Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Artischocke: Pizzabelag als Heilpflanze?

Artischocke: schmeckt gut. Aber heilt sie auch?

Artischocke: schmeckt gut. Aber heilt sie auch?

In Kapselform sollen Artischocken-Präparate gegen Verdauungsbeschwerden helfen. Ob das funktioniert, bleibt offen.

Frage:Hilft Artischocken-Präparat bei Magen-Darm-Problemen?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt einige Studien zum Thema. Bei diesen hapert es allerdings gehörig an der Qualität. Für die positiven Ergebnisse fehlen also handfeste Belege, da die Probandinnen und Probanden beispielsweise nicht verblindet oder mit Kontrollgruppen verglichen wurden. Auch die Rolle, die Pharmafirmen bei der Finanzierung und Durchführung der Studien spielten, lässt auf mögliche Verzerrungseffekte schließen.

Schon die alten Ägypter, Griechen und Römer schmissen sie in den Kochtopf: die Artischocke. Der Blütenboden – das sogenannte „Artischockenherz“ – und die fleischigen Blattansätze der Distel wurden schon damals als Delikatesse geschätzt. Die delikat bittere Note erhält das Gemüse durch den Bitterstoff Cynarin. Der Appetit auf diesen besonderen Geschmack ist heute weltweit groß. Artischocken werden längst nicht mehr nur im afrikanischen und europäischen Mittelmeerraum, sondern auch in Amerika und Asien angebaut [7] [8] [9].

Artischocken waren schon lange Heilpflanzen

Artischocken sind aber nicht nur beliebt auf Antipasti-Platten, Pizzaböden und Salattellern, sie haben auch eine lange Tradition als Heilpflanze. Seit vielen Jahrhunderten werden sie beispielsweise als Appetitanreger und als Verdauungshilfe eingesetzt. Heute gibt es neben Tees und Säften auch Kapseln und Dragees, in denen Substanzen aus Artischockenblättern stecken. Sie sollen insbesondere dem Magen-Darm-Trakt gut tun und bei Beschwerden wie Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit, Sodbrennen und krampfartigen Bauchschmerzen helfen [7] [8] [9] [10].

Wissenschaftliche Beweise fehlen

Was sagt die moderne Wissenschaft zu diesem traditionellen Erfahrungswissen? Können sich Leute mit Verdauungsstörungen – einer „Dyspepsie“ – und Reizdarm darauf verlassen, dass Extrakte aus Artischockenblättern ein gutes und günstiges Mittel aus der Natur sind?

Die wissenschaftliche Beweislage zu dieser Frage ist dürftig. Es gibt eine zwar eine Handvoll Studien, die sich mit der Wirksamkeit von Artischockenblatt-Extrakten bei Verdauungsstörungen und Reizungen im Magen-Darm-Trakt auseinandergesetzt haben. Die Qualität und methodische Mängel dieser Studien lassen aber keine verlässlichen Informationen zu. Seriöse Belege für die Wirksamkeit können die wissenschaftlichen Arbeiten nicht liefern. Sie sprechen allerdings auch nicht gegen positive Effekte.

Informationen zur Dosierung fehlen< Das bedeutet: Wir wissen nicht, ob Artischocken-Präparate eine sinnvolle Unterstützung bei Magen-Darm-Problemen darstellen. Schon gar nicht ist bekannt, über welchen Zeitraum und in welcher Dosierung die Mittel eingenommen werden sollten.Unklar ist, ob bestimmte Personengruppen eher profitieren oder welche Substanzen aus der Artischocke eventuell wirksam sind. Vielleicht begünstigen ja bestimmte Inhaltsstoffe das Wachstum von gesundheitsförderlichen Bakterien im Darm, wie die Autorinnen und Autoren einer kleinen Studie vermuten [6].

Positiv ist trotz all der vorhandenen Unsicherheit, dass Artischocken-Extrakte bei einer kurzfristigen und maßvollen Einnahme wohl eher keine gravierenden Nebenwirkungen auslösen [10].

 

Die Studien im Detail

Es gibt einige wenige Studien zum Thema, viele von ihnen haben Pilotcharakter. Die veröffentlichten und von uns analysierten Untersuchungen berichteten alle von Verbesserungen: So hätte sich zum Beispiel die Lebensqualität verbessert oder die Beschwerden seien milder und würden seltener auftreten.

Studienergebnisse leider nicht belastbar

Derartige Befunde mögen für Menschen mit Verdauungsbeschwerden oder Reizdarmsyndrom recht vielversprechend klingen, allerdings sind die erwähnten Studien nicht aussagekräftig. Denn bei ihrer Durchführung wurde auf wesentliche Qualitätskriterien verzichtet:

  • Die teilnehmenden Personen wurden nicht randomisiert, also per Zufall auf Gruppen mit verschiedenen Behandlungen verteilt [4][5].
  • Die Studien waren nicht verblindet. Das bedeutet, dass die Studienteilnehmer und –teilnehmerinnen und die verabreichenden Personen über die eingenommene bzw. verabreichte Substanz Bescheid wussten. Dies kann zu Verzerrungseffekten führen [1] [3].
  • Die Nebenwirkungen wurden nicht (genau) dokumentiert [1].
  • Die Studien wurden finanziell und durch das Bereitstellen des Artischockenextrakts seitens der Herstellerfirmen gefördert. Zudem waren Angestellte der Pharmafirmen an der Studienerstellung beteiligt. Das kann Befangenheit fördern [3] [5].

Möglicher Interessenkonflikt mindert Aussagekraft

Auch eine 2003 veröffentlichte Studie zu Verdauungsstörungen aus Deutschland hat einige Stärken und diverse Schwächen: Positiv hervorzuheben ist, dass die Studie durch Randomisierung (also zufällige Gruppenzuteilung), doppelte Verblindung und Kontrollgruppe ein gewisses Maß an Vertrauenswürdigkeit aufweist [2].

247 Personen mit Verdauungsstörungen bekamen sechs Wochen lang entweder Kapseln mit Artischocken-Extrakt oder Placebo-Kapseln. Jede Woche berichteten die Probandinnen und Probanden über ihre Beschwerden und Lebensqualität. Während sich Völlegefühl, Blähungen, Sättigungsgefühl und auch die Lebensqualität verbesserten, blieben andere Symptome gleich: Bauchschmerzen, Erbrechen, Übelkeit.

Hier war zudem eine Pharmafirma die Auftraggeberin, was zu Interessenkonflikten geführt haben könnte.

[Dieser Text wurde am 22. September 2015 erstmals online gestellt. Eine neuerliche Literatursuche ergab keine neuen Erkenntnisse.]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bundy u.a. (2004)
Studienart: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 208 Personen mit Reizdarmsyndrom
Studiendauer: 2 Monate
Fragestellung: Verbessert Artischockenblatt-Extrakt bei Reizdarm die Symptome und die Lebensqualtität?
Mögliche Interessenskonflikte: Eine Pharmafirma steuerte den Extrakt bei und gab finanzielle Unterstützung.

Bundy R, Walker AF, Middleton RW, Marakis G, Booth JC. Artichoke leaf extract reduces symptoms of irritable bowel syndrome and improves quality of life in otherwise healthy volunteers suffering from concomitant dyspepsia: a subset analysis. J Altern Complement Med. 2004 Aug;10(4):667-9. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Holtmann u.a. (2003)
Studienart: randomisierte, Placebo-kontrollierte, doppeltblinde Studie
Teilnehmer: 247 Personen mit Verdauungsstörungen
Studiendauer: 6 Wochen
Fragestellung: Wirkt Artischockenblatt-Extrakt hilfreich bei Verdauungsstörungen?
Mögliche Interessenkonflikte: Studienfinanzierung durch Pharmafirma

Holtmann G, Adam B, Haag S, Collet W, Grünewald E, Windeck T. Efficacy of artichoke leaf extract in the treatment of patients with functional dyspepsia: a six-week placebo-controlled, double-blind, multicentre trial. Aliment Pharmacol Ther. 2003 Dec;18(11-12):1099-105. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Marakis u.a. (2002)
Studienart: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 516 Personen mit Verdauungsstörungen
Studiendauer: 2 Monate
Fragestellung: Reduziert Artischockenblatt-Extrakt Verdauungsstörungen?
Mögliche Interessenkonflikte: Die Studie wurde von einer Pharmafirma finanziell unterstützt Studie; Studienautoren stammen von der Pharmafirma

Marakis G, Walker AF, Middleton RW, Booth JC, Wright J, Pike DJ. Artichoke leaf extract reduces mild dyspepsia in an open study. Phytomedicine. 2002 Dec;9(8):694-9. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Meier & Brignoli (2005)
Studienart: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 169 Personen mit Verdauungsbeschwerden
Studiendauer: 6 Wochen
Fragestellung: Wirkt Artischockenblätter-Extrakt hilfreich bei Verdauungsstörungen?
Mögliche Interessenkonflikte: Studie entstand im Auftrag einer Pharmafirma

Meier R, Brignoli R. Artischockenblätterextrakt bei Funktioneller Dyspepsie. Schweiz. Zschr. GanzsheitsMedizin 17, 216-221 (2005). (Studie in voller Länge)

[5] Walker u.a. (2001)
Studienart: nicht-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 279 Personen mit Reizdarmsyndrom
Studiendauer: 6 Wochen
Fragestellung: Hilft Artischockenblatt-Extrakt bei Reizdarmsydndrom?
Mögliche Interessenkonflikte: Die Autoren sind auch Mitarbeiter einer Pharmafirma.

Walker AF, Middleton RW, Petrowicz O. Artichoke leaf extract reduces symptoms of irritable bowel syndrome in a post-marketing surveillance study. Phytother Res. 2001 Feb;15(1):58-61. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[6] Costabile u.a. (2010)
Costabile A, Kolida S, Klinder A, Gietl E, Bäuerlein M, Frohberg C, Landschütze V, Gibson GR. A double-blind, placebo-controlled, cross-over study to establish the bifidogenic effect of a very-long-chain inulin extracted from globe artichoke (Cynara scolymus) in healthy human subjects. Br J Nutr. 2010 Oct;104(7):1007-17. (Zusammenfassung der Studie)

[7] Joy & Haber (2007)
Joy JF, Haber SL. Clinical uses of artichoke leaf extract. Am J Health Syst Pharm. 2007 Sep 15;64(18):1904, 1906-9. (Zusammenfassung) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17823099

[8] Salem u.a. (2015)
Salem MB, Affes H, Ksouda K, Dhouibi R, Sahnoun Z, Hammami S, Zeghal KM. Pharmacological Studies of Artichoke Leaf Extract and Their Health Benefits.Plant Foods Hum Nutr. 2015 Aug 27. (Zusammenfassung)

[9] Wegener & Fintelmann (1999)
Wegener T, Fintelmann V. Pharmacological properties and therapeutic profile of artichoke (Cynara scolymus L.). Wien Med Wochenschr. 1999;149(8-10):241-7. (Zusammenfassung)

[10] Wider u.a. (2013)
Wider B, Pittler MH, Thompson-Coon J, Ernst E. Artichoke leaf extract for treating hypercholesterolaemia. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Mar 28;3:CD003335. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)