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Brustkrebs-Vorsorge: Lebensretter oder Risiko?

Mammographie-Bilder

Mammographie-Bilder

Mammographie kann Leben retten – jedoch in geringerem Ausmaß als die übertriebene Darstellung der Kleinen Zeitung vermuten lässt. Zu niedrig angegeben wird zudem das Risiko, aufgrund falscher Mammographie-Ergebnisse trotz völliger Gesundheit eine Krebsbehandlung verordnet zu bekommen.
 

 

Zeitungsartikel: Brustkrebs: Wie viel Vorsorge ist gesund? (29.9.2012, Kleine Zeitung – Printausgabe)
Frage:Wie groß sind Nutzen und Risiko von Mammographien zur Brustkrebs-Vorsorge?
Antwort:Von 1000 Frauen, die 20 Jahre lang regelmäßig zur Brustkrebsvorsorge gehen, kann Mammographie nur einer bis höchstens fünf Frauen das Leben retten. Mindestens 5 bis 10 dieser 1000 Frauen werden jedoch irrtümlich auf Krebs behandelt, obwohl sie eigentlich gesund wären.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die sehr geringe Wirksamkeit

Ab dem Jahr 2013 wird es ein flächendeckendes Brustkrebs-Vorsorgeprogramm in Österreich geben. Dafür sollen zukünftig alle Frauen zwischen 45 und 70 jedes zweite Jahr zur Mammographie eingeladen werden.

Brustkrebs ist bei Frauen die häufigste Krebserkrankung laut Statistik Austria. Von 1000 Österreicherinnen werden statistisch gesehen 73 von 1000 Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkranken, etwa 17 sterben daran. Dabei ist die Zahl der Brustkrebssterbefälle deutlich zurückgegangen, vor zwei Jahrzehnten starben noch etwa 25 von 1000 Frauen an einem Tumor der Brust. Dieser Rückgang wird einerseits den stark verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zugeschrieben, andererseits aber auch der früheren Entdeckung durch Vorsorgeuntersuchungen.

Vorteil von Mammographie oft zu optimistisch gesehen

In einem Artikel vom 29. 9. 2012 berichtet die Kleine Zeitung, dass 7 bis 9 von 1000 Frauen durch eine Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung gerettet werden können.

Mammographie – die Röntgenuntersuchung der Brust – kann zweifelsfrei dazu beitragen, Todesfälle durch Brustkrebs zu verhindern – allerdings in einem deutlich geringeren Ausmaß. Eine strenge Analyse bisher veröffentlichter randomisiert-kontrollierter Studien zeigt, dass pro 1000 Frauen, die 20 Jahre regelmäßig (alle zwei Jahre) zur Mammographie gehen, umgerechnet etwa ein Brustkrebs-Todesfall verhindert werden kann. [1] Einer optimistischeren Einschätzung bisheriger Studienergebnisse zufolge könnten bis zu 5 Brustkrebs-Todesfälle weniger möglich sein – wohlgemerkt in einem Zeitraum von 20 Jahren. [2]

Die Mammographie ist zwar ein wertvolles Hilfsmittel bei der Krebsdiagnose, doch ihre Ergebnisse liegen auch oft falsch. So liegt nämlich in der absoluten Mehrzahl der Fälle (8 bis 9 von 10 Fällen) trotz auffälligem Mammographie-Befund dennoch kein Krebs vor, wie sich bei Nachfolgeuntersuchungen herausstellt. [2] Das ist übrigens eine Tatsache, die nicht nur Patientinnen, sondern auch ein Großteil der Gynäkologen stark unterschätzen, wie Umfragen des Max Planck Instituts für Bildungsforschung in Deutschland zeigten. [3]

Da die Mammographie so oft zu einem anfänglich falschen Krebsverdacht führt, erhalten zwischen 200 und 250 von 1000 untersuchten Frauen im Laufe von 20 Jahren weitere Nachfolgeuntersuchungen. Bei 100 dieser Frauen (deutlich mehr als die 30, welche in der Kleinen Zeitung erwähnt wurden) wird eine Brustgewebs-Entnahme (Biopsie) vorgenommen – die in etwa der Hälfte der Fälle zu Entwarnung führen. Bis zu einer endgültigen Abklärung, ob nun Krebs vorliegt, vergehen mitunter aber Monate – ein Zeitraum, der nicht selten eine erhebliche psychische Belastung für die Betroffenen Frauen mit sich bringt.

Krebsbehandlungen trotz gesunder Brust

Bei zumindest 5 bis 10 Patientinnen [1] [2] führen diese Diagnose-Ungenauigkeiten schließlich sogar zu einer Brustoperation, bei der Teile oder sogar die ganze Brust entfernt werden, obwohl sie eigentlich gesund sind. Oft kommt es bei diesen Frauen anschließend zu einer Nachbestrahlung, manchmal auch zu einer Chemotherapie.

Dazu kommt es, da sich anhand einer Mammographie harmlose Brustgewebsveränderungen nicht immer von solchen unterscheiden lassen, die sich zu Krebs entwickeln werden. Auch durch eine Untersuchung von Brustgewebe unter dem Mikroskop, das bei einer Biopsie entnommen wurde, lässt sich nicht hundertprozentig vorhersagen, ob aus auffälligen Gewebsveränderungen tatsächlich bösartiger Krebs entstehen wird.

In etlichen Fällen, wo tatsächlich Krebs vorliegt, wäre dieser außerdem so langsam gewachsen, dass er auch ohne Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig erkannt worden wäre. Nur ein kleiner Teil der mit Mammographie gefundenen Gewebsveränderungen ist tatsächlich bösartig und so schnell wachsend, dass sie ein Arzt oder die Betroffene ohne Vorsorgeuntersuchung nicht bemerkt hätten.

Zudem wird in etwa 7 von 100 Fällen vorhandener Brustkrebs trotz Mammographie-Untersuchungen nicht entdeckt. [1] Leider existiert aber noch keine bessere Vorsorgeuntersuchungs-Methode.

Unabhängige Aufklärung von Patientinnen wichtig

Mammographie-Untersuchungen alle zwei Jahre für Frauen ab 50 Jahren können zweifellos Leben retten, wenn auch weniger als in der Kleinen Zeitung erwähnt. Ob diese bei Patientinnen zwischen 40 und 50 ebenfalls sinnvoll sind, ist wissenschaftlich umstritten, wie Medizin-Transparent vor einiger Zeit berichtete. Der Grund liegt darin, dass das Krebsrisiko mit dem Alter ansteigt und zwischen 40 und 50 etwa halb so hoch ist wie zwischen 50 und 60. [4] Zudem erschwert das dichtere Brustgewebe jüngerer Frauen die Beurteilung der Mammographie-Bilder. Das in Österreich geplante Mammographie-Programm soll alle Frauen ab 45 einschließen.

Da ein Großteil aller Ärzte und Patientinnen die Risiken falscher Krebsdiagnosen entweder nicht kennen oder viel geringer schätzen, als sie tatsächlich sind, wäre eine unabhängige Aufklärung wichtig. Dies würde helfen, Ängste von Patientinnen im Falle eines verdächtigen Befundes zu mindern, und ihnen zudem eine kompetente Entscheidung über ihre Gesundheit erlauben.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gøtzsche & Nielsen (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Anzahl der inkludierten Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen insgesamt: 600 000 Frauen
Vergleich: Brustkrebs-bedingte Todesfälle bei regelmäßiger Mammographie verglichen mit Kontrollgruppe ohne Mammographie-Untersuchungen
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: ”Screening for breast cancer with mammography”. Cochrane Database Syst Rev. 2011 Jan 19;(1):CD001877. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Weymayr (2010)
Keine Studie, sondern Konsenspapier der Kooperationsgemeinschaft Mammographie und des Deutschen Krebsforschungszentrums

Titel: „Kennzahlen Mammographie-Screening. Version 1.2“ Berlin, Kooperationsgemeinschaft Mammographie,
2010. (Bericht herunterladen)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Gigerenzer G, Wegwarth O. (2008). Risikoabschätzung in der Medizin am Beispiel der Krebsfrüherkennung. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 2008;102(9):513-9; (Veröffentlichung in voller Länge)

[4] Schwartz LM, Woloshin S, Welch HG (1999). Risk communication in clinical practice:
putting cancer in context. J Natl Cancer Inst Monogr. 1999(25):124-133. (Zusammenfassung der Arbeit)