Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Cholesterinsenken sinnlos? Von wegen!

Ernährungsumstellung für gesundes Herz

Ernährungsumstellung für gesundes Herz

Ein hoher Cholesterinspiegel erhöhe das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht, Cholesterinsenker seien nutzlos. So die provokanten Thesen einer Gruppe von Skeptikern laut Kurier. Wissenschaftlich haltbar sind diese Behauptungen nicht.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Ist das Cholesterinsenken sinnlos? (27.8.2013, Kurier)
Frage:Stimmt es, dass eine Senkung des Cholesterinspiegels das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht vermindert?
Antwort:Nein. Ein hoher Cholesterinspiegel kann neben anderen Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Senkt man den Anteil des „schlechten“ LDL-Cholesterins im Blut (mit Medikamenten oder durch eine Ernährungsumstellung), sinkt auch das Risiko für Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit von Ernährungumstellung oder Fibraten
 
Hohe wissenschaftliche Beweislage für die Wirksamkeit von Statinen

„Der Konsum von gesättigten, tierischen Fetten erhöht das Risiko für Herzgefäßerkrankungen nicht“, zitiert der Kurier einen cholesterinskeptischen Ernährungswissenschaftler – also eigentlich jemand, der es besser wissen müsste. Ihm zufolge sei daher auch ein hoher Cholesterinspiegel kein Problem. Thesen wie diese stehen klar im Widerspruch zur anerkannten Meinung über eine gesunde Ernährung.

Anerkannte Meinungen müssen selbstverständlich nicht immer richtig sein. Doch wer solch provokante Ansichten vertritt, sollte sie auch belegen können, bevor er damit die Bevölkerung verunsichert. Das können die Cholesterinskeptiker jedoch nicht.

Gesättigte tierische Fette reduzieren

Eine Analyse bisher veröffentlichter Studien [1] deutet darauf hin, dass man sein Herz-Kreislauf-Risiko etwas senken kann, wenn man weniger gesättigte Fettsäuren zu sich nimmt. Diese sind Bestandteile tierischer Fette, wie sie in Fleisch oder Milchprodukten vorkommen. Möglicherweise ist es nicht notwendig, den Anteil an Fett in der Nahrung insgesamt zu reduzieren, sondern nur gesättigte Fettsäuren durch ungesättigte aus pflanzlichen Ölen oder Fisch zu ersetzen. Der schützende Effekt trat in den Studien jedoch nur dann ein, wenn die Studienteilnehmer ihre Ernährung längerfristig (über mehr als zwei Jahre hinaus) umgestellt hatten.

Diese Ergebnisse widersprechen damit klar den Thesen der Cholesterinskeptiker. Nicht nur senkte die Ernährungsumstellung den Anteil an „schlechtem“ Cholesterin im Blut, sie verringerte auch das Herz-Kreislauf-Risiko der Studienteilnehmer.

Auch einer weiteren Behauptung nehmen die Ergebnisse der analysierten Studien den Wind aus den Segeln. So behaupten die Cholesterinskeptiker im Kurier, eine fettarme Ernährung senke den Spiegel des „guten“ HDL-Cholesterins, und lasse andere Blutfettwerte, die Triglyzeride, ansteigen. Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen jedoch, dass das nicht stimmt. Eine Fettreduktion oder das Ersetzen von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren verändert wahrscheinlich den HDL-Cholesterinspiegel nicht und scheint die Menge an Triglyzeriden im Blut sogar zu verringern [1].

Eine systematische Analyse von Studien untersuchte, ob sich eine Umstellung der Ernährungsweise durch eine Ernährungsberatung auf das Herz-Kreislauf-Risiko auswirkt. Die Ergebnisse zeigen ähnlich ermunternde, aber weniger große Auswirkungen [2]. Studienteilnehmer, die weniger Salz und Fett, dafür aber mehr Obst, Gemüse und Ballaststoffe zu sich nahmen, konnten ihren LDL-Cholesterinspiegel und ihren Blutdruck etwas senken. Nur zwei der 44 analysierten Studien untersuchten, ob durch die Ernährungsumstellung auch weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftraten – zu wenige, um eine sichere Aussage machen zu können. Die Ergebnisse lassen jedoch eine Verringerung des Herz-Kreislaufrisikos durch die gesündere Ernährung vermuten. Besonders eine mediterrane Ernährungsweise mit viel Obst, Gemüse, Nüssen, Olivenöl und Fisch sowie wenig rotem Fleisch und Milchprodukten scheint sich positiv auf die Herzgesundheit auszuwirken.

Cholesterinsenker verringern Herzrisiko

Dass die meistverschriebenen Cholesterinsenker – Medikamente mit der Sammelbezeichnung Statine – die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauferkrankungen verringern [3], leugnen auch die Cholesterinskeptiker nicht. Sie schreiben die Wirkung aber nicht der Senkung des LDL-Cholesterinspiegels zu, sondern der entzündungshemmenden Wirkung der Statine. Durch Entzündungen der Blutgefäßwände bilden sich bei Menschen mit erhöhtem LDL-Cholesterinspiegel vermehrt Ablagerungen in den Arterien, es kommt zur Arteriosklerose (umgangssprachlich „Verkalkung“ der Blutgefäße).

Doch Statine sind nicht die einzigen LDL-Cholesterinspiegel-senkenden Medikamente, die die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Die sogenannten Fibrate beispielsweise haben dieselbe Wirkung [4] [5], obwohl sie keine anti-entzündlichen Eigenschaften haben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Cholesterin-senkenden Wirkstoffe automatisch das Herz-Kreislauf-Risiko verringern. Manche können auch gegenteilige Nebenwirkungen haben, wie zum Beispiel die Substanz Torcetrapib. Sie erhöhte das „gute“ HDL-Cholesterin und konnte das „schlechte“ LDL-Cholesterin klar senken. In einer großen Studie an 15.000 Personen erhöhte sie jedoch die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie wurde daher nie als Medikament zugelassen [6]. Pflanzliche Sterine stehen unter dem Verdacht, ähnlich zu wirken wie Torcetrapib. Sie werden dennoch als Zusatz in angeblich gesunder Margarine beworben.

Wie Cholesterin Herz und Kreislauf schadet

Cholesterin ist ein wichtiger Baustein für den Körper. Es ist nötig, um den Zellmembranen Stabilität zu geben, und der Körper verwendet es zum Beispiel auch, um daraus bestimmte Hormone herzustellen. Der größte Teil des benötigten Cholesterins wird in der Leber produziert, nur ein kleiner Anteil stammt aus der Nahrung.

Da Cholesterin nicht wasserlöslich ist, wird es im Blut mit Hilfe von kleinen Eiweiß-Paketen, sogenannten Lipoproteinen, transportiert. Besonders die LDL (Low Density Lipoprotein) – Transportpakete können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Unter anderem hoher Blutdruck kann dazu führen, dass die Innenseite der Blutgefäßwände geschädigt wird. Dabei lagern sich weiße Blutkörperchen und bei Menschen mit hohem LDL-Cholesterinspiegel auch LDL-Cholesterin ab. Die weißen Blutkörperchen nehmen schließlich viele der Cholesterinpartikel auf und verursachen eine Entzündung der Blutgefäßwände. Durch die Entzündungen bildet sich in Folge vernarbtes Gewebe, die Blutgefäße verhärten und verengen sich, der Arzt spricht von Arteriosklerose (Arterienverkalkung).

Die Arteriosklerose entwickelt sich langsam und verursacht zunächst keine Beschwerden. Die Entzündung der Blutgefäße kann aber zu Durchblutungsstörungen, Brustschmerzen (Angina Pectoris) oder Blutgerinnseln führen. Verstopfen solche Blutgerinnsel die ohnehin schon verengten Gefäße von Herz oder Gehirn, kann das einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Cholesterin nur einer von vielen Herzrisikofaktoren

Cholesterin ist bei weitem nicht der einzige Faktor, der die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht. Mit dem Rauchen aufzuhören senkt das Risiko ebenfalls beträchtlich, selbst wenn der Cholesterinspiegel dadurch nicht beeinflusst wird. Auch regelmäßige Bewegung und Gewichtsabnahme kann das Herz-Kreislauf-Risiko senken [7].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christoph)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Hooper u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 48 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer insgesamt: über 70.000
Fragestellung: Auswirkung von Nahrungsfettreduktion oder –modifikation auf Herzerkrankungen
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Hooper L, Summerbell CD, Thompson R, Sills D, Roberts FG, Moore HJ, Davey Smith G. Reduced or modified dietary fat for preventing cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 5. Art. No.: CD002137. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Rees u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 44 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer insgesamt: 18.175
Fragestellung: Wirkt sich Ernährungsberatung auf das Herz-Kreislauf-Risiko aus?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Rees K, Dyakova M, Ward K, Thorogood M, Brunner E. Dietary advice for reducing cardiovascular risk. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 3. Art. No.: CD002128. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Taylor u.a. (2013)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 18 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer insgesamt: 56.934, Durchschnittsalter 57
Fragestellung: Können Statine das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Taylor F, Huffman MD, Macedo AF, Moore THM, Burke M, Davey Smith G, Ward K, Ebrahim S. Statins for the primary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 1. Art. No.: CD004816. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[4] Jun u.a. (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 18 randomisiert-kontrollierte Studien
Studienteilnehmer insgesamt: 45.058
Fragestellung: Können Fibrate das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angeführt

Jun M, Foote C, Lv J, Neal B, Patel A, Nicholls SJ, Grobbee DE, Cass A, Chalmers J, Perkovic V. Effects of fibrates on cardiovascular outcomes: a systematic review and meta-analysis. Lancet. 2010 May 29;375(9729):1875-84. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[5] Fodor 2010. Primary prevention of CVD: treating dyslipidaemia. Clinical Evidence. (Systematische Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Barter PJ, Caulfield M, Eriksson M, Grundy SM, Kastelein JJ, Komajda M, Lopez-Sendon J, Mosca L, Tardif JC, Waters DD, Shear CL, Revkin JH, Buhr KA, Fisher MR, Tall AR, Brewer B; ILLUMINATE Investigators. Effects of torcetrapib in patients at high risk for coronary events. N Engl J Med. 2007 Nov 22;357(21):2109-22. (Studie in voller Länge)

[7] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG (2013). Allgemeine Maßnahmen zur Senkung des Cholesterinspiegels. Abgerufen am 24. 9. 2013 unter http://www.gesundheitsinformation.de/allgemeine-massnahmen-zur-senkung-des-cholesterinspiegels.1129.de.html