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Beckenboden-Training bei Inkontinenz

Inkontinenz: wenn der Drang zu groß ist

Inkontinenz: wenn der Drang zu groß ist

Experten empfehlen in der Tiroler Tageszeitung bei Inkontinenz, es erst einmal mit Beckenbodentraining zu versuchen. Auch bei den Oberösterreichischen Nachrichten wird dieser Behandlungsform gute Wirksamkeit bescheinigt – der Studienlage nach zu Recht, wenn auch mit Einschränkungen.
 
 

 

Zeitungsartikel: Inkontinenz: Schweigen vergrößert Leidensdruck (26.6.2013, Oberösterreichische Nachrichten)
Wenn es kein Halten mehr gibt (26.6.2013, Tiroler Tageszeitung)
Frage:Hilft Beckenbodentraining bei stressbedingter Harninkontinenz?
Antwort:Mehrere systematische Übersichtsarbeiten bestätigen die Wirksamkeit von Beckenbodentraining bei unterschiedlichen Gruppen von Patientinnen. Leichte Zweifel bestehen noch deshalb, weil die Einzelstudien sehr unterschiedliche Methoden verwenden, was eine Gesamtbewertung erschwert.
Beweislage:
Mittlere wissenschaftliche Beweislagefür die Wirksamkeit

Bei manchen gesundheitlichen Problemen erhöht sich der Leidensdruck, weil es schwierig ist darüber zu sprechen und Hilfe aufzusuchen. So ist es beispielsweise bei Inkontinenz, die jedoch wirksam bekämpft werden kann…

Operationen vermeiden?

…jedoch nicht bei allen Patientinnen und bei allen Arten der Inkontinenz gleich. Die häufigste Form von Inkontinenz ist die Stressinkontinenz, also unfreiwilliger Harnverlust bei Anstrengungen, beim Niesen oder Husten. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2010 [1] zeigt, dass bei dieser häufigsten Variante von Inkontinenz das Beckenbodentraining am meisten hilft: Frauen, die Beckenbodentraining machten, berichteten häufiger von einer Heilung oder Besserung als Frauen, die kein solches Training machten. Auch ihre Lebensqualität bewerteten sie höher [1]. Allerdings verglich diese Studie das Beckenbodentraining nicht mit anderen Therapien, sondern nur mit Kontrollgruppen ohne eine Behandlung.

Wichtig scheint es zu sein, dass das Training eine gewisse Zeit durchgehalten wird, in etwa drei Monate [1]. Eine systematische Übersichtsarbeit zur Langzeitwirkung von Beckenbodentraining [3] kommt zu dem Ergebnis, dass der Erfolg davon abhängt, wie konsequent das Training durchgeführt wurde; wer die Trainingsprotokolle genau beachtet, hat größere Chancen auf Heilung, beziehungsweise schafft es eher, eine Operation zu vermeiden. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden fünf Studien, die für eine langfristige Wirkung des Beckenbodentrainings sprechen – und zwar selbst, wenn die Patientinnen nicht dabei unterstützt werden, weiterhin zu trainieren. Ein stichfester Beleg für die Langzeitwirkung ist das allerdings noch nicht, denn die einzelnen Studien unterscheiden sich stark in ihrem Aufbau und dem untersuchten Zeitraum [3]. Bei allen Studien zum Beckenbodentraining gibt es das Problem, dass oft auch die Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe ein ähnliches Training durchführten. Nur in wenigen Studien wurden Patientinnen gebeten, darauf zu verzichten. Eventuell unterschätzen Studien also die Wirkung von Beckenbodentraining sogar.

Risikofaktoren und Behandlungserfolg

Harninkontinenz ist relativ häufig, es wird jedoch angenommen, dass viele Fälle gar nicht bekannt werden, weil die Betroffenen keine Behandlung aufsuchen. So reichen die Schätzungen, wie viele Frauen betroffen sind von 17 bis zu 45 Prozent. Risikofaktoren sind Rauchen und Übergewicht, aber auch Schwangerschaft und Geburten. Daher wird Beckenbodentraining auch Schwangeren angeraten, als vorbeugende Maßnahme gegen Inkontinenz.

Wie gut sich diese Trainingsform kurz vor oder kurz nach der Geburt tatsächlich eignet, untersucht eine 2012 aktualisierte systematische Übersichtsarbeit [2]: Das Risiko, kurz nach der Geburt harninkontinent zu sein, kann durch vorbeugende Beckenbodengymnastik halbiert werden. Und auch als Behandlung ist die Beckenbodengymnastik ähnlich erfolgreich, also wenn das Training erst aufgenommen wird, nachdem bereits eine Harninkontinenz durch Schwangerschaft oder Geburt aufgetreten ist.

Andere Formen der Inkontinenz sind die Dranginkontinenz und die Überflussinkontinenz. Bei letzterer ist aufgrund von Abflusstörungen die Harnblase ständig übervoll, bei der Dranginkontinenz ist ein plötzlicher starker Harndrang nicht mehr zurückzuhalten. Bei der Mischinkontinenz zwischen Stress- und Dranginkontinez ist Beckebodentraining ebenfalls sinnvoll [1].

Hintergrund: Geschichte und andere Behandlungsmethoden

Arnold Kegel machte um 1948 das Beckenbodentraining als Maßnahme gegen Inkontinenz populär, auch wenn es schon etwas früher einzelne Studien dazu gab [2]. Andere Autoren sehen wesentlich weiter zurück reichende Wurzeln: im chinesischen Taoismus sind solche Übungsprogramme angeblich seit 6000 Jahren bekannt [1].

Auch wenn sich Beckenbodentraining als konservative Erstmaßnahme etabliert hat, ist es nicht die einzige Möglichkeit: Verschiedene chirurgische Eingriffe führen mit höherer Sicherheit zum Erfolg, bringen aber auch die üblichen Nebenwirkungen eines operativen Eingriffs mit sich [4]. Ganz nebenwirkungsfrei ist aber auch das Beckenbodentraining nicht – zwar kommt es nur selten zu unerwünschten Wirkungen, aber gelegentlich haben Frauen aufgrund von Schmerzen das Übungsprogramm abgebrochen [1][3].

Die Beckenbodenmuskulatur kann auch mit elektrischer Stimulation gestärkt werden und auch bestimmte Medikamente sind vermutlich wirksam gegen Harninkontinenz [4].

(AutorIn: J. Wipplinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Dumoulin C, Hay-Smith 2010
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 14
Teilnehmerinnen insgesamt: 836
Fragestellung: Wirkt Beckenbodentraining bei Harninkontinenz im Vergleich zu keiner Behandlung?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Dumoulin C, Hay-Smith J. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Art. No.: CD005654 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Boyle ua. 2012
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 22
Teilnehmerinnen insgesamt: 8485
Fragestellung: Wirkt Beckenbodentraining als Prävention oder Behandlung von Harninkontinenz bei Frauen vor oder kurz nach einer Geburt?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Boyle R, Hay-Smith EJC, Cody JD, Mørkved S. Pelvic floor muscle training for prevention and treatment of urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 10. Art. No.: CD007471 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit[3] Bø, Hilde 2013
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 19
Teilnehmerinnen insgesamt: 1141
Fragestellung: Langzeitwirkung von Beckenbodentraining bei stressbedingter Harninkontinenz?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben.

Bø K, Hilde G. Does it work in the long term?–A systematic review on pelvic floor muscle training for female stress urinary incontinence. Neurourol Urodyn. 2013 Mar;32(3):215-23. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Onwude JL. (2009). Stress incontinence. Clin Evid (Online). 2009 Apr 14;2009. (Übersichtsarbeit im Volltext)