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Bauchfett: ein umfangreicher Risikofaktor?

Sitzt das Risiko im Bauch?

Sitzt das Risiko im Bauch?

Ein zu hoher Fettanteil kann der Gesundheit schaden. Doch spielt es eine Rolle, in welcher Körperregion die Fettpolster sitzen? Ist Bauchfett besonders gefährlich? Laut derstandard.at steht ein großer Bauchumfang seit einigen Jahren als Risikofaktor unter Verdacht. Der Nachweis ist allerdings schwierig.

 
 

 

Frage:Sind Bauchfett bzw. ein großer Bauchumfang besonders gefährlich?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass Fettdepots im Bauch das Risiko für einen verfrühten Tod erhöhen können. Möglicherweise sind auch Personen mit unauffälligem Body-Mass-Index gefährdet. In den kommenden Jahren wird durch neue Studien vermutlich eine bessere Einschätzung möglich sein.

Seit einigen Jahren gibt es in der Medizin einen neuen mutmaßlichen Übeltäter: das Bauchfett. Dieses Energiedepot, auch Viszeralfett genannt, befindet sich im Bauchraum zwischen den inneren Organen.

Im Gegensatz zu oberflächlichen Speckrollen und -polstern, die beispielsweise an Schenkeln, Armen oder Hüften sitzen, ist das Bauchfett besser ‚getarnt’. Es scheint jedoch aktiver zu sein als andere Fettdepots und mischt sich möglicherweise in verschiedene Vorgänge ungünstig sein.

Konkurrenz für den Body-Mass-Index?

Inwiefern das Bauchfett die Gesundheit negativ beeinflusst, haben etliche Forschergruppen in den letzten Jahren untersucht. Zur Klärung wurde bei hunderttausenden Menschen der Bauchumfang ermittelt und teilweise dessen Verhältnis zu Körpergröße, Hüftumfang oder Schenkelumfang berechnet.

So sollte sich zeigen, ob eine Bauchvermessung bessere Hinweise auf Erkrankungsrisiken liefern kann als der allgegenwärtige Body-Mass-Index (BMI). Denn dieser gibt ‚nur’ das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße an. Über die Fettverteilung im Körper oder die Anteile von Fett- und Muskelmasse gibt der BMI keinen Aufschluss.

Neues Vorhersagewerkzeug im Test

In einer systematischen Übersichtsarbeit [1] über Studien an insgesamt knapp 690.000 Teilnehmern kristallisierte sich tatsächlich heraus, dass ein allzu ausladender Bauch auf ein erhöhtes Sterberisiko hinweisen kann.

Eine ähnliche Tendenz zeichnete sich auch in einer Beobachtungsstudie [2] mit über 650.000 Teilnehmern ab, die im März 2014 publiziert wurde. Demnach macht ein dicker Bauch anfälliger für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.

Interessanterweise legt diese Arbeit nahe, dass unter Umständen auch Personen mit einem unauffälligen BMI gefährdet sein können – also beispielsweise Menschen, die bis auf ihre Leibesmitte recht schlank sind.

Gesunde Skepsis angebracht

Aussagen wie diese finden sich auch in anderen Untersuchungen [5] und sind höchst interessant. Gleichzeitig sind sie mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Denn die Erkenntnisse basieren auf Studien, die uneinheitlich in ihrer Fragestellung sind und mitunter qualitative Schwächen aufweisen.

Da die Frage nach möglichen Bauchfett-Gefahren viele Menschen betrifft, wird es wohl in absehbarer Zeit mehr Daten geben, die hoffentlich zu einer besseren Einschätzung verhelfen.

Nicht alle über einen Kamm scheren

Es ist beispielsweise denkbar, dass ein Zuviel an Bauchfett und -umfang nicht für alle Menschen dasselbe Risiko in sich birgt: Möglicherweise spielen bestimmte Vorerkrankungen (z. B. bei koronare Herzerkrankung [4]) oder auch das Alter (z.B. für Senioren [3]) eine Rolle.
Auch genetische Unterschiede könnten einen großen Bauchumfang mehr oder weniger gefährlich machen – und so beispielsweise Risiko-Unterschiede zwischen asiatischen und europäischen Populationen erklären.

Bestes Wampen-Maß

Weiters ist strittig, welche Bauchfett-Maßzahl am besten zur Risikoeinschätzung geeignet ist. Mitunter wird nur der Taillenumfang eruiert. Aktuell kommt aber auch das Verhältnis von Taille zu Körperhöhe, zu Hüftumgang oder zu Oberschenkelumfang zum Einsatz. Auch hier werden weitere Studienergebnisse in den kommenden Jahren wohl bessere Fakten über die Aussagekraft dieser Messungen bringen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, F. Stigler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

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Carmienke S, Freitag MH, Pischon T, et al. General and abdominal obesity parameters and their combination in relation to mortality: a systematic review and meta-regression analysis. Eur J Clin Nutr. 2013 Jun;67(6):573-85. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Cerhan u.a. (2014)
Studientyp: Übersichtsarbeit
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Cerhan JR, Moore SC, Jacobs EJ, et al. A pooled analysis of waist circumference and mortality in 650,000 adults. Mayo Clin Proc. 2014 Mar;89(3):335-45. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

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Chang SH, Beason TS, Hunleth JM, Colditz GA. A systematic review of body fat distribution and mortality in older people. Maturitas. 2012 Jul;72(3):175-91. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Coutinho u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 6 Studien
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Coutinho T, Goel K, Corrêa de Sá D, et al. Central obesity and survival in subjects with coronary artery disease: a systematic review of the literature and collaborative analysis with individual subject data. J Am Coll Cardiol. 2011 May 10;57(19):1877-86. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Pischon u.a. (2008)
Studientyp: prospektive Studie
Teilnehmer: 359.387 Personen
Fragestellung: Besteht für Personen mit Fettleibigkeit bzw. mit zu viel Bauchfett ein erhöhtes Sterberisiko?
Mögliche Interessenskonflikte: keine spezifischen Angaben

Pischon T, Boeing H, Hoffmann K, Bergmann M, Schulze MB, Overvad K, et al. General and abdominal adiposity and risk of death in Europe. N Engl J Med. 2008 Nov 13;359(20):2105-20. (Studie in voller Länge)