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Bienenluft-Therapie als Asthma-Hoffnung

Heilsame Bienen?

Heilsame Bienen?

Bienenstock-Luft einzuatmen hilft angeblich bei Asthma und Allergien. Trotz fehlender Belege wird das groß vermarktet.

Frage:Hat die Inhalation von Bienenstockluft gesundheitliche Vorteile bei Asthma, Allergien oder anderen Erkrankungen?
Antwort:unklar
Erklärung:Es existieren keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die für oder gegen eine solche gesundheitliche Wirkung sprechen.

Die Fallberichte überschlagen sich mit beeindruckenden Ergebnissen: Ein achtjähriger Junge mit Asthma, Pollenallergie und Neurodermitis benötigt auf einmal kein Kortison mehr. Ein 42-jähriger Mann ist begeistert, dass sich seine Pollenallergie stark gebessert hat. Ein dreijähriges Mädchen mit Asthma hat plötzlich keine Beschwerden beim Atmen mehr [1].

Verantwortlich für diese spektakulären Heilungen sollen Bienen sein. Genauer gesagt das Einatmen der Luft aus dem Inneren von bewohnten Bienenstöcken. Darin herrscht große Luftfeuchtigkeit und eine konstante Temperatur von rund 36 Grad. Zusätzlich schweben im Inneren kleinste Partikel aus Nektar, Pollen, Propolis und vielen anderen natürlichen Stoffen in der Luft. Diese wird durch das Flügelschlagen tausender summender Honigproduzenten ständig in Bewegung gehalten. All das zusammen soll die heilsame Wirkung ausmachen [2].

Heiße Luft

Sämtliche dieser Behauptungen basieren jedoch lediglich auf Mutmaßungen und Theorien. Wissenschaftliche Belege existieren keine, denn aussagekräftige Studien dazu wurden nie veröffentlicht. Alles was es gibt, sind Fallberichte ohne nachvollziehbare Details: Dass bei dem dreijährigen Mädchen mit Asthma die „Lunge nach der 10. Behandlung komplett frei“ war, klingt nach einem tollen Erfolg. Doch was war einen Monat später? Wäre es ihr auch ohne Behandlung spontan besser gegangen, weil etwa die Pollenbelastung in der Luft wetterbedingt sowieso zurückgegangen ist? Und bei wie vielen kleinen Mädchen ist das Asthma nach der zehnten Behandlung genauso schlimm geblieben wie vor Therapiebeginn?

Um beurteilen zu können, ob eine Therapie tatsächlich eine Erkrankung lindern kann, sind klinische Studien nach objektiven wissenschaftlichen Kriterien notwendig. Ohne diese bleiben Heilsversprechungen wie die einzelner Anbieter nichts als heiße Luft.

Forscher können eine heilende Wirkung nur nachweisen, wenn sie andere Einflüsse und zufällig auftretende Verbesserungen gezielt ausschließen können. Dazu wäre es notwendig, die Versuchsteilnehmer per Zufall in eine von zwei Gruppen einzuteilen. Die erste Gruppe bekommt eine echte Bienenlufttherapie, die zweite hingegen eine Scheintherapie (Placebo) – etwa mit angewärmter Luft aus einem leeren Bienenstock. Wichtig ist, dass die Studienteilnehmer in beiden Gruppen in ähnlichem Ausmaß krank sind und niemand weiß, welcher der beiden Gruppen er oder sie zugeteilt wurde. Nur wenn sich die Symptome bei der Bienenluft-Gruppe am Ende deutlich stärker gebessert haben als bei der Scheinbehandlungsgruppe, ist das ein Beweis für die Wirksamkeit.

Brummendes Geschäft

Dass es keinen Nachweis für irgendeine gesundheitliche Wirkung der Bienenluft-Therapie gibt, hindert dennoch zahlreiche Imker nicht daran, das Ganze als Wundertherapie zu vermarkten. Ein Tiroler Imker-Unternehmen scheint sich das Wort „Bienenluft“ sogar als geschützten Markennamen eingetragen zu haben.

In zahlreichen Diskussionsforen im Internet wird die Bienenluft-Therapie angepriesen. Der deutsche Apitherapie-Bund – eine Interessensgemeinschaft für die therapeutische Nutzung von Bienenprodukten – sieht die Euphorie dazu skeptisch. Es fehlt schlicht an wissenschaftlichen Belegen. Um die Wirksamkeit in handfesten Studien zeigen zu können, fehle aber das Geld. Eines der Vereinsmitglieder – der Biochemiker Eberhard Bengsch – plante im Sommer 2014 eine wissenschaftliche Untersuchung an rund 200 Patienten. Zu einer Veröffentlichung der Studiendaten ist es jedoch nie gekommen.

Mit Schlauch und Atemmaske

Rund 60.000 kleine Honigsammler leben in einem Bienenstock. Sie bringen laufend Nektar, Pollen, Harze und andere Stoffe in den Bienenstock und verarbeiten diese zu Propolis, Honig oder Wachs. All diese Substanzen finden sich als kleinste Partikel oder Dämpfe in der Innenluft eines Stocks, wenn auch nur in geringen Mengen.

Über eine Atemmaske, die durch einen Schlauch direkt mit dem Inneren des Bienenstocks verbunden ist, lässt sich die Bienenluft einatmen. Ein elektrisch betriebenes Ventilationssystem sorgt für einen konstanten Luftstrom. Die ausgeatmete, Kohlendioxid-reiche Luft gelangt hingegen nicht mehr zu den Bienen zurück. Rund zehn Behandlungen zu je 20 Minuten empfehlen Anbieter der Behandlung. Möglich ist die angebliche Wundertherapie Imkern zufolge nur in den warmen Sommermonaten, von Mai bis August.

Damit bei der Inhalation keine Biene den Weg in die Atemmaske findet, hält ein Filter die Insekten ab. Der Filter ist dabei so fein, dass er auch umherschwirrende Blütenpollen nicht durchlässt. Das soll sicherstellen, dass Pollenallergiker durch eingeatmete Pollen aus dem Bienenstock keine allergischen Beschwerden bekommen. Ob das zuverlässig hilft, ist allerdings nicht untersucht – theoretisch könnten Bruchteile von Pollenkörnern durch die Filterporen rutschen und doch eingeatmet werden.

Genauso wie die Wirksamkeit sind auch unerwünschte Nebenwirkungen nicht erforscht. Ein Anbieter vermerkt auf seiner Internetseite, dass die Inhalationskur müde machen kann. Ein anderer behauptet hingegen, es gäbe keinerlei unerwünschte Wirkungen. Auch hier fehlt es an zuverlässigen Daten.

 

Die Studien im Detail

Es existieren keine wissenschaftlichen Studien zur Bienenluft-Therapie.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger)

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Quellen

[1] Musch H, Apiair-Musch.de
http://www.apiair-musch.de/erfahrungen.htm (abgerufen am 28. 7. 2015)

[2] Bengsch (2010)
Bengsch E. Studie über das Potenzial der biomedizinischen Wirksamkeit von inhalierter Bienenluft. Abgerufen am 28.7.2015 unter http://www.apiair-musch.de/pdf/studie_prof_bengsch_apiair.pdf