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Brokkoli-Therapie gegen Gastritis?

Brokkoli bei Magenbeschwerden?

Brokkoli bei Magenbeschwerden?

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 17. 9. 2012] Brokkoli ist gesund und reich an Vitaminen. Nun soll das Gemüse auch gegen den Keim helfen, der Gastritis häufig verursacht: Helicobacter pylori. Dies berichtet der Standard. Nachweise, dass eine Brokkolidiät Symptome einer Helicobacter-Infektion bekämpfen kann, sind jedoch ausständig.
 
 

 

Zeitungsartikel: Brokkoli-Therapie gegen Helicobacter (22.8.2012, Der Standard)
Frage:Kann der Verzehr von Brokkoli durch das Magenbakterium Helicobacter pylori verursachte Symptome bessern?
Antwort:Obwohl Laborversuche Hinweise auf eine antibakterielle Wirkung von Brokkoli liefern, gibt es bisher keinen direkten Nachweis, dass der Verzehr des Gemüses eine wirksame Behandlung gegen Symptome einer Infektion mit dem Bakterium Helicobakter pylori ist.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 28.4.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

Der Magen-Darm Trakt des Menschen ist mit unzähligen Bakterien besiedelt. Viele davon sind ungefährlich oder sogar wichtig für unsere Gesundheit. Jedoch gibt es auch Bakterien auf die wir gut verzichten könnten. Eines davon ist Helicobacter pylori. Wie genau es zu einer Infektion kommt ist unklar, aber ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ist mit diesem Keim infiziert. In vielen Fällen haben die Betoffenen jedoch keine Beschwerden.[3]

Befindet sich das Bakterium erst einmal im Magen, kann es die Funktion der Magenschleimhaut stören, die den Magen zum Schutz vor der aggressiven Magensäure auskleidet. In Folge kann der Keim dort eine chronische Entzündung auslösen, die sich manchmal bis zum oberen Abschnitt des Dünndarms ausbreiten kann.

Helicobacter pylori ist Hauptursache von Gastritis

Eine solche Magenschleimhautentzündung – von Medizinern auch als Gastritis bezeichnet – kann unterschiedliche Ursachen haben, in den meisten Fällen wird sie aber von Helicobacter pylori verursacht. Die Entzündung entwickelt sich langsam und verursacht bei vielen Betroffenen keinerlei Beschwerden. Falls es jedoch zu Symptomen kommt, sind dies oft unspezifische Anzeichen wie Oberbauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit oder Erbrechen. Auch Appetitlosigkeit oder Völlegefühl können von dem Bakterium verursacht werden. Manchmal kann sich auf Grund der Gastritis auch ein Geschwür im Magen oder im oberen Abschnitt des Darms entwickeln. [3]

In seltenen Fällen kann das Bakterium auch zur Entstehung von Magenkrebs beitragen. Laut Statistik Austria erkranken jedes Jahr etwa 8 von 10 000 Österreichern an dieser Krebsform, wobei bei einem Drittel der Fälle H. pylori die Ursache zu sein scheint. [3]

Eine bestehende Infektion mit H. pylori kann vom Arzt mit Hilfe einer Atemprobe, einem Stuhltest oder auch einem Bluttest erkannt werden. Ist die Diagnose positiv, sprich, ist man mit dem Bakterium infiziert, erhält man meist eine einwöchige Antibiotikatherapie in Kombination mit einem Magenschutz. Bei 2 von 10 behandelten Patienten bleibt die Therapie aber ohne Erfolg, ihnen wird meist ein zweiter Behandlungszyklus empfohlen. [3]

Ein großes Problem bei der Behandlung ist das Auftreten von Keimen mit Antibiotikaresistenzen. Das bedeutet, dass das Bakterium sich an das Antibiotikum gewöhnt hat und die Behandlung somit wirkungslos geworden ist.

Neben der Antibiotikatherapie gibt es eine Menge an alternativen Behandlungsansätzen. Laut einem Artikel im Standard soll der Verzehr von Brokkoli den Helicobacter-Keim nachweislich bekämpfen. Sieben Tage lang soll dazu täglich mindestens ein halbes Kilo Brokkoli auf dem Speiseplan stehen.

Wirksamkeit von Brokkoli nur unzureichend erforscht

Brokkoli ist, wie viele andere Gemüsearten, reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Eine Besonderheit stellt der Inhaltsstoff Sulforaphan dar. In Laborversuchen hat sich herausgestellt, dass Sulforaphan zumindest im Reagenzglas gegen Helicobacter pylori -Keime wirkt. Auch in Tierversuchs-Studien wurde ähnliches beobachtet. Da sich der menschliche Magen aber vom Magen eines Nagetieres oder dem Inhalt eines Reagenzglases stark unterscheidet, kann daraus nicht automatisch geschlossen werden, dass der Verzehr von Brokkoli ein wirksames Mittel zur Bekämpfung von Gastritis beim Menschen ist.

Bisher wurden nur wenige klinische Studien zur Wirksamkeit von Brokkoli durchgeführt. Außerdem nahmen die Studienteilnehmer Brokkolisprossen anstelle von handelsüblichem Brokkoli zu sich. Brokkolisprossen sind drei bis vier Tage alte Brokkolipflanzen, die eine höhere Menge an Sulforaphan enthalten als das reife Gemüse.

In einer wenig aussagekräftigen Studie an lediglich 10 Teilnehmern schien der Verzehr von Brokkolisprossen tatsächlich eine Besserung der Gastritis zu bewirken. Ob der Keim nicht genauso gut auch ohne Brokkolisprossen verschwunden wäre, können die Forscher allerdings nicht beantworten. Dazu hätten sie auch eine Vergleichsgruppe, die keinen Brokkoli zu sich nahm, untersuchen müssen. [1]

Eine weitere Untersuchung gab Hinweise auf eine Besserung der Symptome bei den Patienten, die Brokkolisprossen zu sich nahmen. Jedoch fehlte hier der direkte Vergleich mit der Placebogruppe, die eine andere Art von Sprossen erhielt. Daher ist unklar, ob die Brokkoli-Therapie die Entzündung wirkungsvoller bekämpfen konnte als das Placebo.. [2]

Fazit

Auch wenn Laboruntersuchungen im Reagenzglas und bei Tieren einen Hinweis darauf liefern, dass ein Inhaltsstoff von Brokkoli und Brokkolisprossen den Magenkeim Helicobacter pylori bekämpfen könnte – einen Nachweis, dass der Verzehr des Gemüses tatsächlich eine Gastritis erfolgreich eindämmen kann, gibt es nicht. Dafür wären streng durchgeführte, randomisiert-kontrollierte klinische Studien an einer größeren Anzahl an Gastritis-Patienten nötig.

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, K. Thaler, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Galan u.a. (2004)
Studientyp: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 10 Patienten mit Gastritis und nachgewiesener H.pylori Infektion
Studiendauer: 42 Tage
Fragestellung: Hilft der Verzehr von Brokkolisprossen, eine H.pylori-Infektion einzudämmen?“
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Oral broccoli sprouts for the treatment of Helicobacter pylori infection: a preliminary report“. Dig Dis Sci. 2004 Aug;49(7-8):1088-90. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Yanaka u.a. (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie und Tierstudie
Teilnehmer: 50 Patienten mit Gastritis und nachgewiesener H.pylori Infektion
Studiendauer: 112 Tage
Fragestellung: Hilft der Verzehr von Brokkolisprossen, eine H.pylori-Infektion einzudämmen?“
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Dietary sulforaphane-rich broccoli sprouts reduce colonization and attenuate gastritis in helicobacter pylori infected mice and humans“. Cancer Prev Res (Phila). 2009 Apr;2(4):353-60. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Crowe SE (2012). Patient information: Helicobacter pylori infection and treatment. (in Grover S, ed.) UpToDate, aufgerufen unter http://www.uptodate.com am 5. 9. 2012