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Brustkrebs dank Büstenhaltern?

Weg mit dem BH?

Der BH schnürt die Brust so ein, dass die Lymphflüssigkeit nicht gut fließen kann, dadurch wird das Brustkrebsrisiko stark erhöht – so der Mythos. Sind Büstenhalter tatsächlich gefährlich?    

Frage:Fördert das Tragen von BHs das Brustkrebsrisiko?
Antwort:unklar
Erklärung:Wie sehr das Tragen von Büstenhaltern das Brustkrebsrisiko beeinflusst ist nur wenig erforscht. Bisherige Ergebnisse von Fall-Kontroll-Studien sprechen eher gegen eine Gefahr durch die BHs und es gibt keine ernsthaften Hinweise, dass BHs das Risiko erhöhen.

Bei einer gefährlichen Krankheit wie Brustkrebs ist es wichtig, alle Risikofaktoren herauszufinden. Der BH war nicht allein aufgrund der räumlichen Nähe ein Kandidat: Die Brustkrebsraten sind in westlichen Kulturen höher als in anderen Regionen. Wo immer sich der westliche Lebensstil ausbreitet, steigen auch die Brustkrebsraten entsprechend [4].  

Das muss aber nichts damit zu tun haben, dass Frauen damit beginnen BHs zu tragen. Der westliche Lebensstil setzt sich aus viel mehr und erheblich einflussreicheren Faktoren zusammen – allen voran die Ernährung, die Arbeits- und Bewegungsgewohnheiten.

Böse Bügel

Dennoch kam der Büstenhalter auf die Liste der Verdächtigen und auf manchen Internetseiten wird er als einer der bedeutendsten Risikofaktoren überhaupt dargestellt. Angeblich schwächt er die Brust, lässt die Muskulatur und das Bindegewebe erschlaffen und hindert die Lymphe am Fließen – und steigert letztlich massiv das Brustkrebsrisiko.   Als Beleg wird unter anderem eine Studie aus dem Jahr 1991 angegeben, die tatsächlich auch heute noch die umfangreichste zu diesem Thema ist [1].

Ein genauer Blick auf die Studie zeigt, dass sie gegen ein erhöhtes Risiko spricht – nur ein Teilergebnis, das statistisch nicht signifikant ist, lässt sich andersherum interpretieren (siehe Studien im Detail).   Auch neuere Studien [2][3][4] geben keinen Anlass, den BH zu verteufeln. Alle gefundenen Studien sind aufgrund ihres Designs und zusätzlicher Mängel jedoch nur wenig aussagekräftig

Das Risiko beeinflussen

Niemand kann sein persönliches Risiko für Brustkrebs auf Null senken, aber manche Risikofaktoren lassen sich über den Lebensstil beeinflussen: Regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind grundsätzlich gut für die Gesundheit und auch das Brustkrebsrisiko kann damit möglicherweise reduziert werden. Besonders für Frauen nach der Menopause erhöht sich das Risiko, wenn sie stark übergewichtig sind [a].

Je nach persönlichem Risiko und ab einem gewissen Alter senken Früherkennungsprogramme die Gefahr, an Brustkrebs zu versterben – die Details dazu haben wir hier aufbereitet.

 

Die Studien im Detail

Alle gefundenen Studien sind Fall-Kontroll-Studien. Dabei werden Brustkrebspatientinnen mit anderen Frauen verglichen, die keinen Brustkrebs haben. Bezogen auf den Einfluss des BHs schauen solche Studien also, ob Frauen mit Brustkrebs eher BH tragen als Frauen, die nicht an Brustkrebs erkrankt sind. Wenn ja wäre das ein Hinweis, dass der BH das Risiko steigert. Allerdings haben Fall-Kontroll-Studien grundsätzlich eine eingeschränkte Aussagekraft und können keine direkten ursächlichen Zusammenhänge beweisen.

Eine Studie von 1991 wird von Verfechtern der Theorie des krebsfördernden BHs gerne als Beweis zitiert. Diese Fall-Kontroll-Studie hatte relativ viele Teilnehmerinnen und wurde in sieben Zentren weltweit durchgeführt. Laut Zusammenfassung und vor allem laut einiger Seiten im Internet zeigt die Studie, dass Frauen, die BHs tragen, ein doppelt so hohes Brustkrebsrisiko haben als jene, die keinen BH tragen.

Tatsächlich sagt die Studie beinahe das Gegenteil aus: Die Ergebnisse wurden nach zwei Gruppen ausgewertet: Frauen vor bzw. nach der Menopause. Für Frauen nach der Menopause zeigt das Ergebnis gar keinen Einfluss des BHs auf das Brustkrebsrisiko. Für Frauen vor der Menopause ergibt sich zwar ein doppelter Risikowert, aber das Ergebnis ist nicht statistisch signifikant. In der Auswertung beider Gruppen zusammen ergibt sich ebenfalls kein Hinweis auf eine Risikoerhöhung. In Summe zeigt die Studie also eher, dass das Tragen von BHs keinen Einfluss auf das Brustkrebsrisiko hat. [1]

Das britische Gesundheitsinfo-Portal „Behind the headlines“ beschreibt eine neuere Fall-Kontroll-Studie [2], die angeblich Entwarnung gibt. Tatsächlich ist es laut dieser Studie nicht wesentlich, in welchem Alter mit dem BH-Tragen begonnen wurde, wie lange der BH täglich getragen wird oder was für eine Art von BH verwendet wird. Allerdings enthält die Studie keine Teilnehmerinnen, die nie BH getragen haben. Daher ist ein Vergleich des Brustkrebsrisikos zwischen BH-Trägerinnen und Frauen, die keinen BH tragen, mit dieser Studie nicht möglich.

Eine Studie an elf deutschen Kliniken [3] verglich 693 Brustkrebspatientinnen mit 666 Frauen, die aus anderen Gründen stationär behandelt wurden. Zwei Teilergebnisse lassen darauf schließen, dass die BH-Tragedauer das Krebsrisiko beeinflussen könnte: Frauen, die den BH zwischen 9 und 16 Stunden am Tag trugen, hatten ein höheres Risiko als Frauen, die den BH nur ein bis acht Stunden trugen. Doch die Daten sind widersprüchlich, denn Frauen die gar keinen BH trugen, hatten kein niedrigeres Risiko. Zudem hatten Frauen, die den BH länger als 16 Stunden täglich trugen, das gleiche Risiko wie jene, die ihn nur eine bis acht Stunden am Tag anhatten. In der Studie gab es grundsätzlich starke Unterschiede zwischen den Brustkrebspatientinnen und den Kontrollpatientinnen, beispielsweise beim Alter. Die Auswahl von möglichst ähnlichen Kontrollen ist bei Fall-Kontroll-Studien aber wesentlich.

In einer aktuellen Studie aus Kenia [4] findet sich ein möglicher Zusammenhang zwischen BH-Tragedauer und Brustkrebsrisiko – Frauen die länger und öfter einen BH tragen, haben ein etwas höheres Risiko als Frauen, die so gut wie nie einen BH tragen. Wie sehr das Risiko mit der Dauer zunimmt, wird nicht berechnet. Auch hier ist aufgrund des Studiendesigns und der wenig aussagekräftigen Statistik dem Ergebnis der Studie nur wenig zu vertrauen.

(Autoren: J.Wipplinger, B.Kerschner, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Hsieh, Trichopoulos (1991)

Studientyp: Fall-Kontroll-Studie

Teilnehmerinnen: 3918 Brustkrebspatientinnen, 11712 in der Kontrollgruppe

Fragestellung: Brustgröße, Links/Rechtshändigkeit und Brustkrebsrisiko

Interessenskonflikte: Keine angegeben. CC Hsieh, D Trichopoulos (1991). Breast size, handedness and breast cancer risk. European Journal of Cancer and Clinical Oncology 27(2):131-135.). Zusammenfassung

[2] Chen u.a.(2014)

Studientyp: Fall-Kontroll-Studie

Teilnehmerinnen: 1044 Brustkrebspatientinnen, 469 Frauen in der Kontrollgruppe

Fragestellung:

[3] Nienhaus u.a. (2002)

Studientyp: Fall-Kontroll-Studie

Teilnehmerinnen: 693 Brustkrebspatientinnen, 666 Frauen in der Kontrollgruppe

Fragestellung: Lebensstil bedingte Risikofaktoren für Brustkrebs

Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Nienhaus, A., et al. (2002). „Hormonal, medical and lifestyle-related risks for breast cancer.“ Geburtshilfe und Frauenheilkunde 62(3): 242-249.

[4] Othieno-Abinya (2015)

Studientyp: Fall-Kontroll-Studie

Teilnehmerinnen: 339 Brustkrebspatientinnen, 355 in der Kontrollgruppe

Fragestellung: Einfluss des BH-Trageverhaltens und von psychologischen Faktoren auf das Brustkrebsrisiko

Interessenskonflikte: Keine laut Autoren.

Othieno-Abinya, N. A., et al. (2015). „Comparative study of breast cancer risk factors at Kenyatta National Hospital and the Nairobi Hospital.“ Journal Africain du Cancer 7(1): 41-46.

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] Behind the Headlines über die Möglichkeiten das eigene Brustkrebsrisiko zu senken abgerufen am 21.10.2015