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Binaurale Beats: Töne gegen Burnout

Mit Tönen Burnout verhindern?

Mit Tönen Burnout verhindern?

Ständige Überforderung kann zu Burnout führen – doch Binaurale Töne sollen dem vorbeugen, schreibt Oe24.at und Woman.at. So faszinierend binaurale Beats auch sind – es handelt sich um eine haltlose Behauptung ohne jeglichen wissenschaftlichen Hinweis auf eine solche Wirksamkeit.
 
 

Zeitungsartikel: Musik um dem Burn-Out vorzubeugen, (15. 7. 2013, oe24.at)
Beats gegen Burnout, (15. 7. 2013, Woman.at)
Frage:Beugen Töne mit Binauralen Beats einem Burnout vor?
Antwort:Für eine solche Wirkung gibt es keinerlei direkte oder indirekte Hinweise.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Binaurale Beats sind eine faszinierende Sache: Hält man nur jeweils ein Ohr an den Kopfhörer, vernimmt man einen gleichbleibenden Ton. Setzt man den Kopfhörer jedoch über beide Ohren, hört man plötzlich zusätzlich intensive Schwingungen – die binauralen Beats. (Ein Hörbeispiel finden Sie am Ende des Artikels.) Sie sind eine Art akustische Wahrnehmungstäuschung und entstehen nur in unserem Gehirn . Zahlreiche Gerüchte ranken sich um dieses Phänomen, so sollen sie die Hirnwellen beeinflussen und auf diese Art meditative Zustände fördern können. Die Online-Ausgaben von Österreich und Woman behaupten gar, die Töne könnten Burnout vorbeugen.

Kein Hinweis auf Burnout-Vorbeugung

Generell ist die Studienlage zur Wirkung von binauralen Beats dürftig. Wissenschaftliche Hinweise auf eine Burnout-vorbeugende Wirkung oder gar Studien dazu finden sich keine. Burnout – ein Zustand der Erschöpfung und des Ausgebrannt Seins – ist die Folge von langanhaltenden, belastenden Tätigkeiten etwa im Beruf oder bei der Pflege von Angehörigen. Betroffene fühlen sich emotional erschöpft, empfinden eine Entfremdung der Arbeit gegenüber und sind nur mehr eingeschränkt leistungsfähig. Sind solche Symptome bereits eingetreten, setzen Psychotherapeuten vor allem auf kognitive Verhaltenstherapie. Die Wirksamkeit von Entspannungsübungen oder Musiktherapie ist hingegen unklar (Lesen Sie mehr zu Hilfe bei Burnout).

Zwei Forschergruppen untersuchten, ob sich Töne mit binauralen Beats zur Entspannung bei Patienten mit Angst vor Operationen oder ärztlichen Behandlungen eignen. In einer der beiden Untersuchungen fanden Wissenschaftler keinen Unterschied zwischen einer Naturgeräuschekulisse, die einmal mit binauralen Beats hinterlegt war und einmal ohne diese vorgespielt wurde, oder herkömmlicher Entspannungsmusik [1]. Alle drei schienen die Ängstlichkeit der Patienten im selben Ausmaß geringfügig senken zu können. Die Studie war allerdings nach wissenschaftlichen Kriterien mangelhaft. Doch auch die Verfasser einer besser durchgeführten Untersuchung konnten einen möglichen Vorteil von binauralen Beats zur Verminderung von Operationsangst nicht zweifelsfrei nachweisen [2].

Ein Team von Psychologen untersuchte die Auswirkung von binauralen Beats auf die Stimmung und Aufmerksamkeit [3]. Probanden, die mit binauralen Beats hinterlegtes Rauschen zu hören bekamen, fühlten sich danach geringfügig ermüdeter. Bei Beschallung mit binauralen Tönen in einem Aufmerksamkeitstest schnitten sie unwesentlich schlechter ab.

Eines zeigen die vorhandenen Studien jedenfalls: Musik und eine beruhigende Naturgeräusche-Kulisse können eine entspannende Wirkung haben – mit oder ohne binaurale Beats.

Beeinflussen binaurale Beats das Gehirn?

Langsame binaurale Töne mit vier bis sieben Schwingungen (beats) pro Sekunde (4 bis 7 Hertz, abgekürzt Hz) sollen angeblich unsere Hirnwellen beeinflussen und so meditative Zustände hervorrufen. Konkret sollen sie die Hirnströme in Einklang mit der Beat-Frequenz bringen und sogenannte Theta-Wellen (zwischen 4 und 7 Hz) fördern. Diese werden mittels EEG (Elektroenzephalogramm) bei Meditation oder leichtem Schlaf gemessen. Langsamere Wellen deuten auf tiefen Schlaf hin, schnellere Wellen (bis 12 Hz) treten im entspannten Wachzustand auf. Im aktiven Wachzustand misst das EEG Wellen über 12 Hz.

In einer Studie an 27 Versuchspersonen fanden Wissenschaftler auch nach vier einstündigen Trainingseinheiten mit binauralen Beats keinerlei erhöhte Thetawellen-Aktivität bei EEG-Messungen [4]. Allerdings waren nur fünf Personen der Vergleichsbedingung ohne binaurale Beats zugeteilt, möglicherweise zu wenig um einen Effekt festzustellen. Zudem blieben die Beats nicht konstant, sondern wurden in wiederkehrenden Abständen geringfügig langsamer und schneller.

Ein anderes Forscherteam [5] fand an nur neun Probanden einzelne Hirnregionen, in denen sich ein Gleichschwingen mit den vorgegebenen binauralen Beats einstellte. Diese Synchronisation mit den Beat-Schwingungen unterschieden sich aber von Person zu Person deutlich und betrafen nur kleine Gebiete des Gehirns. Dass der Großteil des Hirns sozusagen in „Meditationsmodus“ gefallen wäre, hatten die Forscher nicht beobachtet.

Eine solche Synchronisation mit äußeren Reizen ist übrigens nicht ungewöhnlich. So können schnell aufeinanderfolgende Lichtblitze EEG-Wellen in gleichlaufende Schwingungen versetzen. Dieses Phänomen tritt insbesondere im Hirnabschnitt am unteren Hinterkopf auf, wohin durch Lichtreize ausgelöste Signale von den Augen als erstes weitergeleitet werden. Bei anfälligen Personen können solche Stroboskop-artigen Lichtblitze daher auch epileptische Anfälle auslösen [6]. Über dem Schläfenlappen des Hirns, wo sich die erste Verarbeitungsstation für Schallsignale befindet, fanden die Forscher eine solche Synchronisation durch binaurale Beats [5].

Wie binaurale Beats entstehen

Binaurale Beats lassen sich nur mit Kopfhörern wirklich wahrnehmen. Das Prinzip ist einfach. Während der linke Kopfhörer beispielsweise einen Ton mit 220 Hz abspielt, bekommt das rechte Ohr einen geringfügig höheren Ton mit 224 Hz zu hören. Die Differenz von 4 Hz ist die Schwingungsrate, mit der man die binauralen Beats wahrnimmt – ein „wah-wah-wah-wah“ mit vier Schlägen pro Sekunde. Hier finden Sie ein 30 Sekunden langes Hörbeispiel:


Sollten Sie auch Schwingungen hören, wenn Sie nur einen Kopfhörer aufhaben, vermischt die Soundkarte Ihres Computers die beiden Stereokanäle wahrscheinlich etwas. Um den linken vom rechten Kanal wirklich gut zu trennen, laden Sie die Beispiel-Datei hier herunter (Rechtsklick + „Ziel speichern unter“) und hören Sie sie auf einem MP3-Player an.

In der Physik ist ein ähnliches Phänomen als „Schwebung“ bekannt. Werden zwei eng nebeneinanderliegende Töne gleichzeitig abgespielt, beginnen sie sich zu „reiben“ – durch die Überlagerung der Schallwellen werden regelmäßige Schwingungen hörbar. Bei binauralen Beats findet diese Überlagerung jedoch nur in unserem Gehirn statt – sie sind bloß in unserer Wahrnehmung vorhanden.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Weiland u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert- kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 170 Patienten mit erhöhter Ängstlichkeit
Fragestellung: Senken Musik- oder Naturgeräusch-Kompositionen (u.a. mit binauralen Beats) die Angst vor ärztlichen Behandlungen?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Weiland TJ, Jelinek GA, Macarow KE, Samartzis P, Brown DM, Grierson EM, Winter C. Original sound compositions reduce anxiety in emergency department patients: a randomised controlled trial. Med J Aust. 2011 Dec 19;195(11-12):694-8. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Padmanabhan u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert- kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 108 Patienten mit erhöhter Angst vor Operationen
Fragestellung: Senken binaurale Beats Operationsangst?
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Padmanabhan R, Hildreth AJ, Laws D. A prospective, randomised, controlled study examining binaural beat audio and pre-operative anxiety in patients undergoing general anaesthesia for day case surgery. Anaesthesia. 2005 Sep;60(9):874-7. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Lane u.a. (1997)
Studientyp: nicht-randomisierte, kontrollierte psychologische Studie
Studienteilnehmer: 29
Fragestellung: Beeinflussen binaurale Beats Aufmerksamkeit und Stimmung?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Lane JD, Kasian SJ, Owens JE, Marsh GR. Binaural auditory beats affect vigilance performance and mood. Physiol Behav. 1998 Jan;63(2):249-52. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Stevens u.a. (2003)
Studientyp: randomisiert- kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 27 Personen, davon nur 5 in der Vergleichsbedingung ohne Binaural Beats
Fragestellung: Erhöhen binaurale Beats EEG-Wellen im Theta-Bereich im Vorderhirn sowie die Hypnotisierbarkeit?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Stevens L, Haga Z, Queen B, Brady B, Adams D, Gilbert J, Vaughan E, Leach C,Nockels P, McManus P. Binaural beat induced theta EEG activity and hypnotic susceptibility: contradictory results and technical considerations. Am J Clin Hypn. 2003 Apr;45(4):295-309. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Karino u.a. (2006)
Studientyp: nicht-randomisierte, nicht-kontrollierte Studie
Studienteilnehmer: 9 Personen
Fragestellung: Erhöhen binaurale Beats Hirnwellen im Theta-Bereich?
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Karino S, Yumoto M, Itoh K, Uno A, Yamakawa K, Sekimoto S, Kaga K. Neuromagnetic responses to binaural beat in human cerebral cortex. J Neurophysiol. 2006 Oct;96(4):1927-38. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Crespel A, Gélisse P (2005). Atlas of Electroencephalography Vol 1. EEG. Awake and Sleep EEG. Activation Procedures and Artifacts. Volume 1. John Libbey Eurotext Ltd; 1st edition (November 1, 2005)