Ergebnis der Berechnungen, sondern eine Schätzung der Autoren. Es gibt einige Gründe anzunehmen, dass es schlimmer wird als die 3 bis 9 Monate weniger: Übergewicht wird immer häufiger und tritt bei immer jüngeren Kindern auf [1]. Setzt sich dieser Trend fort, so könne es zu einer Verkürzung der Lebenserwartung von drei bis fünf Jahren kommen.

…über eine ungewisse Zukunft

Sind die Würfel also gefallen, wird die Lebenserwartung in den USA wegen des Übergewichts tatsächlich zurückgehen? Eine Vorhersage über die Lebenserwartung ist auch nur der Versuch, die Zukunft vorher zu sagen. Es ist unmöglich, alle Faktoren zu berücksichtigen und korrekt in die Schätzung miteinfließen zu lassen. Die Gefahren von Übergewicht und der Anteil an übergewichtigen Kindern sind bekannt, die Berechnung ist plausibel und es ist vielleicht die beste Schätzung, die uns zur Verfügung steht. Aber ob es wirklich so passieren wird, können wir nicht wissen.
Übergewicht mag ein entscheidender Faktor für die Lebenserwartung sein, doch es ist nicht der einzige. Es ist auch schwer zu bestimmen, welche Rolle dieser einzelne Faktor genau spielt. Eine amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2013 versucht, die Rolle verschiedener Krankheiten und Risikofaktoren auf die Lebenserwartung in Zahlen zu fassen [2]. Dafür wurde im Detail die Entwicklung der Lebenserwartung in den USA von 1990 bis 2010 untersucht. In dieser Zeit hat sich die Lebenserwartung weiterhin gesteigert, von 75,2 auf 78,2 Jahre. Einige der Ergebnisse stützen dennoch die Spekulationen aus 2005: Beispielsweise hat Diabetes als Todesursache deutlich zugenommen – Übergewicht führt in vielen Fällen zu Diabetes. Auch hat die Gesundheitsbelastung durch Übergewicht in den zwei Jahrzehnten um 45 Prozent zugenommen.

Andererseits zeigte sich, dass Ernährung auch abseits ihrer Auswirkungen auf das Körpergewicht eine größere Rolle spielt als Übergewicht oder Bewegungsmangel. Und es ist noch nicht geklärt, wie viel Übergewicht welche Wirkung hat und was in Hinblick auf die Lebenserwartung das Idealgewicht ist [2]. Natürlich beeinflussen Ernährung, Bewegung und Übergewicht einander stark, trotzdem können sie als einzelne Faktoren untersucht werden; aktuell gibt es erfolgreiche Strategien, die Ernährung und das Bewegungsverhalten zu verbessern, aber es gelingt kaum, Übergewicht in der Bevölkerung zu reduzieren [2].

Bewegung verlängert das Leben

Dass Bewegungsmangel das Leben verkürzen kann, geht auch aus einer Studie aus 2012 hervor. Darin haben sich die Autoren angesehen, wie sehr Bewegungsmangel zu verschiedenen Todesursachen beiträgt, nämlich zu Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Brustkrebs und Darmkrebs. Laut den Berechnungen verursacht Bewegungsmangel 6-10 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle durch diese Erkrankungen. Umgerechnet heißt das: Würde sich nur ein Viertel der Bewegungsmuffel regelmäßig körperlich betätigen, könnten weltweit jährlich 1,3 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindert werden [3]. Bewegungsmangel ist als Risikofaktor damit vergleichbar mit Rauchen oder Übergewicht.

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Olshansky u.a. (2005)
Studientyp: Epidemiologische Berechnungen
Interessenskonflikte: Coautor mit zahlreichen finanziellen Verknüpfungen zur Industrie

Olshansky SJ, Passaro DJ, Hershow RC, Layden J, Carnes BA, Brody J, Hayflick
L, Butler RN, Allison DB, Ludwig DS. A potential decline in life expectancy in
the United States in the 21st century. N Engl J Med. 2005 Mar 17;352(11):1138-45.
Volltext

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] US Burden of Disease Collaborators (2013)
US Burden of Disease Collaborators. The state of US health, 1990-2010: burden
of diseases, injuries, and risk factors. JAMA. 2013 Aug 14;310(6):591-608.
Zusammenfassung

[3]Lee u.a. (2012)
Studientyp: Epidemiologische Berechnungen
Fragestellung: Welchen Einfluss hat Bewegungsmangel als Risikofaktor auf Krankheitslast und Lebenserwartung?
Mögliche Interessenkonflikte: Keine angegeben

Lee IM, Shiroma EJ, Lobelo F, Puska P, Blair SN, Katzmarzyk PT; Lancet
Physical Activity Series Working Group. Effect of physical inactivity on major
non-communicable diseases worldwide: an analysis of burden of disease and life
expectancy. Lancet. 2012 Jul 21;380(9838):219-29.
Volltext

Designed to move – A Physical Activity Action Agenda http://www.designedtomove.org