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Cannabis: Kein Krebs-Wundermittel

Hanf in der Medizin: auch wirksam bei Krebs?

Hanf in der Medizin: auch wirksam bei Krebs?

Wirkstoffe aus Cannabis machen nicht nur Kiffer high. Sie können auch bei verschiedenen Krankheiten helfen. Doch taugt der berauschende Hanf als Anti-Krebs-Medikament?

Frage:Sind Cannabis-Substanzen wirksame und sichere Anti-Krebs-Mittel?
Antwort:unklar
Erklärung:Versuche mit Zellen und Tieren haben einige viel versprechende Hinweise geliefert. Für verlässliche Aussagen über die Anti-Krebs-Wirkung von Cannabis und über die Sicherheitsrisiken beim Menschen fehlt die Basis in Form von gut gemachten Studien. Bis auf eine kleine Pilotstudie mit neun unheilbar kranken Gehirntumor-Patienten gibt es (noch) keine veröffentlichten Untersuchungen.

Seit vielen Jahrhunderten nutzen Menschen Cannabis. Das Rauchen von getrockneten Teilen dieser Hanfgewächse oder von Cannabis-Harzen wirkt berauschend. Doch nicht nur als Droge hat Cannabis eine lange Geschichte. „Gras˝ wird traditionell auch als Medikament gegen verschiedene Krankheiten eingesetzt.

Cannabis-Moleküle sind medizinisch durchaus interessant, weil sie verschiedene Abläufe im Körper beeinflussen können, beispielsweise im Immun- und Nervensystem.

Droge oder Medizin?

Mittlerweile sind Pflanzen der Gattung Cannabis als Arzneimittel zugelassen, etwa in den USA und in den Niederlanden. Der verschreibungspflichtige Hanf wird dann zum Beispiel geraucht oder als Tee genossen. So gelangt ein Wirkstoffgemisch in den Körper.

Es gibt auch einige Medikamente, für die einzelne Cannabis-Wirkstoffe künstlich nachgebildet worden sind. Das bekannteste dieser Cannabinoide ist Tetrahydrocannabiol, kurz THC. Cannabis-Tabletten oder -Mundsprays werden etwa gegen Muskelbeschwerden bei Multipler Sklerose, gegen chronische Schmerzen oder gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/Aids eingesetzt [3] [4].

Beschwerden lindern bei Chemotherapie

Auch Krebspatienten erhalten zu therapeutischen Zwecken mitunter Hanf-Wirkstoffe. Diese können etwa dabei unterstützen, einige Nebenwirkungen der Krebstherapie zu lindern: Cannabis-Substanzen helfen mitunter gegen die durch die Chemotherapie ausgelöste Übelkeit samt Erbrechen, wenn andere (ältere!) Medikamente nicht anschlagen.

Dies berichten die Verfasser einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [2]. Allerdings sind die Befunde aus dieser Veröffentlichung durchaus mit Vorsicht zu genießen – denn die Forscher haben bei ihrer Auswertung nur ziemlich alte Studien und Medikamente (1980er, 1990er) in ihrer Auswertung berücksichtigt.

Hoffnung bisher ohne Basis

Angeblich helfen Cannabis-Substanzen Krebspatienten nicht nur bei der Linderung von Chemotherapie-bedingter Übelkeit. Cannabis soll sogar die Heilung von Krebs bewirken können. Das wird zumindest in einigen Internetforen oder in Social-Media-Gruppen nahe gelegt – begleitet von emotionalen Fallberichten.

Derartige „Informationen˝ sind vermutlich für einige Patienten oder deren Angehörige ziemlich ansprechend – gerade dann, wenn konventionelle Krebstherapien nicht die erhofften Erfolge erzielen und sich die Betroffenen in einer Ausnahmesituation befinden.

Kühne Behauptungen, keine Beweise

Nichtsdestotrotz: Für diese überaus kühnen Behauptungen konnten wir keinerlei Belege finden. Es gibt schlicht keine verlässlichen Studien mit menschlichen Probanden über die Anti-Krebs-Wirkung von künstlichen oder natürlichen Cannabis-Substanzen.

Unsere Recherche im Herbst 2015 hat ergeben:

  • Es liegen zwar etliche Studien zu Cannabis und Krebs vor. Allerdings wurden diese Untersuchungen mit Zellen oder an Tieren (Mäuse, Ratten) durchgeführt.
  • Bei diesen Labor-Untersuchungen zeigte sich, dass Cannabis-Substanzen (wie übrigens viele andere Substanzen auch) diverse Effekte auf Krebszellen und Tumoren von Tieren haben können. Cannabis-Substanzen bewirkten beispielsweise das Absterben von Krebszellen, verhinderten die Ausbreitung von Krebszellen (Metastasierung), verlangsamten das Tumorwachstum oder hemmten die Blutversorgung von Tumoren.
  • Diese vorläufigen Befunde mögen verheißungsvoll erscheinen. Es ist allerdings nicht möglich, von diesen präklinischen Studien mit Zellen und Tieren ohne weiteres auf eine günstige Wirkung für den Menschen zu schließen.
  • Nur eine Untersuchung mit unheilbar erkrankten Krebspatienten [1], nämlich neun Menschen mit Gehirntumoren, wurde bislang durchgeführt. Die Pilotstudie ist allerdings nicht geeignet, um Aussagen über die Wirksamkeit von THC gegen Krebs zu treffen.
  • Es ist also nicht bekannt, ob Cannabis eine heilende oder zumindest lindernde Anti-Krebs-Wirkung hat bzw. für welche Krebsformen eine solche Wirkung eventuell denkbar ist.
  • Es bleibt auch offen, ob einzelne Cannabis-Substanzen oder ein Wirkstoffgemisch besser geeignet sein könnten. Ebenso fehlen verlässliche Informationen zu erforderlicher Dosis oder zu den Risiken bei einer Langzeiteinnahme. Weiter ist nicht bekannt, wie die Cannabis-Substanzen wohl am besten eingenommen werden sollten – also etwa in Form von Mundspray, Tabletten oder Tee.

Fazit: gewaltige Wissenslücken, laufende Studien

Wir können nicht bestätigen, dass einzelne oder mehrere Cannabis-Substanzen wirksame Anti-Krebs-Mittel sind. Aber wir können eine positive Wirkung auch nicht rigoros ausschließen.

Derzeit laufen laut Studienregister Clinicaltrials.gov einige Untersuchungen mit menschlichen Probanden. Es gibt offenbar etliche Forscher, die überprüfen möchten, was Cannabis-Substanzen tatsächlich gegen Krebs und andere Erkrankungen bewirken können.

Balance zwischen Nutzen und Risiko

Bei diesen Untersuchungen gehört auch untersucht, welche unerwünschten Nebenwirkungen bei einer Anti-Krebs-Behandlung mit Cannabis auftreten könnten.

Wie man von Cannabis-Behandlungen bei anderen Krankheiten weiß, treten mitunter Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Halluzinationen auf. Ob es angebracht ist, diese Risiken in Kauf zu nehmen, ist durchaus fraglich.

Denn der Nutzen von Cannabis-Therapien ist in der Regel nicht sonderlich gut erforscht. Zwar gibt es dazu eine Reihe von Studien, viele sind jedoch nicht sehr aussagekräftig, weil sie methodische Mängel haben.

Vergleichsweise gut belegt ist ein gewisser Nutzen für Patienten mit chronischen Schmerzen. Dies berichteten beispielsweise die Autoren einer 2015 veröffentlichten Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse [3]. Sie haben 79 Studien zu unterschiedlichen Krankheitsbildern mit rund 6500 Teilnehmern ausgewertet.

 

Die Studien im Detail

Tetrahydrocannabinol (THC) und weitere Substanzen aus Cannabis können das Wachstum und die Blutgefäßversorgung von Tumoren hemmen – zumindest im Labor bei Zellen und bei Versuchstieren. Doch könnten Hanf-Substanzen auch Krebspatienten helfen bzw. wäre eine solche Anwendung sicher?

Mit diesen Fragen startete eine Forschergruppe 2002 eine Pilotstudie in Spanien. Davor hatte es keine (veröffentlichten) Studien an Menschen über die Anti-Krebs-Wirkung von THC gegeben [1].

THC direkt ins Gehirn

Die neun Probanden waren Patienten mit einem Glioblastoma multiforme, also mit einem bösartigen Gehirntumor. Sie waren lebensbedrohlich erkrankt und hatten sich bereits verschiedenen Therapien unterzogen.

Menschen mit dieser Krebsform haben leider keine gute Prognose. Sie können bislang nicht durch Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie geheilt werden. Der Tumor kommt, auch wenn er sich zurückdrängen lässt, wieder – mal früher, mal später.

Das Forscherteam schob Röhrchen direkt in den Schädel der Patienten, die am Gehirn operiert worden waren. Über diese Verbindung sollte eine THC-Lösung direkt zu den Tumorzellen gelangen.

Vermutlich sicher…

Mit diesen Versuchen wollten die Autoren dieser 2006 veröffentlichten Pilotstudie in erster Linie herausfinden, ob die Verabreichung von THC mit besonderen Risiken verbunden ist. Die Sicherheit stuften die Forscher dann auch als zufriedenstellend ein.

…aber keine Hinweise auf Wirksamkeit

Die Überlebensdauer scheint diese Intervention wohl nicht entscheidend verändert zu haben. Die Kranken starben im Durchschnitt 24 Woche nach dem Start der Tests. Aufgrund des Pilotcharakters der Studie (wenige Probanden, fehlende Verblindung, keine Kontrollgruppen) erscheint es allerdings kaum möglich, hier eventuelle Effekte verlässlich aufzuspüren und richtig einzuordnen.
Seit der Veröffentlichung im Jahr 2006 sind keine weiteren Untersuchungen von experimentellen Cannabis-Therapien an Krebspatienten zu verzeichnen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Guzmán u.a. (2006)
Guzmán M, Duarte MJ, Blázquez C, Ravina J, Rosa MC, Galve-Roperh I, Sánchez C, Velasco G, González-Feria L. A pilot clinical study of Delta9-tetrahydrocannabinol in patients with recurrent glioblastomamultiforme. Br J Cancer. 2006 Jul 17;95(2):197-203. (Studie in voller Länge)

[2] Smith u.a. (2015)
Smith LA, Azariah F, Lavender VT, Stoner NS, Bettiol S. Cannabinoids for nausea and vomiting in adults with cancer receiving chemotherapy. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Nov 12;11:CD009464. (Zusammenfassung der Übersicthsarbeit)

[3] Whiting u.a. (2015)
Whiting PF, Wolff RF, Deshpande S, Di Nisio M, Duffy S, Hernandez AV, Keurentjes JC, Lang S, Misso K, Ryder S,Schmidlkofer S, Westwood M, Kleijnen J. Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2015 Jun 23-30;313(24):2456-73. (Zusammenfasung der Übersichtsarbeit)

[4] National Institutes of Health – NIH (2015)
Cannabis and Cannabinoids- for health professionals. Abgerufen am 26.11.2015 unter
www.cancer.gov/about-cancer/treatment/cam/hp/cannabis-pdq