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Anti-Allergie-Luftionen: mehr als nur heiße Luft?

Luftionen entstehen bei Gewittern

Luftionen entstehen bei Gewittern

Aktualisiert: Elektrisch geladene Luftmoleküle – durch einen Spezialwandanstrich hervorgerufen – wirken dem Wiener Bezirksblatt zufolge hervorragend gegen Allergien und allergisches Asthma. Dies sei durch „Studien“ nachgewiesen. Studien dazu gibt es zwar, Nachweise für eine solche Wirkung sind in ihnen aber keine zu finden. (ursprünglich veröffentlicht am 23.4.2012)


 
 

Zeitungsartikel: Studie: Luftionen gut für Immunsystem (14. 3. 2012, Wiener Bezirksblatt)
Frage:Bewirken Luftionen eine Besserung von Asthma?
Antwort:unklar
Frage:Bewirken Luftionen eine Besserung von Allergien?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Ob ionisierte Luft allergische Symptome reduzieren kann, ist unklar, da keine Studien zu dieser Fragestellung existieren. Gegen Asthma im Allgemeinen scheinen Luftionisationsgeräte nicht wirksam zu sein.

Aktualisierte Version vom 28.4.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung.

Einfach die eigenen vier Wände mit einer Spezialwandfarbe streichen und so allergische Reaktionen auf Luftpartikel oder Pollen verringern – so unkompliziert könnten sich Allergiker Abhilfe verschaffen, so das Wiener Bezirksblatt. Möglich sei dies, weil der Spezialwandanstrich angeblich Luftionen erzeuge, die neben einer antiallergischen Wirkung auch eine allgemein positive Wirkung auf das Immunsystem hätten.

Was sind Luftionen?

Prinzipiell versteht ein Physiker unter Ionen elektrisch geladene Atome oder Moleküle. Die Luft, die wir atmen, besteht zum allergrößten Teil aus zwei Bestandteilen: den Gasen Sauerstoff und Stickstoff. Luftionen sind also so etwas wie elektrostatisch aufgeladene Sauerstoff- oder Stickstoffatome.

Solche geladenen Gasatome bilden sich beispielsweise während eines Gewitters, sie kommen aber praktisch überall in der freien Natur vor – ein kleiner Anteil an Sauerstoff- und Stickstoffteilchen befindet sich also praktisch immer in geladenem Zustand. Findige Hersteller bieten auch spezielle Geräte an, die mit Hilfe von Hochspannung gezielt Luftionen erzeugen und in Innenräume abgeben. Die erzeugten Luftionen sollen durch ihre Eigenschaft, kleinste Staubteilchen zu binden, helfen, die Konzentration Allergie-auslösender Partikel aus der Luft zu verringern.

Wie nun ein Wandanstrich die Menge an ionisierten Luftteilchen erhöhen kann, möchte der im Wiener Bezirksblatt erwähnte Hersteller nicht näher ausführen. Hochspannung ist – wie bei Geräten zur Ionisierung – jedenfalls keine im Spiel.

Kaum Studien zu anti-allergischer Wirkung

Zur behaupteten anti-allergischen Wirkung von Luftionen wurden bisher keine klinischen Untersuchungen durchgeführt. Lediglich die Auswirkung von Luft-Ionisierungs-Geräten auf Patienten mit chronischem Asthma – welches auch durch Allergien bedingt sein kann – wurde bisher in kleinem Umfang erforscht. Eine systematische Übersichtsarbeit [1] fasst die Ergebnisse von 6 kleinen, bisher veröffentlichten Studien zusammen. Im Vergleich zu Asthmapatienten, die einer Scheinbehandlung ausgesetzt waren, ergab die tatsächliche Therapie mit Luft-Ionisierungsgeräten keinerlei Besserung der Asthmasymptome oder der Lungenfunktion.

Studien, die wie im Wiener Bezirksblatt erwähnt, eine anderweitig positive Wirkung auf das menschliche Immunsystem untersuchten, existieren bislang keine. Auch eine im Auftrag des Herstellers des angeblich Luftionen-erzeugenden Wandanstrichs durchgeführte Untersuchung [2] gibt darüber keinen Aufschluss. In dieser unveröffentlichten Auftragsarbeit verwiesen die Verfasser auf die angebliche positive Beeinflussung des Wandanstrichs auf die geistige Leistungsfähigkeit sowie das allgemeine Wohlbefinden von gesunden Personen im Vergleich zu anderen Studienteilnehmern, die sich in einem Raum mit gewöhnlicher Wandfarbe aufgehalten hatten. Änderungen der Lungen- und Herzfunktion wurden keine festgestellt.

Nachvollziehen lassen sich diese behaupteten Ergebnisse allerdings nicht – denn konkrete Angaben zu wissenschaftlichen Daten finden sich in der Arbeit keine wieder. Zu der angeblichen Allergie-mindernden Wirkung des Wandanstrichs macht auch diese Auftrags-Untersuchung keine Angaben.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: M. Strobelberger, K. Thaler, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Blackhall u.a. (2012)
[aktualisiert 28.4.2014 – keine neuen Studien eingeschlossen, keine Änderung]
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration
Eingeschlossene Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studientyp
Teilnehmer: insgesamt 106 Patienten mit chronischem Asthma
Fragestellung: Auswirkung von Luftionisierung auf chronisches Asthma

Titel: „Blackhall K, Appleton S, Cates CJ. Ionisers for chronic asthma. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9. Art. No.: CD002986. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Hutter u.a. (2011)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 20 gesunde ProbandInnen (20 – 55 Jahre)
Dauer: 2 Stunden
Vergleich: Auswirkung eines „Luft-ionisierenden Wandanstrichs“ auf die Tagesverfassung, geistige Leistungsfähigkeit, Lungenfunktion und Herzparameter
Finanzierung: Baumit Beteiligungen GmbH

Titel: „Luftionen in Innenräumen: Einfluss auf Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.“ Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien. (Zusammenfassung der Studie im Volltext)