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Cranberrys: Schutz vor Blasenentzündung?

Was kann die rote Beere?

Was kann die rote Beere?

Seit Jahren werden Cranberrys zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten eingesetzt. Diverse Produkte aus den roten Beeren sollen die häufige Erkrankung verhindern. Doch dieser Befund ist höchst umstritten.

Frage:Wirken Cranberrys vorbeugend gegen Harnwegsinfekte?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass diverse Cranberry-Produkte (Saft, Tabletten usw.) keine wirksamen Mittel zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten sind. Bei einzelnen Personen ist möglicherweise ein gewisser Schutz nicht ausgeschlossen, der Effekt ist hier aber nur gering.

Brennen oder Schmerzen beim Harnlassen, blutiger Urin und das Gefühl, ständig aufs WC zu müssen – diese Symptome sind typisch für eine Harnwegsinfektion. Vor allem Frauen erkranken zumindest ein Mal im Leben daran, aber auch Kinder, ältere Menschen und Personen mit Blasenkatheter sind gefährdet. Auslöser der Infektion sind meistens Bakterien. Sie können aus dem Darm in den Harnleiter und in die Blase gelangen.

Um die Erreger und damit die Beschwerden loszuwerden, werden oft Antibiotika verschrieben, die einen oder mehrere Tage lang einzunehmen sind. Bei Rückfall-gefährdeten Personen ist oft auch eine Langzeittherapie angebracht. Doch die Medikamente lösen mitunter Nebenwirkungen und Resistenzen aus [4] [6].

Fragwürdige Alternative

Deswegen wünschen sich manche Patienten eine pflanzliche Alternative, mit der sie einer Harnwegsinfektion aktiv entgegenwirken können. Sie greifen zu den vielfach angepriesenen Cranberry-Produkten. Diese gelten seit Jahren als Hausmittel für die Harnwege.

Saft, Konzentrat, Kapseln und Tabletten aus Cranberrys gibt es rezeptfrei in Apotheken und Drogerien. Über welchen Zeitraum und in welcher Dosis die Produkte im Kampf gegen die Krankheitserreger angewendet werden müssen, um ihren Schutz zu entfalten, ist allerdings fraglich.

Was ist drin, was ist dran?

Kein Wunder: Wie die Früchte der nordamerikanischen Heidelbeeren-Verwandten wirken, ist noch ungeklärt. Möglicherweise haben es Bakterien durch bestimmte Pflanzenstoffe (Proanthocyanidine) schwer, sich im Inneren der Blase anzuheften.

Ebenfalls umstritten ist, ob Cranberrys überhaupt gegen Harnwegsinfekte wirken. Die Wissenschaft jedenfalls liefert unterschiedliche Befunde. So kommen die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit [2] aus dem Jahr 2012 zu dem vorsichtigen Schluss, dass Cranberrys bei manchen Personengruppen wohl eine gewisse Schutzwirkung ausüben können – die Apotheker Krone verweist darauf.

Derzeit: keine Wirkung

Wenig später erschien eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [1]. Sie ist methodisch besser, umfassender und somit verlässlicher, wenngleich sie eine ernüchternde Schlussfolgerung liefert: Die Autoren schreiben den roten Beeren keine vorbeugende Wirkung (mehr) zu. Das Konsumieren von Cranberry-Produkten macht keinen Unterschied.

Damit widerrufen sie die Kernaussage einer früheren Version ihrer Übersichtsarbeit [5] aus dem Jahr 2008. Damals deutete die Studienlage noch auf einen moderat positiven Effekt hin.

Nach wie vor schließen die Autoren nicht aus, dass einzelne Personen (Frauen mit wiederkehrenden Infekten) möglicherweise ein wenig profitieren könnten. Und sie attestieren den Cranberry-Produkten zumindest, dass sie keine schweren Nebenwirkungen auslösen.

Kraut, Rüben und Cranberrys

Warum ist es so schwierig, Aussagen über die Wirksamkeit von Cranberrys zu treffen? Immerhin gibt es bereits etliche Studien zu diesem Thema. Doch oft hapert es an der Qualität des Studiendesigns und der statistischen Aussagekraft. Die Ergebnisse sind – wenig verwunderlich – widersprüchlich.

Häufig ist aus den Forschungsarbeiten nicht herauszulesen, welche Dosis der mutmaßlich wirksamen Proanthocyanidine die Probanden einnehmen mussten. Wie wurden die Produkte hergestellt und gelagert? Auch die auffällig hohe Dropout-Rate ist hinderlich: Viele Studienteilnehmer brechen vorzeitig ab, weil sie den bitter-sauren Geschmack der Cranberrys auf Dauer nicht ertragen. Und die Tatsache, dass Safthersteller mitunter als Finanziers der Studien auftreten, macht die Sache nicht einfacher.

Ein Blick in das Studienregister ClinicalTrials [3] zeigt, dass derzeit Dutzende Studien über Wirkung und Anwendung von Cranberrys laufen. Durch sie sollte sich bald noch klarer abzeichnen, was die rote Frucht (nicht) bewirken kann. Cranberrys stammen übrigens aus Nordamerika, sind Verwandte der Heidelbeere und erfreuen sich u.a. in Saucen, Gebäck und Müsli großer Beliebtheit.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

Jepson u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 24 randomisiert-kontrollierte und quasi-randomisierte Studien; davon 13 Studien in Meta-Analyse
Teilnehmer: 4473 Personen
Fragestellung: Sind Cranberry-Produkte wirksam als Vorbeugung von Harnwegsinfekten?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Jepson RG, Williams G, Craig JC. Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 10. Art. No.: CD001321. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Wang u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 13 randomisiert-kontrollierte Studien; davon 10 Studien in Meta-Analyse
Teilnehmer: 1616 Personen; davon 1494 Personen in Meta-Analyse
Fragestellung: Sind Cranberry-Produkte wirksam als Vorbeugung von Harnwegsinfekten?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Wang CH, Fang CC, Chen NC, Liu SS, Yu PH, Wu TY, Chen WT, Lee CC, Chen SC. Cranberry-containing products for prevention of urinary tract infections in susceptible populations: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Arch Intern Med. 2012 Jul 9;172(13):988-96. (Kritische Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] ClinicalTrials (2014). Datenbank der National Institutes of Health ClinicalTrials
Suchbegriff ‚Cranberry’, abgerufen am 4.9.2014 unter http://www.clinicaltrials.gov/

[4] IQWIG (2012)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Thema Blasenentzündung
abgerufen am 4.9.2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/blasenentzuendung.2258.de.html

[5] Jepson & Craig (2008)

Jepson RG, Craig JC. Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 1. Art. No.: CD001321. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] UpToDate (2014)
Patient Information: Urinary tract infections in adolescents and adults (Beyond the Basics) abgerufen am 4.9.2014
unter http://www.uptodate.com/contents/urinary-tract-infections-in-adolescents-and-adults-beyond-the-basics