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Baldrian: pflanzliches Schlafmittel mit Fragezeichen

Was tun bei Schlaflosigkeit?

Was tun bei Schlaflosigkeit?

Bei Schlafstörungen gilt Baldrian als beliebtes Hausmittel. Ob Extrakte der Pflanze wirklich helfen, ist nicht gut belegt. Die Schlafdauer verlängern können Baldrian-hältige Mittel nicht. Ob sie zu erholsamerem Schlaf verhelfen, ist unklar.

 
 

 

Frage:Hilft Baldrian bei Schlafstörungen?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Schlafdauer scheinen Baldrian-Präparate nicht verlängern zu können. Studien, die untersuchen, ob der Schlaf durch Baldrian erholsamer ist, liefern widersprüchliche Ergebnisse.

Wer sich abends häufig im Bett hin und her wälzt, in der Nacht oft aufwacht und sich morgens erschlagen und unausgeschlafen fühlt, ist damit nicht alleine: Beinahe jeden Fünften plagen Schlafstörungen, die über längere Zeit anhalten [3]. Die Ursachen dafür können von Stress und Sorgen bis zu körperlichen oder seelischen Erkrankungen reichen.

Doch was kann helfen, wieder gut und erholsam schlafen zu können? Viele Menschen greifen in dieser Situation gerne zu pflanzlichen Hausmitteln mit Baldrian, Melisse oder Passionsblumen. In den Regalen der Apotheken stehen Kapseln oder Tropfen aus Extrakten dieser Pflanzen – mit so vielversprechenden Bezeichnungen wie „Ein- und Durchschlaf-Dragees“. Was können diese Präparate?

Kein längerer Schlaf

Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien [1] zeigen: Baldrianpräparate scheinen die Schlafdauer nicht zu verlängern. Ob von Schlaflosigkeit Geplagte mit Hilfe von Baldrian tiefer oder besser schlafen, ist unklar. Studien dazu sind widersprüchlich, manche Teilnehmer empfinden die Qualität ihres Schlafes als besser. Wie groß dieser Effekt – falls überhaupt vorhanden – tatsächlich ist, muss aber noch besser erforscht werden.

Der Preis dafür könnte eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Durchfall sein – diese Nebenwirkung trat in einer Studie bei fast jedem Fünften auf [1]. Sehr hohe Baldrian-Dosen könnten zudem giftig für die Leber sein [4].

Unzureichend erforscht

Ob Zubereitungen aus Passionsblumen oder Melisse bei Schlafstörungen helfen können, können Wissenschaftler bisher nicht beantworten, es fehlen entsprechende Studien dazu. Ebenfalls keine wissenschaftlichen Hinweise auf eine schlaffördernde Wirkung gibt es für Hopfen, wie Medizin-Transparent.at bereits beschrieben hat (siehe Verbessert Hopfen den Schlaf?).

Die pflanzlichen Mittel werden auch gerne zur Beruhigung bei Angstzuständen eingenommen. Zumindest für Baldrian und Passionsblumen-Extrakt ist bisher unklar, ob sie hier tatsächlich helfen können – zu wenig aussagekräftig sind bisherige Studien [5] [6].

Was helfen kann

Die Ursachen für Schlafprobleme sind vielfältig. Sorgen und Stress können genauso verantwortlich für die nächtliche Schlaflosigkeit sein wie schlechte Gewohnheiten rund um die Nachtruhe. Aber auch körperliche und seelische Erkrankungen, Schichtarbeit, Lärm, Unruhe in den Beinen (Restless-Legs-Syndrom), Schnarchen oder nächtliche Atemstillstände (Schlafapnoe) sowie Zähneknirschen bringen Betroffene um den Schlaf. Die genaue Ursache sollte gemeinsam mit dem Arzt oder der Ärztin ermittelt werden [3].

Helfen könnten Entspannungstechniken oder eine verbesserte Schlafhygiene. Dazu gehört etwa, nur dann im Bett zu liegen, wenn man müde ist sowie vor dem Schlafengehen keine anstrengende Sportarten zu betreiben, keine Koffein-hältigen Getränke zu trinken oder zu rauchen. Auch Alkohol kann eine Ursache für Schlafprobleme sein. Viele Menschen schlafen nach Alkoholgenuss zwar schneller ein, der Schlaf ist aber nur wenig erholsam [3].

Hilfreich sein kann in manchen Fällen eine Kognitive Verhaltenstherapie. Ziel dieser psychologischen Behandlung ist es, Denkmuster und Verhaltensweisen zu verändern, die vom Schlaf abhalten können. Schlaftabletten hingegen sind meist keine gute Idee. Sie werden vom Arzt nur bei schweren Schlafstörungen vorübergehend verschrieben, da sie rasch abhängig machen und starke Nebenwirkungen haben [3].

Nähere Information zur Behandlung von Schlafstörungen zählt das Deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in einem wissenschaftlich fundierten Online-Ratgeber.

 

Die Studien im Detail

Um die Studienlage zur Wirksamkeit von Baldrian-Präparaten einschätzen zu können, analysierte ein spanisches Forscherteam bisher veröffentlichte klinische Studien [1]. Die zusammengefassten Ergebnisse zeigten, dass die Baldrian-hältigen Mittel die Schlafdauer im Vergleich zu Scheinmedikamenten (Placebo) nicht verlängern konnten. Wurden die Teilnehmer gebeten, die Qualität ihres Schlafs auf einer Skala zu bewerten, unterschieden sich die Einschätzungen der Baldrian-behandelten nicht von jenen der Placebo-behandelten Teilnehmer.

Wurden die Untersuchten jedoch gefragt, ob sie das Gefühl hatten, nun besser zu schlafen, antworteten um knapp ein Drittel mehr Personen aus der Baldrian-Gruppe mit „ja“ als in der Placebo-Gruppe. Ein durchaus widersprüchliches Ergebnis, das nur durch weitere Studien an ausreichend vielen Teilnehmern aufgeklärt werden kann.

Studie zu Passionsblumen wenig vertrauenswürdig

Zur Wirkung von Passionsblumen-Extrakt bei Schlafproblemen existiert nur eine einzige randomisiert-kontrollierte klinische Studie [2] an 41 Teilnehmern. Diese erhielten sowohl den als wirksam vermuteten Passionsblumen-Tee als auch mit einer Woche Abstand Petersilien-Tee zum Vergleich und mussten jeweils am nächsten Morgen Schlafdauer und –qualität beurteilen. Die Forscher konnten jedoch nicht ausschließen, dass die Teilnehmer wussten, welchen Tee sie zu welchem Zeitpunkt erhalten hatten, daher könnte sich die Erwartungshaltung an die Wirkung des Passionsblumen-Tees auf das Ergebnis ausgewirkt haben. Zudem wurden an zehn der teilnehmenden Personen Schlaflabor-Aufzeichnungen durchgeführt, ohne abzuklären, ob diese Personen nicht geringere Schlafprobleme hatten als der Rest der Gruppe. Teilweise unterschieden sich die Ergebnisse aus der Schlaflaboruntersuchung deutlich von der subjektiven Einschätzung der Schlafqualität – die Ergebnisse dieser Studie sind nur bedingt vertrauenswürdig.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Fernandez-San-Martin u.a. (2010)
Studienart: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 18 randomisiert-kontrollierte Studien
Studiendauer: 4 – 56 Tage
Teilnehmer insgesamt: 1317 Patienten mit Schlafstörungen (zwischen 5 und 434 pro Studie)
Fragestellung: Baldrian-Präparate im Vergleich zu Placebo-Präparaten gegen Schlafstörungen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Fernández-San-Martín MI, Masa-Font R, Palacios-Soler L, Sancho-Gómez P, Calbó-Caldentey C, Flores-Mateo G. Effectiveness of Valerian on insomnia: a meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Sleep Med. 2010 Jun;11(6):505-11. (Zusammenfassung der Studie, kritische Bewertung)

[2] Ngan & Conduit (2011)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 41
Studiendauer: 2x 7 Tage (jede Person wurde sowohl einmal der Placebo-Behandlung als auch der Passionsblumen-Behandlung zugeteilt)
Fragestellung: Passionsblumen-Präparate im Vergleich zu Placebo-Präparaten gegen Schlafstörungen
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Ngan A, Conduit R. A double-blind, placebo-controlled investigation of the effects of Passiflora incarnata (passionflower) herbal tea on subjective sleep quality. Phytother Res. 2011 Aug;25(8):1153-9. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2013).
Schlafstörungen. Abgerufen am 4.11.2014 unter http://www.gesundheitsinformation.de/schlafstoerungen.2179.de.html

[4] Bonnet MH, Arand DL (2014).
Treatment of insomnia. In Eichler AF (ed.). UpToDate. Abgerufen am 4.11.2014 unter http://www.uptodate.com/contents/treatment-of-insomnia

[5] Miyasaka LS, Atallah ÁN, Soares B. (2006).
Valerian for anxiety disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 4. Art. No.: CD004515. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] Miyasaka LS, Atallah ÁN, Soares B. (2007).
Passiflora for anxiety disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 1. Art. No.: CD004518. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)