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Asthmarisiko durch Pollenbelastung für Ungeborenes?

Kind mit Asthma

Kind mit Asthma

Eine hohe Pollenbelastung am Ende der Schwangerschaft soll das Asthma-Risiko des Ungeborenen erhöhen, schreibt Österreich online. Die Beweislage ist jedoch unklar, auf eine eindeutige Gefährdung lässt sich nicht schließen.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Pollen für ungeborene Babys gefährlich (8. 1. 2013, oe24.at)
Pollenbelastung gegen Ende der Schwangerschaft gefährlich (8. 1. 2013, derStandard.at)
Pollenbelastete Mutter, asthmatische Kinder (8. 1. 2013, orf.at)
Frage:Erhöht sich das Risiko für das ungeborene Kind, später Asthma zu bekommen, wenn die Mutter in der Schwangerschaft hohen Pollenkonzentrationen ausgesetzt ist?
Antwort:Es ist nicht klar, ob ein Kind später ein erhöhtes Asthmarisiko hat, wenn seine Mutter während der Schwangerschaft Kontakt mit großen Mengen an Pollen hat. Bisherige Studien dazu sind rar und weisen z.T. methodische Schwächen auf. Zur eindeutigen Beantwortung dieser Frage wären nach strikten Kriterien durchgeführte Untersuchungen nötig.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Einer kürzlich erschienen Studie [1] zufolge haben Babys ein deutlich erhöhtes Asthma-Risiko, wenn ihre Mütter im letzten Schwangerschaftsdrittel einer hohen Pollenbelastung ausgesetzt waren. Dies berichten oe24.at, ORF Online und derStandard.at am 8. Jänner.

Studienergebnisse widersprüchlich

In dieser Kohortenstudie untersuchten die schwedischen Forscher rund um Adrian Lowe die aufgezeichneten Daten von 110 381 Neugeborenen über einen Zeitraum von neun Jahren. Darunter befanden sich 940, die innerhalb des ersten Lebensjahres wegen Asthma ins Spital gebracht worden waren [1]. Die Studienautoren stellten die Aufzeichnungen zu diesen Spitalsaufnahmen den Pollenkonzentrationen gegenüber, die vor der Geburt gemessen worden waren. Das Ergebnis: Jene Babys, deren letztes Schwangerschaftsdrittel in die Zeit mit der höchsten Pollenkonzentration gefallen war, mussten um ein Drittel häufiger mit Asthmasymptomen im Spital aufgenommen werden als andere Babys.

Der gefundene Zusammenhang mit der erhöhten Pollenbelastung schließt jedoch andere Ursachen für das erhöhte Asthmarisiko nicht aus. So räumen die Verfasser der Studie ein, dass unter anderem auch eine eventuelle Pollenallergie der Mütter als Ursache für die erhöhte Asthmaneigung der Kinder denkbar wäre. Ob die Mütter eine Pollenallergie hatten, war in der Studie nicht untersucht worden. Zudem ist bekannt, dass Kinder häufiger Asthma entwickeln, wenn ein oder beide Elternteile asthmatisch sind [4].

Eine ältere Studie unter der Leitung von Anne Kihlström [2], in der ein Jahr mit besonders hoher Pollenbelastung im Raum Stockholm (1993) mit dem darauffolgenden Pollen-armen Jahr verglichen wurde, konnte den Zusammenhang mit einem erhöhten Asthmarisiko nicht eindeutig nachweisen. Allerdings wurden in diese Studie lediglich Daten von 387 Kindern eingeschlossen. Es zeigten sich jedoch erhöhte allergische Hautreaktionen bei den betroffenen Kindern [2]. Darüber hinaus fand die Forschergruppe einen möglichen Zusammenhang zwischen mütterlicher Pollenallergie und kindlicher Allergiesymptomatik der Augen und der Nase [3].

Beide Studien waren in der schwedischen Hauptstadt durchgeführt wurden. Im Gegensatz zu Kihlströms Untersuchung [2] fand Adrian Lowe in seiner Studie [1] für das Pollen-reiche Jahr 1993 einen deutlichen Zusammenhang mit der späteren Asthmaentwicklung. Aufgrund der unterschiedlichen Fallzahl und Methodik ist eine direkte Vergleichbarkeit der beiden Studien allerdings nur bedingt möglich.

Wie schon Lowe und sein wissenschaftliches Team schlussfolgern, muss der mögliche Zusammenhang zwischen Pollenbelastung während der Schwangerschaft und Asthmarisiko in geeigneten Studien unter Berücksichtigung sämtlicher Einflussfaktoren überprüft werden.

Ursache von Asthma und Allergien unbekannt

Asthma ist häufig die Folge einer Allergie. Die chronische Atemwegserkrankung steht oft am Ende einer Allergiekarriere, an deren Beginn schon im Kleinkindalter allergische Hautreaktionen und später allergische Symptome wie Niesen und tränende Augen stehen. Typische Symptome bei einem Asthmaanfall sind Keuchen, Schweratmigkeit und ein Engegefühl in der Brust. Üblicherweise können solche Anfälle durch bestimmte „Trigger“ wie etwa bei Pollenallergikern durch Pollen ausgelöst werden [4].

Über die Ursache von Allergien und in weiterer Folge Asthma herrscht Unklarheit. Fest steht, dass die Häufigkeit der Asthmaerkrankungen in den westlichen Ländern über die letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen hat [5]. Mittlerweile sind sie bei Kindern die häufigste chronische Erkrankungsform, etwa jeder zehnte junge Mensch bis zum Alter von 18 Jahren leidet daran [4].

Auch wenn die Ursachen im Dunkeln liegen, sind zahlreiche Risikofaktoren bekannt, die das Auftreten des Atemwegsleidens begünstigen. Zu den bekanntesten zählen Rauchen in der Schwangerschaft, Übergewicht, vorangegangene Atemwegsinfektionen oder Atemwegsüberempfindlichkeit und bereits bestehende Allergien. Mädchen sind häufiger betroffen als Buben [6].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Lowe u.a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: 1988 – 1997
Studienteilnehmer: 940 von 110 381 Neugeborenen mit Spitalseinweisungen wegen Asthma
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen erhöhter Pollenkonzentration während der Schwangerschaft und einem größeren Asthmarisiko für das Kind während der ersten zwölf Lebensmonate?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Lowe AJ, Olsson D, Bråbäck L, Forsberg B. Pollen exposure in pregnancy and infancy and risk of asthma hospitalisation – a register based cohort study. Allergy Asthma Clin Immunol. 2012 Nov 7;8(1):17. (Studie im Volltext)

[2] Kihlström u.a. (2003)
Studientyp: Querschnittsstudie
Studiendauer: 1993 – 1994
Studienteilnehmer: 387 Kinder im Alter von 4,5 bis 5 Jahren und ihre Mütter
Fragestellung: Besteht ein Zusammenhang zwischen erhöhter Pollenkonzentration während der Schwangerschaft und einem größeren Allergierisiko für das Kind im Alter von 4,5 bis 5 Jahren?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Kihlström A, Lilja G, Pershagen G, Hedlin G. Exposure to high doses of birch pollen during pregnancy, and risk of sensitization and atopic disease in the child. Allergy. 2003 Sep;58(9):871-7. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Kihlström u.a. (2004)
Selbe Studie wie Kihlström 2003

Kihlström A, Lilja G, Pershagen G, Hedlin G. Maternal pollen allergy may be more important than birch pollen exposure during pregnancy for atopic airway disease in the child. Pediatr Allergy Immunol. 2004 Dec;15(6):497-505. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Sawicki G, Haver K (2012). Chronic asthma in children younger than 12 years: Definition, epidemiology, and pathophysiology. In TePas E (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 16. 1. 2013

[5] Platts-Mills TAE, Commins, SP (2012). Increasing prevalence of asthma and allergic rhinitis. In Tepas E (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 16. 1. 2013

[6] Litonjua AA, Weiss ST (2012). Risk factors for asthma. In Hollingsworth H (ed.). UpToDate. Abgerufen unter www.uptodate.com am 16. 1. 2013