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Anti-Kater-Pille: nur ernüchternder Marketing-Gag

Der Morgen danach

Der Morgen danach

2 Kapseln vor der Party und das Grauen am nächsten Morgen bleibt erspart – so einfach ist das (Nacht)leben laut NÖN und Kurier. Fakt ist, die Wirksamkeit des Inhaltsstoffes der beschriebenen Anti-Kater-Pille „K.U.R.T.“ ist weder wahrscheinlich noch wissenschaftlich überprüft.
 
 

 

Zeitungsartikel: Mit Tullner Patentrezept gegen „Faschingskater“ (15. 2. 2012, NÖN),
Kapseln gegen Kater-Symptome (20. 2. 2012, Kurier)
Frage:Kann die Einnahme des Enzyms Diamino-Oxidase Alkohol-bedingten Katersymptomen vorbeugen?
Antwort:Eine solche Wirkung ist weder wahrscheinlich, noch existieren klinische Studien zu dieser Fragestellung.
Beweislage:
Ungenügende wissenschaftliche Beweislage

Glaubt man den Berichten in NÖN und Kurier über die angebliche Anti-Kater-Pille „K.U.R.T.“, handelt es sich bei dem Produkt des Biotech-Unternehmens Sciotec um eine langersehnte Sensation. Zwei der Kapseln mit dem Wirkstoff Diamino-Oxidase (DAO) – vor dem Alkoholkonsum eingenommen – sollen Katersymptome am nächsten Morgen gar nicht erst aufkommen lassen oder zumindest teilweise verhindern – erfährt man etwas ernüchtert am Ende des Kurier-Artikels durch einen Universitätsprofessor.

Ursachen für Kater nur teilweise bekannt

Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und schlechte Stimmung – die Symptome, die am Morgen nach einer lustigen Partynacht grüßen, kennen die meisten Menschen. Doch was genau die Ursachen für diese unerwünschten Nebenwirkungen des Alkoholkonsums sind, darüber sind sich Wissenschaftler bislang nicht einig [3, 4].

Einer der Verdächtigen heißt Acetaldehyd und ist ein Zwischenprodukt, das beim Abbau von Alkohol durch die Leber entsteht. Da Acetaldehyd giftig ist, wird es nach und nach vom Körper in einen ungiftigen Stoff umgewandelt und schließlich ausgeschieden. Wird Acetaldehyd allerdings am Abbau gehindert, treten innerhalb kurzer Zeit nach Genuss eines alkoholischen Getränks Symptome wie Übelkeit, ein gerötetes Gesicht, schneller Herzschlag und Schwitzen auf. Ein spezielles Medikament, das die Entgiftung von Acetaldehyd hemmt, macht sich diesen Effekt bei der Entwöhnung von Alkoholikern gezielt zunutze.

Neben Acetaldehyd werden auch andere Ursachen für die unliebsamen Symptome vermutet. Einerseits wurden nach Alkoholgenuss erhöhte Werte entzündungsfördernder Botenstoffe gefunden, die bei Übelkeitssymptomen eine Rolle spielen könnten. Andererseits ist bekannt, dass Alkohol entwässernd wirkt – Flüssigkeitsmangel könnte daher für die Kater-Erscheinungen mitverantwortlich sein.

Viele alkoholische Getränke, wie manche Spirituosen oder Rotwein, enthalten zudem einen hohen Anteil an Zusatzstoffen (Methanol, Histamin oder weitere), durch die Katersymptome verstärkt werden könnten.

DAO-Kapseln: helfen eventuell bei Histamin-Unverträglichkeit…

Der in den Anti-Kater-Kapseln enthaltene Wirkstoff DAO (Diamino-Oxidase) kommt auch natürlicherweise im Körper vor. Es handelt sich um einen körpereigenen Katalysator – ein sogenanntes Enzym – das den Abbau von überschüssigem Histamin bewirkt, welches etwa mit der Nahrung aufgenommen wurde.

Histamin ist eine entzündungsfördernde Substanz, die auch im Körper selbst produziert wird und im Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Im Falle einer Allergie – einer Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Stoffe – ist es das von Immunzellen freigesetzte Histamin, welches die verschiedenen Allergiesymptome auslöst.

Auch in vielen fermentierten Nahrungsmitteln wie gereiftem Käse, Sauerkraut, aber auch alkoholischen Getränken wie Rotwein ist Histamin als Nebenprodukt von Mikroorganismen enthalten. Die darin enthaltenen Histaminmengen sind allerdings meist zu gering, um sich bemerkbar zu machen – anders als etwa bei verdorbenem Fisch, dessen hoher Histaminanteil die Hauptursache für eine Fischvergiftung ist.

Manche Menschen reagieren allerdings bereits auf geringe Mengen an Histamin in Lebensmitteln. Nach dem Genuss von Rotwein oder reifem Käse können bei ihnen Symptome wie Durchfall, Kopfweh, Absinken des Blutdrucks oder Juckreiz auftreten. Man vermutet, dass der Grund für diese Histamin-Unverträglichkeit eine zu geringe Aktivität von körpereigener DAO ist [1, 5].

DAO-Enzym in Kapselform – vor dem Essen eingenommen – soll diese Auswirkungen beseitigen und es Menschen mit Histamin-Unverträglichkeit ermöglichen, auch Histamin-hältige Lebensmittel wie Rotwein oder Käse zu genießen. Die wissenschaftliche Beweislage für diese Wirksamkeit ist allerdings gering – lediglich eine kleine Untersuchung an 39 Teilnehmern hat die behauptete Wirkung in einer klinischen Studie überprüft [1].

Das Ergebnis dieser randomisiert-kontrollierten Studie deutet zwar prinzipiell darauf hin, dass die Einnahme von DAO-Kapseln vor der Mahlzeit die Symptome reduzieren könnte, die erwünschte Wirkung tritt allerdings nicht bei allen Betroffenen im gleichen Ausmaß ein.

…aber wahrscheinlich nicht gegen Kater-Symptome

Klinische Studien oder sonstige Hinweise, dass Kapseln mit DAO-Enzym auch einen Alkohol-Kater vorbeugen könnten, existieren allerdings keine. Die Behauptung der Herstellerfirma, ihr DAO-hältiges Produkt könne die unangenehmen Folgeerscheinungen von übermäßigem Alkohlkonsum reduzieren oder gar verhindern, ist daher wissenschaftlich nicht belegbar.

Zudem ist eine solche Wirkung auch unwahrscheinlich. Zwar ist es so, dass das giftige Alkohol-Abbauprodukt Acetaldehyd den gleichzeitigen Abbau von Histamin hemmen kann [6]. Histamin, das mit der Nahrung oder alkoholischen Getränken wie Rotwein oder Champagner aufgenommen wird, gelangt über die Darmschleimhaut auch in den restlichen Körper. Das Enzym DAO kann aber nur im Darm wirken und höchstens dort Histamin aus der Nahrung abbauen. Werden keine histaminhaltigen Getränke (alkoholisch oder nicht) oder Nahrungsmittel verzehrt, gibt es auch für das Enzym aus der „K.U.R.T.“-Kapsel nichts zu tun.

Was hilft wirklich?

Was nun wirklich gegen die unliebsamen Katersymptome hilft, liegt auf der Hand: Weniger trinken. Da allerdings auch Wissenschaftler ein gewisses Interesse an einer Lösung dieses Problems zu haben scheinen, erschien vor einigen Jahren eine systematische Übersichtsarbeit, in der alle bisherigen Studien zusammengefasst wurden [2]. Doch das Ergebnis ist ernüchternd – einen eindeutigen Hinweis auf die Wirksamkeit eines der 8 untersuchten Mittel scheint es nicht zu geben. Immerhin räumen die Autoren aber ein, dass ein Extrakt aus Borretsch, das Schmerzmittel Tolfenaminsäure sowie ein Hefeauszug möglicherweise helfen könnten – gesichert sind diese Ergebnisse aber nicht.

Auch wenn das Schlucken der Kapseln wenig vielversprechend scheint – zum gelungenen Marketing ist dem österreichischen Biotec-Unternehmen Sciotec jedenfalls zu gratulieren.

Update, 31.3.2014: aktuell, keine neuen Studienergebnisse.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Komericki u.a. (2011)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 39 Patienten mit Histaminunverträglichkeit
Dauer: 3x 24 Stunden
Fragestellung: Kann eine standardisierte Menge Histamin in der Nahrung reproduzierbare Symptome auslösen und sind diese durch die Einnahme von Diamino-Oxidase-Kapseln unterdrückbar?

Titel: „Histamine intolerance: lack of reproducibility of single symptoms by oral provocation with histamine: a randomised, double-blind, placebo-controlled cross-over study”. Wien Klin Wochenschr. 2011 Jan;123(1-2):15-20. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Pittler u.a. (2005)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 8 randomisiert-kontrollierte Studien (insg. 340 Teilnehmer)
Vergleich: Wirksamkeit verschiedener Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente zur Vorbeugung von Alkohl-bedingten Kater-Symptomen im Vergleich mit Placebo

Titel: “ Interventions for preventing or treating alcohol hangover: systematic review of randomised controlled trials.” BMJ. 2005 Dec 24;331(7531):1515-8. (Studie im Volltext)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Verster JC (2008) The alcohol hangover–a puzzling phenomenon. Alcohol Alcohol. 2008 Mar-Apr;43(2):124-6. Review (Arbeit im Volltext)

[4] Prat G, Adan A, Sánchez-Turet M. (2009) Alcohol hangover: a critical review of explanatory factors. Hum Psychopharmacol. 2009 Jun;24(4):259-67. Review. (Zusammenfassung der Arbeit)

[5] Maintz L, Novak N. (2007) Histamine and histamine intolerance. Am J Clin Nutr. 2007
May;85(5):1185-96. (Arbeit im Volltext)

[6] Zimatkin SM, Anichtchik OV. (1999) Alcohol-histamine interactions. Alcohol Alcohol.
1999 Mar-Apr;34(2):141-7. Review. (Arbeit im Volltext)