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Chyawanprash: Hilft das Ayurveda-Mus?

In Indien weitverbreitet: die traditionelle Heilkunst Ayurveda

In Indien weitverbreitet: die traditionelle Heilkunst Ayurveda

Früchte, Gewürze und Kräuter stecken in Chyawanprash. Das aromatische Mus ist in Indien als Nahrungsergänzung weit verbreitet und wird auch in Österreich verkauft. Es soll die Gesundheit positiv beeinflussen. Wirkt es tatsächlich?

Frage:Hat die indische Gewürzpaste Chyawanprash eine positive Wirkung auf die Gesundheit?
Antwort:unklar
Erklärung:Zu möglichen Gesundheitseffekten von Chyawanprash fehlen aussagekräftigen Untersuchungen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass andere Ayurveda-Mittel eine günstige Wirkung haben könnten. Es mangelt jedoch an guten Studien. Zwischen der westlich geprägten Medizin und der traditionellen Heilkunst aus Indien liegt eine tiefe Kluft.

In vielen indischen Haushalten findet sich Chyawanprash: Das würzige Mus besteht aus Dutzenden Ingredienzien und ist ein traditionelles Ayurveda-Heilmittel. Eine Hauptzutat sind die in Butterschmalz und Sesamöl gebratenen Indischen Stachelbeeren. Außerdem werden für Chyawanprash Dutzende Kräuter mit Zucker und Honig eingekocht [6].

Zu schön, um wahr zu sein?

Regelmäßig ein Löffelchen Chyawanprash, pur bzw. in Wasser oder Milch eingerührt – das soll nicht nur gut schmecken, sondern auch der Gesundheit in vielerlei Hinsicht nutzen. Angeblich fördert Chyawanprash die Widerstandskraft, wirkt als Anti-Aging-Mittel und verbessert die Gesundheit in etlichen weiteren Aspekten [8].

Auch wenn die Einnahme von Chyawanprash in Indien eine lange Tradition hat – zu diesen fast märchenhaft klingenden Lobpreisungen können wir keine Einschätzung geben. Denn wissenschaftliche Studien über die Wirkung von Chyawanprash auf die menschliche Gesundheit sind rar. Die wenigen vorhandenen Untersuchungen erlauben leider keine Aussagen darüber, ob das Mus positive Gesundheitseffekte zu entfalten vermag.

Keine Standards, keine Nachweise

Falls Chyawanprash tatsächlich die eine oder andere langfristige positive Wirkung haben sollte, dürfte es schwierig sein, diese nachzuweisen. Denn für die Produktion des musartigen Nahrungsergänzungsmittels gibt es keine strengen Standards.

Das heißt, für Anbau, Lagerung und Verarbeitung der diversen Zutaten fehlen Normen. Je nach Hersteller kann die Chyawanprash-Zusammensetzung variieren. Folglich sind keine Aussagen über die Konzentration von möglicherweise gesundheitsfördernden Wirkstoffen möglich [8].

Was kann die Tradition?

Also kann über die Wirkung oder Sicherheit von Chywanprash und viele weitere Ayurveda-Mittel und -Methoden oft nur spekuliert werden. Dennoch scheint es in einigen Fällen durchaus sinnvoll, der traditionellen Heilkunst auf den Grund zu gehen.

So gibt es bei einigen Erkrankungen wie Reizdarm oder Schizophrenie Hinweise darauf, dass Ayurveda manchen Betroffenen unter Umständen helfen könnte [4] [5]. Im Allgemeinen ist die traditionelle indische Heilkunst jedoch nur schlecht untersucht.

Ungeachtet dieser Tatsache erfreut sich Ayurveda im Westen steigender Beliebtheit, zum Beispiel bei Menschen mit chronischen Erkrankungen oder bei Personen, die auf der Suche nach einem gesunden Lebensstil sind [7] [10].

Ayurveda-Forschung im Trend

Für die vielen offenen Fragen will auch die indische Regierung Antworten finden. Sie unterstützt die Modernisierung des Ayurveda durch wissenschaftliche Studien – diese sollen dann auch dem skeptischen Blick von westlich geprägten Wissenschaftlern standhalten. Denn im Gegensatz zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wird Ayurveda im Westen eher mit Wellness als mit Heilkunst in Verbindung gebracht.

Und so laufen zur Zeit Forschungsprogramme, bei denen beispielsweise die genetischen Merkmale von Personen und die auf sie zugeschnittenen Ayurveda-Behandlungen miteinander abgeglichen werden. Auch die Sicherheit der Mittel ist ein wichtiges Thema, seit einige giftige Substanzen in manchen Ayurveda-Mitteln nachgewiesen wurden [7] [9].

 

Die Studien im Detail

Zum Thema Chyawanprash ist die wissenschaftliche Literatur ziemlich dürftig. Einige Studien zum Thema beziehen sich auf Zell- und Tierversuche. Diese Ergebnisse können nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden.

Keine Aussagen möglich

Eine der wenigen Studien mit menschlichen Probanden, die wir zum Thema finden konnten, stammt aus dem Jahr 2001 [1]. Fünf gesunde Männer erhielten für acht Wochen Vitamin C, fünf weitere über denselben Zeitraum Chyawanprash. Danach wurden die Probanden acht weitere Wochen beobachtet.

Aufgrund des Vergleichs der beiden Gruppen wurden gewisse positive kurzfristige Effekte auf den Blutzucker- und Fettstoffwechsel durch das Fruchtmus nahegelegt. Durch diverse Mängel – frappant ist etwa die äußerst geringe Probandenzahl – lassen sich durch diese Studie jedoch keineswegs verlässliche Schlüsse ziehen.

Tönerne Füße

Zwei weitere Beispiele für Chyawanprash-Studien, die diverse Mängel aufweisen und die ebenfalls keine Belege für Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit liefern können: Nach Untersuchungen [3] an 21 Betel-kauenden Konsumenten vermuteten die Autoren, dass Chyawanprash möglicherweise vor gefährlichen genetischen Veränderungen schützen könne. Die Forscher hatten die Mundschleimhaut-Zellen der Probanden analysiert. Darüber, wie sich die Gesundheit dieser Personen im weiteren Verlauf entwickelte, erfahren wir nichts.

Auch auf ziemlich tönernen Füßen stehen die Aussagen [2] über diverse positive Wirkungen bei College-Studenten. Chyawanprash verbessere demnach Konzentration, Wohlbefinden und geistige Leistungsfähigkeit. Der Haken an der Studie: In der Publikation ist nicht nachvollziehbar, ob die beschriebenen Effekte tatsächlich auf die Gabe von Chaywanprash zurückzuführen sind.

Keine Empfehlungen möglich

Insgesamt konnten wir also keine aussagekräftigen Studien zur (Un-)Wirksamkeit von Chyawanprash finden. Die Studienlage reicht nicht aus, um den Genuss einerseits nahezulegen oder andererseits bedenklich erscheinen zu lassen. Neben gut gemachten Untersuchungen zu möglichen Effekten fehlen auch Analysen zur Sicherheit bei einer Langzeitanwendung.

Vorsichtig vortasten

Ein wenig ergiebiger war unsere Suche nach Übersichtsarbeiten zu anderen Ayurveda-Mitteln, bei denen gleich mehrere Analysen zusammengefasst sind. Bei Personen mit Schizophrenie oder mit Reizdarm könnten bestimmte Ayurveda-Behandlungen – möglicherweise! – eine gewisse positive Wirkung zeigen. Zu diesem Schluss kommen zwei Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration [4] [5].

Allerdings betonen die Autoren dieser hier beispielhaft herausgegriffenen Übersichtsarbeiten, dass es mitunter an der Basis für ihre vorsichtigen Schlussfolgerungen hapert. Es kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass die zugrunde liegenden Studien Verzerrungseffekten unterliegen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Manjunatha u.a. (2001)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 10 Männer
Fragestellung: Welche Effekt hat Chyawanprash bzw. Vitamin C auf den Zuckerstoffwechsel bzw. auf den Fettstoffwechsel?
mögliche Interessenskonflikte: unbekannt

Manjunatha S, Jaryal AK, Bijlani RL, Sachdeva U, Gupta SK. Effect of Chyawanprash and vitamin C on glucose tolerance and lipoprotein profile. Indian J Physiol Pharmacol. 2001 Jan;45(1):71-9. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Sailesh u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 128 Studenten
Fragestellung: Profitieren College-Studenten von der regelmäßigen Einnahme von Chyawanprash ?
Mögliche Interessenskonflikte: Chyawanprash-Hersteller hat die Studie durch Warenspenden unterstützt

Kumar Sai Sailesh, Archana R, Soumya Mishra, Symphoria, Mukkadan JK. EFFECT OF CHYAWANPRASH ON COGNITIVE, AUTONOMIC AND RESPIRATORY PARAMETERS IN COLLEGE STUDENTS Int. J. Res. Ayurveda Pharm. 5(4), Jul – Aug 2014. 435. (Studie in voller Länge)

[3] Uma & Kotasthane (2014)
Studientyp: nicht-randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 21
Fragestellung: Kann Chyawanprash gegen die negativen Effekte von gefährdeten Patienten mit Betel-Konsum helfen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

N. Uma and Dhananjay S. Kotasthane. A Cytogenetic Study on the Efficacy of Chyawanprash Awaleha as an Antioxidant in Oral Premalignant Cancer. Journal of Oral Oncology, Vol. 2014, Article ID 864230. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[4] Agarwal u.a. (2007)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer: 250
Fragestellung: Kann ayurvedische Medizin Personen mit Schizophrenie helfen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Agarwal V, Abhijnhan A, Raviraj P. Ayurvedic medicine for schizophrenia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD006867. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Liu u.a. (2006)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 75 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer: 7.957
Fragestellung: Können Pflanzen aus verschiedenen Richtungen der traditionellen Medizin (z.B. Ayurveda) bei Reizdarm hilfreich sein?
Mögliche Interessenskonflikte: keine

Liu JP, Yang M, Liu Y, Wei ML, Grimsgaard S. Herbal medicines for treatment of irritable bowel syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 1. Art. No.: CD004116. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Debnath u.a. (2012)
Studientyp: teilweise randomisiert-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 99 Patienten mit Tuberkulose aus Indien
Studiendauer: 28 Tage
Fragestellung: Bessert Chyawanprash klinische Laborparameter bei Tuberkulose-Patienten?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Debnath PK, Chattopadhyay J, Mitra A, Adhikari A, Alam MS, Bandopadhyay SK, Hazra J. Adjunct therapy of Ayurvedic medicine with anti tubercular drugs on the therapeutic management of pulmonary tuberculosis. J Ayurveda Integr Med. 2012 Jul;3(3):141-9. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] National Center for Complementary and Integrative Health (2015)
Ayurvedic Medicine: An Introduction. Abgerufen am 26.09.2016 unter
https://nccih.nih.gov/health/ayurveda

[8] Parle & Bansal (2006)
Studientyp: Nicht-systematische Übersichtsarbeit

Parle M, Bansal N. Traditional medicinal formulation, Chyawanprash—a review.
Indian Journal of Traditional Knowledge. 2006;5:484–488. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[9] Pulla (2014)
Studientyp: Kommentar

Pulla P. Biomedical Research. Searching for science in India’s traditional medicine.
Science. 2014 Oct 24;346(6208):410. (Verweis auf den Kommentar)

[10] Tillu u.a. (2015)
Studientyp: Protokoll für eine Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration

Tillu G, Chopra A, Sarmukaddam S, Tharyan P. Ayurveda interventions for rheumatoid arthritis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 3. Art. No.: CD011569. (Volltext der Studie)