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Cryolipolyse statt Fettabsaugen: Wirksamkeit nicht bestätigt

Kälte gegen Fett?

Kälte gegen Fett?

Aktualisiert: Speckröllchen durch eine simple Kältebehandlung wegzuzaubern verspricht laut Kurier die sogenannte Cryolipolyse. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der Methode liefern die wenigen existierenden „Studien“ jedoch keine. (Ursprünglich veröffentlicht am 24.10.2013)
 

 

Zeitungsartikel: Knackige Badefigur dank Eis (14.7.2013, Kurier, Beilage „Schöner Leben“)
Frage: Bewirkt Cryolipolyse eine merkbare Körperfett-Reduktion?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Wirksamkeit von Cryolipolyse lässt sich nicht objektiv beurteilen, da es keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsstudien dazu gibt.

[Aktualisiert 15.7.2014: Eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltlichen Änderungen.]

Warum kompliziert wenn’s einfach auch geht? Statt Hüftgold und Bauchfett mittels anstrengender Fitnessübungen und gesunder Ernährung zu Leibe zu rücken, soll eine einfache Kältebehandlung dem Körper ästhetischere Formen verleihen. „Cryolipolyse“ – also Fettauflösung durch Kälte – nennen das kommerzielle Anbieter dieser Methode.

Funktionieren soll das, indem die Kältebehandlung Fettzellen unter der Haut schädigt. Auf die Idee kamen Wissenschaftler, als sie beobachteten, dass sich bei kleinen Kindern durch die Kälte von Eislutschern in seltenen Fällen das Unterhaut-Fettgewebe der Wangen entzünden kann. Mediziner verwenden dafür die Bezeichnung Kälte-Panniculitis [6]. Tage bis Wochen nach der Kältebehandlung sollen die Fettzellen schließlich absterben. Laut Kurier sei der Behandlungserfolg der Cryolipolyse zur Fettreduktion wissenschaftlich bestätigt.

Das ist er jedoch keineswegs, denn bisher veröffentlichte Studien dazu sind äußerst mangelhaft. Ob die Methode wirksam Körperfett reduzieren kann, lässt sich anhand ihrer Ergebnisse nicht sagen.

Mangelhafte Studien, unvollständige Daten

Das wichtigste Kriterium, um die Wirksamkeit einer Behandlung zu bestätigen, ist der Vergleich mit einer Scheinbehandlung oder einer bereits etablierten Behandlung. Dabei teilen Forscher Studienteilnehmer per Zufall einer Behandlungsgruppe oder einer Kontrollgruppe zu. Der Vergleich mit einer solchen Kontrollgruppe fehlt aber in allen bisher veröffentlichten Untersuchungen [1] [2] [3] [4].

In drei Studien haben die Autoren anhand von Fotografien oder Fettfaltendicke-Messungen Vorher-Nachher-Vergleiche durchgeführt [1] [3] [4]. Ob der Grund für die angeblichen Figurverbesserungen nach drei bis sechs oder zwölf Monaten tatsächlich die Kältebehandlung war, lässt sich durch Vorher-Nachher-Vergleiche ohne eine unbehandelte Kontrollgruppe aber ohnehin nicht feststellen. Denn ob die teilnehmenden Personen nebenbei auch eine Diät gehalten oder durch Sport abgenommen hatten, haben die Studienleiter nicht untersucht.

In zwei der Studien waren diese Vorher-Nachher-Vergleiche zudem nicht objektiv und daher möglicherweise verfälscht. Die beurteilenden Studienleiter wussten nämlich im Vorhinein, welche der Fotos vor und welche nach der Behandlung aufgenommen worden waren [1] [3]. In einer dritten Studie [4] beurteilten drei Studienleiter Vorher-Nachher-Aufnahmen zwar, ohne das Ergebnis bereits zu kennen. Aus nicht näher genannten Gründen wurden jedoch nur die Ergebnisse von sechs der zehn behandelten Personen beurteilt.

Die Verfasser mancher Publikationen gaben auch an, die Dicke der Fettschicht mit der an einer anderen, unbehandelten Körperregion derselben Person verglichen zu haben. Dabei maßen die Versuchsleiter die Dicke von Fettfalten mithilfe einer Schiebelehre. Um welche andere Körperregion es sich dabei gehandelt hat, verraten die Autoren zweier Studien nicht [1] [2]. In einer anderen Studie [4] wurde die Hüfte einer Seite unbehandelt gelassen und mit der behandelten Hüftregion der anderen Seite verglichen – aber eben nur bei sechs von zehn behandelten Personen.

Auch wenn die Autoren bisher veröffentlichter Untersuchungen die Wirksamkeit der Cryolipolyse beschwören – objektiv einschätzen lässt sich diese anhand ihrer Ergebnisse nicht. Aufmerken lassen sollte aber, dass die Verfasser deutlich übergewichtige Personen von vornherein aus den Studien ausgeschlossen haben. In vielen Publikationen ist demnach auch nur von der Behandlung lokal begrenzter Probemstellen die Rede.

Nicht nebenwirkungsfrei

Bei der Cryolipolyse wird die Hautoberfläche mit Vakuum angesaugt und bis zu 60 Minuten auf Temperaturen zwischen minus fünf und plus fünf Grad abgekühlt. Das bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. So müssen behandelte Klienten mit Schmerzen rechnen, die in einigen Fällen sehr stark sein können. Häufig treten Rötungen und Taubheitsgefühle auf, die über Wochen anhalten. Gelegentlich verändert sich für bis zu zwei Monate auch die Berührungsempfindlichkeit der behandelten Stelle [1] [2] [4]. Forscher vermuten zudem, dass durch den körpereigenen Abbau abgestorbener Fettzellen Leber- und Blutfettwerte ungünstig beeinflusst werden. So können durch die Cryolipolyse-Behandlung möglicherweise die Werte des „guten“ HDL-Cholesterins über einige Wochen absinken [5].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht )

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Shek u.a. (2012)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 33
Studiendauer: bis zu 5 Monate
Fragestellung: Führt Cryolipolyse zu einer Reduktion des Fettanteils in Bauch- und Hüftgegend?
Mögliche Interessenskonflikte: keine offengelegt

Shek SY, Chan NP, Chan HH. Non-invasive cryolipolysis for body contouring in Chinese–a first commercial experience. Lasers Surg Med. 2012 Feb;44(2):125-30. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Dierickx u.a. (2013)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 518 (davon Fettdicke-Messung bei 49 nicht-fettleibigen Patienten mit lokalen Körperfettdepots)
Studiendauer: 3 Monate
Fragestellung: Führt Cryolipolyse zu einer Reduktion lokaler Körperfettdepots?
Mögliche Interessenskonflikte: keine offengelegt

Dierickx CC, Mazer JM, Sand M, Koenig S, Arigon V. Safety, tolerance, and patient satisfaction with noninvasive cryolipolysis. Dermatol Surg. 2013 Aug;39(8):1209-16. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Ferraro u.a. (2012)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 50
Studiendauer: 12 Monate
Fragestellung: Führt Cryolipolyse in Kombination mit mechanischer Schockwellenbehandlung zu einer Reduktion lokaler Körperfettdepots?
Mögliche Interessenskonflikte: keine offengelegt

Ferraro GA, De Francesco F, Cataldo C, Rossano F, Nicoletti G, D’Andrea F. Synergistic effects of cryolipolysis and shock waves for noninvasive body contouring. Aesthetic Plast Surg. 2012 Jun;36(3):666-79. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Coleman u.a. (2009)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 10
Studiendauer: 6 Monate
Fragestellung: Führt Cryolipolyse zu einer Reduktion lokaler Körperfettdepots und wirkt sie sich negativ auf lokale Nervenfasern aus?
Mögliche Interessenskonflikte: finanziert durch Zeltiq Aesthetics, einem Hersteller von Cryolipolysegeräten

Coleman SR, Sachdeva K, Egbert BM, Preciado J, Allison J. Clinical efficacy of noninvasive cryolipolysis and its effects on peripheral nerves. Aesthetic Plast Surg. 2009 Jul;33(4):482-8. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Klein u.a. (2009)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 40
Studiendauer: 12 Wochen
Fragestellung: Führt Cryolipolyse zu einer Änderung der Blutfettwerte oder Leberwerte?
Mögliche Interessenskonflikte: Studie finanziert von Zeltiq Aesthetics, einem Hersteller von Cryolipolysegeräten, mehrere Autoren erhielten finanzielle Zuwendungen von Zeltiq Aesthetics oder sind Angestellte der Firma

Klein KB, Zelickson B, Riopelle JG, Okamoto E, Bachelor EP, Harry RS, Preciado JA. Non-invasive cryolipolysis for subcutaneous fat reduction does not affect serum lipid levels or liver function tests. Lasers Surg Med. 2009 Dec;41(10):785-90. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Lee L (2013). Panniculitis: Recognition and diagnosis. In Ofori A O (ed.). UpToDate. Abgerufen am 17. 9. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/panniculitis-recognition-and-diagnosis