Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Ballaststoffe gegen Darmkrebs?

Müsli und Früchte enthalten viele Ballaststoffe

Müsli und Früchte enthalten viele Ballaststoffe

Eine ballaststoffreiche Ernährung ist gut für die Gesundheit. Weil sie den Stuhlgang anregen, sollen sie auch Darmkrebs vorbeugen. Studien sprechen jedoch gegen diese Theorie.

Frage:Senkt eine ballaststoffreiche Ernährung das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Bisherige Studien deuten darauf hin, dass die regelmäßige Einnahme von ballaststoffreichen Lebensmittelzusätzen das Risiko für Darmkrebs nicht verringern kann. Zur genaueren Beurteilung sind jedoch länger andauernde Studien nötig.

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen. Etwa eine von 18 Personen erkrankt im Laufe des Lebens daran, rechnet das Deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) vor [6]. Verdächtig ist, dass diese Krebsart in Afrika und Süd-Ost-Asien viel seltener ist als in westlichen Regionen wie Europa oder Nordamerika. Ist die ungesunde Ernährungsweise in den Industrieländern schuld?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. So sind Menschen mit erhöhtem Darmkrebsrisiko häufiger übergewichtig, machen weniger Sport, essen öfter rotes Fleisch und verarbeiteten Fleischwaren, und ernähren sich eher ballaststoffarm [6]. Eine ballaststoffreiche Ernährung soll einer Theorie zufolge der Entstehung von Darmkrebs vorbeugen. Grund dafür seien die durch die Ballaststoffe häufigeren Stuhlgänge – dadurch würden gesundheitsgefährdende Stoffe schneller ausgeschieden.

Scheinbarer Schutz

Tatsächlich scheint ein Zusammenhang zwischen vermindertem Darmkrebsrisiko und ballaststoffreicher Ernährung zu bestehen. Personen, die viele Lebensmittel mit hohem Anteil an unverdaulichen Pflanzenfasern zu sich nehmen, bekommen etwas weniger häufig Darmkrebs als Personen, die sich ballaststoffarm ernähren. Das zeigen die zusammengefassten Ergebnisse aus Studien, bei denen Forscher aus Befragungen Rückschlüsse auf das Ernährungsverhalten ziehen [1]. Speziell gilt das für Liebhaber von Vollkornprodukten: wer viel naturbelassene Getreideerzeugnisse verzehrt, hat offenbar ein um bis zu einem Siebtel geringeres Risiko, an Darmkrebs zu erkranken [1].

Das erweckt den Eindruck, dass man sein Krebsrisiko senken kann, wenn man nur genügend Ballaststoffe zu sich nimmt. Die Nahrungsergänzungsmittelindustrie stellt mit Produkten wie Weizenkleie oder indischen Flohsamen auch gleich die ihrer Meinung nach richtigen Produkte in den Supermarktregalen zur Verfügung.

Zur Krebsvorbeugung überschätzt

Doch so einfach ist es nicht. Eine Analyse von experimentellen Studien, in denen Personen täglich entweder solche ballaststoffreichen Nahrungszusatzmittel oder ein ballaststofffreies Pulver zu sich nahmen, deutet auf keine derartige Wirkung von Ballaststoffen hin [2]. In den analysierten Studien waren die Teilnehmer per Losentscheid einer der beiden Gruppen zugeteilt worden – ob sie ballaststoffhältiges oder ballaststofffreies Pulver zu sich genommen hatten, wussten sie nicht. Nach zwei bis vier Jahren waren jedoch in der Ballaststoff-Gruppe Darmkrebsvorstufen nicht seltener aufgetreten als in der anderen Gruppe. Ob sich aus diesen Vorstufen (Polypen oder Adenome) auch tatsächlich gleich häufig Darmkrebs entwickelt hätte, konnten die Studienleiter in dieser Zeit zwar nicht untersuchen, es ist aber wahrscheinlich.

Einen Schwachpunkt hat die Analyse dieser Studien [2] allerdings – sie stammt aus dem Jahr 2002 und berücksichtigt neuere Untersuchungen nicht. Doch auch drei aktuellere Studien [3] [4] [5], die erst nach Abschluss der Analyse veröffentlicht wurden, drehen das Bild nicht um. In keiner davon senkt die regelmäßige Einnahme von Ballaststoff-Präparaten das Risiko für Darmkrebs-Vorstufen.

Diese Ergebnisse stehen auf den ersten Blick im Widerspruch zu den anfangs erwähnten Studien [1], die nur auf der Befragung zu Ernährungsgewohnheiten beruhen. Der scheinbare Zusammenhang von ballaststoffreicher Ernährung mit einem verminderten Auftreten von Darmkrebs lässt sich allerdings auch durch andere Umstände erklären: Menschen, die sich ballaststoffreich ernähren, pflegen häufig einen generell gesünderen und bewussteren Lebensstil. Sie machen mehr Sport, essen mehr Obst und Gemüse, rauchen nicht, trinken nur wenig Alkohol und sind seltener übergewichtig. All diese Faktoren haben ebenfalls einen Einfluss auf die Gesundheit der Studienteilnehmer, auch wenn viele Forscher versucht haben, einige dieser Einflüsse aus ihren Ergebnissen herauszurechnen. Der Grund dafür, dass diese Menschen in den Befragungsstudien [1] weniger oft Darmkrebs bekommen haben, dürfte somit ihre insgesamt gesündere Lebensführung sein, und nicht speziell die ballaststoffreiche Ernährung.

Ballaststoffe sinnlos?

Vollkornprodukte und eine ballaststoffreiche Ernährung scheinen zwar kurzfristig nicht vor Darmkrebs zu schützen, das muss jedoch nicht heißen, dass sie sinnlos sind. Ganz im Gegenteil, eine ballaststoffreiche Ernährung kann bei Verdauungsproblemen helfen. Zudem gibt es klare Hinweise, dass eine Vollkorn-reiche Ernährung die Wahrscheinlichkeit verringert, frühzeitig an anderen Krebsformen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sonstigen Ursachen zu sterben [7].

Es könnte theoretisch aber auch sein, dass sich eine Ernährungsumstellung erst nach zehn oder mehr Jahren auf das Risiko für Darmkrebs auswirkt. Derart lange Zeiträume wurden in den bisherigen Studien nicht untersucht. Es ist bekannt, dass Darmkrebs viele Jahre benötigt, um heranzuwachsen [6] [8]. Fest steht nur, dass es wahrscheinlich nicht genug ist, zwei bis vier Jahre lang Ballaststoffpräparate zusätzlich zur normalen Nahrung einzunehmen, um Darmkrebs vorzubeugen.

[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht am 25. November 2013. Eine Suche nach aktuelleren Studien ändert nichts an unserer Einschätzung.]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, F. Stigler )

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Aune u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 25 Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: rund 1,9 Millionen (darunter 14.000 Fälle mit Darmkrebs)
Fragestellung: Auswirkung von Nahrungs-Ballaststoffen und Vollkornprodukten auf das Risiko für Darmkrebs
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Aune D, Chan DS, Lau R, Vieira R, Greenwood DC, Kampman E, Norat T. Dietary fibre, whole grains, and risk of colorectal cancer: systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. BMJ. 2011 Nov 10;343:d6617. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Asano & McLeod (2002)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien, die bis Oktober 2001 veröffentlicht wurden
Teilnehmer insgesamt: 4349
Fragestellung: Auswirkung von Nahrungs-Ballaststoffen auf das Risiko für Darmkrebs
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Asano TK, McLeod RS. Dietary fibre for the prevention of colorectal adenomas and carcinomas. Cochrane Database of Systematic Reviews 2002, Issue 1. Art. No.: CD003430. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Ishikawa u.a. (2005)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 398 krebsfreie Patienten, denen zuvor mind. 2 colorectale Tumore entfernt worden waren.
Studiendauer: 4 Jahre
Fragestellung: Auswirkung von Weizenkleie und L. casei auf das Risiko für Darmkrebs
Mögliche Interessenkonflikte: keine angegeben

Ishikawa H, Akedo I, Otani T, Suzuki T, Nakamura T, Takeyama I, Ishiguro S, Miyaoka E, Sobue T, Kakizoe T. Randomized trial of dietary fiber and Lactobacillus casei administration for prevention of colorectal tumors. Int J Cancer. 2005 Sep 20;116(5):762-7. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Mathers u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 918 Teilnehmer mit einer erblichen Vorbelastung für Darmkrebs (Lynch Syndrom)
Studiendauer: rund 52 Monate
Fragestellung: Auswirkung von unverdaulicher Stärke auf das Risiko für Darmkrebs
Mögliche Interessenkonflikte: Studie finanziert unter anderem durch Bayer Pharma, National Starch and Chemical Co

Mathers JC, Movahedi M, Macrae F, Mecklin JP, Moeslein G, Olschwang S, Eccles D, Evans G, Maher ER, Bertario L, Bisgaard ML, Dunlop M, Ho JW, Hodgson S, Lindblom A, Lubinski J, Morrison PJ, Murday V, Ramesar R, Side L, Scott RJ, Thomas HJ, Vasen H, Gerdes AM, Barker G, Crawford G, Elliott F, Pylvanainen K, Wijnen J, Fodde R, Lynch H, Bishop DT, Burn J; CAPP2 Investigators. Long-term effect of resistant starch on cancer risk in carriers of hereditary colorectal cancer: an analysis from the CAPP2 randomised controlled trial. Lancet Oncol. 2012 Dec;13(12):1242-9. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Burn u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 206 junge Patienten zwischen 10 und 21 Jahren mit familiärer adenomatöser Polyposis
Studiendauer: durchschnittlich 17 Monate
Fragestellung: Auswirkung von unverdaulicher Stärke beziehungsweise Aspirin auf das Risiko für Darmkrebs
Mögliche Interessenkonflikte: Studie finanziert unter anderem durch Bayer Pharma, National Starch and Chemical Co

Burn J, Bishop DT, Chapman PD, Elliott F, Bertario L, Dunlop MG, Eccles D, Ellis A, Evans DG, Fodde R, Maher ER, Möslein G, Vasen HF, Coaker J, Phillips RK, Bülow S, Mathers JC; International CAPP consortium. A randomized placebo-controlled prevention trial of aspirin and/or resistant starch in young people with familial adenomatous polyposis. Cancer Prev Res (Phila). 2011 May;4(5):655-65. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2007). Häufigkeit von Darmkrebs. http://www.gesundheitsinformation.de/darmkrebs.2069.de.html#!haeufigkeit

[7] Wald A (2013). Patient information: High-fiber diet (Beyond the Basics). In Grover S (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18. 11. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/high-fiber-diet-beyond-the-basics

[8] Ahnen DJ, Macrae FA (2013). Colorectalo cancer: Epidemiology, risk factors and protective factors. In Savarese DMF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18. 11. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/colorectal-cancer-epidemiology-risk-factors-and-protective-factors