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Bisphenol A: Plastik als Allergieauslöser?

In EU verboten: BPA in Babyflaschen

In EU verboten: BPA in Babyflaschen

Die in der Kunststoffindustrie verwendete Chemikalie Bisphenol A kann bei Ratten Allergien auslösen, schreibt ORF.at. Ob das auch beim Menschen zutrifft, ist unklar, Studienergebnisse dazu sind widersprüchlich. Andere Hormon-ähnliche Chemikalien stehen jedoch stärker im Verdacht, Allergien zu fördern.

 
 

 

Zeitungsartikel: Plastikzusatz könnte Allergien auslösen (6.8.2014, ORF.at)
Frage:Löst Bisphenol A Allergien aus?
Antwort:unklar
Erklärung:Einzelne Beobachtungsstudien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Bisphenol A – Aufnahme und der Entwicklung von Asthma, nicht aber von Allergien in der frühen Kindheit hin. Asthma ist häufig die Folge einer Allergie. Die Messung der Bisphenol A – Aufnahme in diesen Studien ist aber zu ungenau für eine klare Aussage.

Bisphenol A (BPA) findet sich vielerorts: Als Ausgangsstoff für den widerstandsfähigen Kunststoff in CDs, DVDs, Trinkflaschen, Zahnfüllungen, Innenbeschichtungen von Konserven- und Getränkedosen sowie in Reinform beispielsweise auf manchen Eintrittskarten und Kassabons.

Das Problem mit der Chemikalie ist, dass sie die Wirkung weiblicher Geschlechtshormone nachahmt und so die Gesundheit beeinträchtigen kann [3]. Hundertprozentig einig sind sich die Wissenschaftler nicht, was das für Auswirkungen hat. Eine Schädigung der Brustdrüsen beispielsweise hält die europäische Agentur für Ernährungssicherheit EFSA für wahrscheinlich, eine negative Wirkung auf Fortpflanzung und Entwicklung neben anderen Auswirkungen immerhin für möglich [3].

Eine neue Studie [4] soll ORF.at zufolge zeigen, dass BPA auch Allergien fördern kann. Ratten, die als Embryos oder während dem Stillen BPA ausgesetzt waren, entwickelten später eine Unverträglichkeit oder Allergie gegen das im Hühnerei vorkommende Protein Ovalbumin. Doch sind diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar?

Wenig erforscht

Insgesamt haben sich nur wenige Forscher in Studien mit dieser Frage auseinandergesetzt. In einer der veröffentlichten Studien beobachteten Wissenschaftler schwangere Mütter aus New York und ihre Neugeborenen über mindestens sieben Lebensjahre [1]. Dabei maßen sie an der Konzentration im Urin, wieviel BPA die schwangeren Mütter und später die heranwachsenden Kinder aufgenommen hatten. Einen Zusammenhang mit Allergien bei den siebenjährigen Kindern konnten sie nicht feststellen. Sie hatten jedoch nur Allergien auf Stoffe wie Gräserpollen, Tierhaare oder Staubmilben untersucht, die über die Atemwege aufgenommen werden, Nahrungsmittelallergien waren nicht darunter.
Allerdings entwickelten diejenigen Kinder, die höhere BPA – Konzentrationen im Urin hatten, mit größerer Wahrscheinlichkeit Asthma als andere Kinder. Asthma wiederum ist häufig eine Folge von Allergien – ein Widerspruch in den Ergebnissen, den nur umfangreichere Studien klären können.

Ungenauigkeiten und Widersprüche

In einer anderen Studie [2] erhoben Forscher, ob Personen mit erhöhtem BPA-Wert vermehrt an Allergien litten. Dabei konnten sie keinen Zusammenhang feststellen, der BPA-Wert war aber nur zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen worden. Die BPA-Konzentration im Urin schwankt allerdings stark von Tag zu Tag, weil wir nicht jeden Tag gleich viel von der Substanz aus Getränke- und Konservendosen, Trinkflaschen oder Thermopapier zu uns nehmen. Zudem baut der Körper den Großteil der Substanz innerhalb eines Tages wieder ab.

Um festzustellen, wieviel jemand im Durchschnitt über einen längeren Zeitraum an BPA zu sich nimmt, müssten Forscher die Messungen öfter wiederholen – eines der Probleme in allen bisher veröffentlichten Studien.

In einer weiteren Studie beobachtete ein Wissenschaftlerteam werdende Mütter und deren Ungeborene ab der 16. Schwangerschaftswoche bis zum dritten Lebensjahr des Kindes [3]. Dabei stellten sie fest, dass Kinder von Müttern mit erhöhten BPA-Werten im Alter von sechs Monaten eher zu pfeifendem Atem und Atemnot – einer Vorstufe von Asthma – neigten als andere Babys. Im Alter von drei Jahren schien das erhöhte Risiko aber wieder verschwunden zu sein. In dieser Studie untersuchten die Wissenschaftler nur das Risiko für diese Asthma-Vorstufe, nicht aber das Allergierisiko. Pfeifende Atemgeräusche und Atemnot bei unter-Sechsjährigen verschwinden häufig von alleine wieder, und entwickeln sich nur in wenigen Fällen zu Asthma weiter [5]. Über das Asthma- bzw. Allergie-Risiko sagt diese Studie also nur wenig aus.

Hormonähnliche Stoffe am Pranger

Für BPA sind die Hinweise auf eine allergiefördernde Wirkung zurzeit nicht sehr stark. Für ähnlich hormonell wirksame Stoffe wie Triclosan oder Phthalate sieht dies jedoch anders aus [6]. Triclosan wird häufig als antibakterieller Zusatz in Kosmetika eingesetzt. Dieselbe Studie, die keinen Zusammenhang zwischen dem einmalig gemessenen BPA -Wert im Urin und vorhandenen Allergien zeigte, fand einen solchen Zusammenhang mit der Triclosan-Konzentration im Urin [2]. Da der Wert nur einmal gemessen wurde, sind jedoch weitere Untersuchungen nötig, um diesen Verdacht zu erhärten.

Phthalate finden sich häufig in Produkten aus flexiblem PVC-Kunststoff, bei denen sie als Weichmacher eingesetzt werden. Einigen Studien zufolge besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von PVC-Produkten oder PVC-hältigen Bodenbelägen im Haushalt und dem Auftreten von Asthma. Dies berichtet die Weltgesundheitsbehörde WHO in einem 2013 veröffentlichten Bericht über hormonell wirksame Stoffe [7]. Auch hier gilt: erst weitere, genauere Studien könnten den Verdacht erhärten oder verwerfen.

Eine naheliegende Auswirkung scheint allerdings wahrscheinlicher: da Phthalate ähnlich wie BPA die Wirkung weiblicher Geschlechtshormone nachahmen, können sie möglicherweise die Fruchtbarkeit von Männern und Frauen beeinträchtigen (siehe Phthalate: Machen Weichmacher unfruchtbar?).

Auch die in Kosmetika als Konservierungsmittel eingesetzten Parabene haben eine hormonähnliche Wirkung. Ein mögliches Risiko durch diese Stoffe ist noch nicht geklärt, wie Medizin-Transparent berichtete. Klar ist aber, dass solche hormonähnlichen Stoffe in Studien immer nur getrennt voneinander untersucht werden. In der Realität sind wir jedoch einer Kombination verschiedener hormonell wirksamer Substanzen ausgesetzt. Mögliche Auswirkungen dieser Hormoncocktails wurden bisher kaum untersucht.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Donohue u.a. (2013)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 568 Schwangere
Studiendauer: 7 Jahre
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen aufgenommenem Bisphenol A und der Entwicklung von Asthma bei Kindern?
Mögliche Interessenskonflikte: einzelne Autoren haben Verbindungen zu pharmazeutischen Unternehmen

Donohue KM, Miller RL, Perzanowski MS, Just AC, Hoepner LA, Arunajadai S, Canfield S, Resnick D, Calafat AM, Perera FP, Whyatt RM. Prenatal and postnatal bisphenol A exposure and asthma development among inner-city children. J Allergy Clin Immunol. 2013 Mar;131(3):736-42. (Studie in voller Länge)

[2] Clayton u.a. (2011)
Studientyp: Querschnittsstudie
Teilnehmer: 2133 Erwachsene mit nachweisbaren Bisphenol A-Mengen im Urin für die Feststellung eines möglichen Einflusses auf das Allergierisiko (3728 Personen insgesamt)
Studiendauer: Messung nur zu einem einzigen Zeitpunkt
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen aufgenommenem Bisphenol A, Triclosan und der Entwicklung von Allergien bzw einer Auswirkung auf das Immunsystem?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Clayton EM, Todd M, Dowd JB, Aiello AE. The impact of bisphenol A and triclosan on immune parameters in the U.S. population, NHANES 2003-2006. Environ Health Perspect. 2011 Mar;119(3):390-6. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Bundesinstitut für Risikobewertung (2014). Fragen und Antworten zu Bisphenol A in verbrauchernahen Produkten. Aktualisierte FAQ des BfR vom 25. März 2014. Abgerufen am 25.9.2014 unter http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_bisphenol_a_in_verbrauchernahen_produkten-7195.html

[4] Menard S, Guzylack-Piriou L, Leveque M, Braniste V, Lencina C, Naturel M, Moussa L, Sekkal S, Harkat C, Gaultier E, Theodorou V, Houdeau E. Food intolerance at adulthood after perinatal exposure to the endocrine disruptor bisphenol A. FASEB J. 2014 Aug 1. pii: fj.14-255380. (Zusammenfassung der Tierstudie)

[5] Litonjua AA, Weiss ST (2014). Natural history of asthma. In Hollingsworth H (ed.). UpToDate. Abgerufen am 29.9.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/natural-history-of-asthma

[6] Platts-Mills TAE, Commins SP (2014). Increasing prevalence of asthma and allergic rhinitis.In TePas E (ed.). UpToDate. Abgerufen am 29.9.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/increasing-prevalence-of-asthma-and-allergic-rhinitis

[7] WHO (World Health Organization)/UNEP (United Nations Environment Programme) 2013. The State-of-the-Science of Endocrine Disrupting Chemicals – 2012 (Bergman Å, Heindel JJ, Jobling S, Kidd KA, Zoeller RT, eds). Genf:UNEP/WHO. (Bericht in voller Länge)