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Chili gegen Schmerzen: wirkt, aber nicht immer

Scharfer Schmerzkiller?

Scharfer Schmerzkiller?

Aktualisiert: Chili und dessen Inhaltsstoff Capsaicin verleiht nicht nur leckeren Gerichten Schärfe, es soll laut OÖ Nachrichten auch Nervenschmerzen lindern. Dass ein Capsaicin-haltiges Pflaster Schmerzen lindern kann ist zwar belegt – ein Erfolg zeigt sich allerdings nur bei manchen Patienten. (Ursprünglich veröffentlicht am 21. 9. 2012)
 

 

Zeitungsartikel: „Chili-Pflaster“ gegen Schmerzen (30. 9. 2010, OÖ Nachrichten), Mit Chili gegen Schmerzen (4. 10. 2010, Kleine Zeitung)
Frage:Lindert ein Pflaster mit hochdosiertem Capsaicin Beschwerden bei Schmerzpatienten?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Ein Pflaster mit dem hochdosierten Wirkstoff Capsaicin kann Schmerzen für rund 12 Wochen lindern, allerdings spricht nicht jeder auf diese Behandlungsmethode an. Nach der Anwendung sind Patienten zudem meist nicht vollkommen schmerzfrei.

[Aktualisiert am 14. 7. 2014: Eine aktualisierte systematische Übersichtsarbeit führt zu inhaltlichen Änderungen (in kursiv)]

Schmerzen sind Warnsignale des Körpers und wichtig für unser Überleben. Schneiden wir uns beispielsweise in den Finger, meldet uns unser Körper dies in Form eines plötzlich auftretenden Schmerzsignals. Diese Art von Schmerz ist wichtig, da sie uns vor weiteren Verletzungen bewahrt.

Verletzte Nerven als Schmerzauslöser

Sind Nervenbahnen geschädigt, können Schmerzen auch grundlos auftreten, ohne dass ein auslösender Reiz vorhanden ist. Mediziner bezeichnen diesen Nervenschmerz auch als sogenannten Neuropathischen Schmerz.

Nervenschmerzen können einerseits durch Krankheiten wie Multiple Sklerose ausgelöst werden, manchmal sind sie aber auch die Folge von Erkrankungen wie Diabetes, Rückenschmerzen, Schlaganfall oder Gürtelrose. Dabei kommt es zu Verletzungen von Nerven, die normalerweise der Schmerzempfindung dienen.

Etwa 1,5% der Bevölkerung [3] sind von neuropathischen Schmerzen betroffen. Umgelegt auf 8,4 Millionen Österreicher entspräche dies rund 120.000 Betroffenen. Nervenschmerzen stellen eine starke Beeinträchtigung des Alltags dar. Da herkömmliche Schmerzmittel meist nicht ausreichen, müssen Patienten oft auf stark schmerzunterdrückende Medikamente (Opioide) zurückgreifen. Auch Antidepressiva können gegen die Schmerzen helfen [4].

Chili-Wirkstoff kann helfen – aber nicht immer

Nun soll ein Pflaster mit dem Wirkstoff Capsaicin Patienten mit Nervenschmerzen helfen. Der Wirkstoff aus der Chilipflanze wirkt lokal wärmend, durchblutungsfördernd, reizend und schmerzlindernd. Der Unterschied zu herkömmlichen Capsaicin-Cremen, die oft bei Muskelverspannung oder Nackenschmerzen verkauft werden, ist die Dosierung des Inhaltsstoffs: die Cremen enthalten weniger als 0,1% Capsaicin während das Pflaster 8% Capsaicin enthält.

Das Pflaster wird von einem Arzt nach einer Vorbehandlung mit einem lokalen Betäubungsmittel für eine Stunde auf die betroffene Stelle geklebt und soll laut dem Artikel in der Online-Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten 50% der Schmerzpatienten Linderung verschaffen. Die schnell eintretende Wirkung soll im Schnitt 3 Monate anhalten, es gebe aber auch Patienten, bei denen die Wirkung bis zu einem halben Jahr hält.

Die Wirksamkeit des Capsaicin Pflasters wurde bereits in mehreren klinischen Studien untersucht. Die behandelten Probanden litten entweder an Nervenschmerzen nach einer abgeheilten Gürtelrose oder im Zusammenhang mit einer HIV Infektion.

In einer systematischen Übersichtsarbeit wurden die Ergebnisse dieser Studien zusammengefasst analysiert. Dabei zeigte sich, dass es nur bei einem von zehn Patienten nach 3 Monaten zu einer Schmerzlinderung von mehr als 30% kommt. Auf einer Skala von 0 bis 10, auf der 0 gar keine und 10 unerträgliche Schmerzen bedeutet, entspräche dies einer Schmerzreduktion um etwa 3 Einheiten [1]. Nur jeder sechste bis siebente Betroffene stellte eine deutliche Besserung fest. Ob auch Pflaster mit niedrigdosiertem Capsaicin (weniger als 0,1%) Schmerzen lindern können, ist unklar, aber nicht wahrscheinlich [2].

Weniger wirksam als dargestellt

Anders als in den Oberösterreichischen Nachrichten behauptet, kommt es also im Durchschnitt bei weniger als zwei von zehn Patienten zu einer deutlichen Schmerzlinderung. Ob der Zustand, wie im Zeitungsartikel angegeben, auch für 6 Monate anhält, kann mit Hilfe der bisherigen Studien nicht belegt werden, da die Probanden nur für 3 Monate beobachtet wurden.

Positiv bei dieser Art der Schmerzbehandlung ist auf jeden Fall, dass die Anwendung nach Abklingen der Wirkung wiederholt werden kann, zudem sind keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt. Allerdings können oft Nebenwirkungen wie Brennen, Blasen, Pusteln und andere Hautreizungen an der behandelten Hautstelle auftreten. In einigen Fällen kann es auch zu Entzündungen und Blutergüsse bis hin zu Bluthochdruck oder Muskelkrämpfen kommen [5].

Verabreicht werden sollte das Pflaster nur von einer Ärztin oder einem Arzt, da die Hantierung mit Capsaicin nicht ungefährlich ist. Für Patienten mit Diabetes-bedingten Schmerzen ist das in Österreich zugelassene Pflaster jedoch nicht geeignet.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Derry u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Teilnehmer insgesamt: 2073 Probanden
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte klinische Studien
Studiendauer: 12 Wochen
Fragestellung: Wirkt die Anwendung eines Pflasters mit hochdosiertem Capsaicin (8%) bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen?
Mögliche Interessenskonflikte: teilweise Verflechtungen der Autoren mit NeuroGSX, Astellas und Qutenza (jeweils Hersteller von 8% Capsaicin-Pflastern)

Derry S, Rice ASC, Cole P, Tan T, Moore RA. Topical capsaicin (high concentration) for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 2. Art. No.: CD007393. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Derry u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Teilnehmer insgesamt: 389 Probanden
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte klinische Studien
Studiendauer: 6 – 12 Wochen
Fragestellung: Wirkt die Anwendung eines Pflasters mit niedrigdosiertem Capsaicin (0,075%) bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen?
Mögliche Interessenskonflikte: teilweise Verflechtungen der Autoren mit NeuroGSX, Astellas und Qutenza (jeweils Hersteller von Capsaicin-Pflastern)

Derry S, Moore RA. Topical capsaicin (low concentration) for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD010111. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Taylor RS (2006). Epidemiology of refractory neuropathic pain. Pain Pract. 2006 Mar;6(1):22-6. (Zusammenfassung der Arbeit)

[4] Zahid (2012) Overview of the treatment of chronic pain, UpToDate; aufgerufen unter www.uptodate.com am 5. 9. 2012

[5] European Medicines Agency (2011). Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels. Abgerufen unter http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Product_Information/human/000909/WC500040453.pdf am 21. 9. 2012