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Apigenin: gegen Krebs wirkungslos und möglicherweise riskant

Kamille enthält Apigenin

Kamille enthält Apigenin

Eine Antikrebs-Hoffnung soll der Pflanzeninhaltsstoff Apigenin sein, so die Vorarlberger Nachrichten. Als Nahrungsergänzungsmittel soll er Krebs vorbeugen und dessen Behandlung unterstützen. Bisherige Studienergebnisse deuten jedoch auf das Gegenteil hin.

 
 

 

Zeitungsartikel: Eine Hoffnung mit viel Potenzial (4.1.2014, VorarlbergerNachrichten.at)
Frage: Kann Apigenin das Krebsrisiko verringern oder das Fortschreiten von Krebs verhindern?
Antwort: Apigenin wirkt im Reagenzglas gegen Krebszellen. Studien deuten jedoch darauf hin, dass auch hohe Apigeninmengen in der Nahrung nicht vor Krebs schützen. In einzelnen Fällen besteht der Verdacht, dass Apigenin in hohen Mengen die Wirkung einer Chemotherapie abschwächen oder sogar das Krebswachstum beschleunigen könnte.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagegegen die Wirksamkeit

Die Bildung von Metastasen ist die größte Herausforderung bei der Krebsbehandlung und die häufigste krebsbedingte Todesursache. Die Bildung von Metastasen ist die Ausbreitung des ursprünglichen Krebsgeschwürs auf andere Organe. Die entstehenden Tochtergeschwüre erschweren die Krebsbehandlung.

Der Pflanzenfarbstoff Apigenin soll die Bildung solcher Metastasen erschweren oder verhindern können, so die Vorarlberger Nachrichten. Eine regelmäßige Einnahme der Substanz als Nahrungsergänzung soll Krebs vorbeugen können, bewirbt ein Hersteller sein Präparat. Zu finden ist Apigenin natürlicherweise in Früchten, Gemüsesorten, Kräutern und Gewürzen. Besonders häufig kommt es in Thymian, Kirschen, Tee, Oliven, Brokkoli, Sellerie, Petersilie und Kamillenblüten vor [2].

Im Labor ist Apigenin top

Sehr viele Studien untersuchen die genaue biochemische Wirkung von Apigenin auf isolierte Krebszellen. Das sind Krebszellen, die zwar aus menschlichem Tumorgewebe stammen, aber im Labor außerhalb des Körpers untersucht werden. Die Studien lieferten folgende Erkenntnisse: Apigenin unterbindet im Reagenzglas das Wachstum der Krebszellen und bringt sie zum Absterben [4]. Außerdem beeinflusst Apigenin die Beweglichkeit der Zellen, was bei der Metastasenbildung eine Rolle spielt [4].

Andererseits fand eine Laborstudie [5], dass Apigenin die Wirkung von Chemotherapiebehandlungen möglicherweise hemmen könnte. In der Studie untersuchten die Autoren die Wirkung von Apigenin auf verschiedene Leukämiezellen. Ein bei Leukämie häufig eingesetztes Medikament ist Vincristin. Dieses führt dazu, dass Krebszellen absterben. Unter Behandlung mit Apigenin wurden die Krebszellen jedoch resistent gegenüber diesem Medikament, sie starben nicht ab.

Apigenin ohne Einfluss auf Krebsrisiko

Was im Kleinen gilt, könnte auch im Großen gelten. Leider ist das oftmals nicht der Fall, da der Körper viel komplexer ist als die Bedingungen im Reagenzglas. Zwei Beobachtungsstudien untersuchten den Zusammenhang von mit der Nahrung aufgenommenem Apigenin und dem Krebsrisiko. In einer der beiden Studien [6] wurden Frauen mit und ohne Eierstockkrebs untersucht. Dabei zeigte sich, dass Frauen ohne Eierstockkrebs nicht häufiger Apigenin-hältige Nahrungsmittel gegessen hatten als Frauen, die an Krebs erkrankt waren.

In der zweiten Studie befragte eine Forschergruppe knapp 40.000 Frauen, wie häufig sie unter anderem bestimmte Apigenin-hältige Nahrungsmittel zu sich nahmen. Danach beobachteten die Forscher die Frauen über einen Zeitraum von über elf Jahren. Dabei zeigte sich: diejenigen Teilnehmerinnen, die mit der Nahrung am meisten Apigenin zu sich genommen hatten, bekamen dennoch nicht seltener Krebs als andere Frauen in der Studie.

Zu beachten ist aber, dass es in den Studien bisher immer nur um die Aufnahme von Apigenin aus der Nahrung ging. Wie sich hochkonzentriertes und reines Apigenin auf die Krebsentwicklung beim Menschen im Unterschied zum Reagenzglas auswirkt, wurde bisher noch nicht ausreichend untersucht. Eine deutsche Forschergruppe führte zwar eine kleine klinische Studie zur Behandlung von Darmkrebspatienten mit einem Apigenin-hältigen Präparat durch. Die Ergebnisse sind aufgrund schwerer Mängel in der Studiendurchführung jedoch nicht vertrauenswürdig [7].

Wirkungslos und möglicherweise riskant

Abgesehen von den Laborentdeckungen zeigen bisherige Beobachtungsstudien, dass der potentielle Schutzeffekt von Apigenin nicht in der Lage ist, das Krebsrisiko bei normaler Ernährung deutlich zu senken [8]. Die zusätzliche Verabreichung von Apigenin als Nahrungsergänzungsmittel wurde jedoch bisher wissenschaftlich nicht zufriedenstellend untersucht.

Laborexperimente stärken zudem den Verdacht, dass Apigenin die Wirkung von manchen Chemotherapien möglicherweise abschwächen könnte [5]. Bei bestimmten hormonabhängigen Tumoren (z.B. Brustkrebs) könnte die Substanz das Krebswachstum sogar beschleunigen [9]. Die Einnahme von Apigenin-Präparaten zur Vorbeugung oder Behandlung von Krebs sollte daher nicht leichtfertig erfolgen. Dazu muss die Wirkung und mögliche Risiken der Substanz in streng wissenschaftlich durchgeführten klinischen Studien erst besser untersucht werden.

(Autoren: K. Regnat, B. Kerschner, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Weng und Yen (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 237
Fragestellung: Auswirkungen von Flavonoiden auf die metastatische Kaskade.
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Weng CJ, Yen GC. Flavonoids, a ubiquitous dietary phenolic subclass, exert extensive in vitro anti-invasive and in vivo anti-metastatic activities. Cancer Metastasis Rev. 2012 Jun;31(1-2):323-51. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Lefort und Blay (2012)
Studientyp: nicht-systematische Übersichtsarbeit
Fragestellung: Auswirkungen einer Apigenin-Diät auf die Tumor- und Krebsentwicklung im Gastrointestinal Trakt und den umliegenden Organen.
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Lefort ÉC, Blay J. Apigenin and its impact on gastrointestinal cancers. Mol Nutr Food Res. 2013 Jan;57(1):126-44. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Wang u.a. (2009)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Studienteilnehmer: 3234 betroffene Frauen über 45 Jahre aus der „Women’s Health“ Studie
Follow-up-Zeit: 11,5 Jahre
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Krebsrisiko und der Einnahme von fünf verschiedenen Flavonoiden der Flavonol und Flavon Unterklasse bei Frauen ab 45 Jahren.
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Wang L, Lee IM, Zhang SM, Blumberg JB, Buring JE, Sesso HD. Dietary intake of selected flavonols, flavones, and flavonoid-rich foods and risk of cancer in middle-aged and older women. Am J Clin Nutr. 2009 Mar;89(3):905-12. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Czyz (2005)
Studientyp: Laborstudie
Fragestellung: Aufklärung der krebspräventiven Eigenschaften von Apigenin in humanen Krebszellen
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angabe

Czyz J, Madeja Z, Irmer U, Korohoda W, Hülser DF. Flavonoid apigenin inhibits motility and invasiveness of carcinoma cells in vitro. Int J Cancer. 2005 Mar 10;114(1):12-8. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Ruela-de-Sousa (2010)
Studientyp: Laborstudie
Fragestellung: Wirkung von Apigenin auf verschiedene Leukämie Zelllinien
Mögliche Interessenkonflikte: Studie wurde finanziell von der FAPESP (Sao Paulo research foundation) unterstützt.

Ruela-de-Sousa RR, Fuhler GM, Blom N, Ferreira CV, Aoyama H, Peppelenbosch MP. Cytotoxicity of apigenin on leukemia cell lines: implications for prevention and therapy. Cell Death Dis. 2010;1:e19.
(Studie in voller Länge)

[6] Gates u.a. (2009)
Studientyp: Fall-Kontrollstudie
Studienteilnehmer: 2475 Teilnehmer (1231 mit Eierstockkrebs, 1244 Kontrollen)
Studiendauer: Phase 1 (1992 – 1997) Phase 2 (1998 – 2003)
Fragestellung: Zusammenhang zwischen Eierstockkrebs und der Einnahme von fünf verschiedenen Flavonoiden der Flavonol und Flavon Unterklasse.
Mögliche Interessenkonflikte: keine Angaben

Gates MA, Vitonis AF, Tworoger SS, Rosner B, Titus-Ernstoff L, Hankinson SE,
Cramer DW. Flavonoid intake and ovarian cancer risk in a population-based
case-control study. Int J Cancer. 2009 Apr 15;124(8):1918-25. (Studie in voller Länge)

[7] Hoensch u.a. (2008)
Studientyp: kontrollierte Studie (nicht randomisiert)
Studienteilnehmer: 87 (36 nach Colon-Krebs-Resektion, 51 nach Polypectomie)
Studiendauer: 3-4 Jahre
Fragestellung: Bewirkt eine Behandlung mit Flavonoiden (Apigenin und Epigallocatechin-Gallat) eine Senkung des Rückfallrisikos?
Mögliche Interessenkonflikte: keine

Hoensch H, Groh B, Edler L, Kirch W. Prospective cohort comparison of flavonoid treatment in patients with resected colorectal cancer to prevent recurrence. World J Gastroenterol. 2008 Apr 14;14(14):2187-93. (Studie in voller Länge)

Andere wissenschaftliche Quellen

[8] Jutta Hübner (2012) Komplementäre Onkologie – supportive Maßnahmen und evidenzbasierte Empfehlungen. 2. Auflage, Schattauer Verlag – 2012

[9] Seo HS, DeNardo DG, Jacquot Y, Laïos I, Vidal DS, Zambrana CR, Leclercq G, Brown PH. Stimulatory effect of genistein and apigenin on the growth of breast cancer cells correlates with their ability to activate ER alpha. Breast Cancer Res Treat. 2006 Sep;99(2):121-34. (Zusammenfassung der Studie)