Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

Allergieauslöser Vitamin D?

Sonnenlicht erzeugt Vitamin D in der Haut

Sonnenlicht erzeugt Vitmain D in der Haut

Die Einnahme von Vitamin D – Präparaten in der Schwangerschaft soll das Risiko für Nahrungsmittelallergien erhöhen, schreibt DerStandard.at. Doch Studienergebnisse dazu sind widersprüchlich.
 
 
 
 

 
 

Zeitungsartikel: Schwangerschaft: Zu viel Vitamin D kann Nahrungsmittelallergien auslösen (27.2.2013, DerStandard.at)
Frage:Erhöht die Einnahme von Vitamin D – Präparaten während der Schwangerschaft das Nahrungsmittelallergie-Risiko für das Ungeborene?
Antwort:Ob Vitamin D – Präparate das Risiko für Nahrungsmittelallergien beim Ungeborenen erhöhen können, ist unklar, da Studien dazu widersprüchliche Ergebnisse liefern.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

Vitamin D ist für gesunde Knochen unerlässlich, auch Muskeln und das Immunsystem benötigen es, um einwandfrei zu funktionieren [6]. Vitamin D ist das einzige Vitamin, das der Körper selbst herstellen kann, das allerdings nur mithilfe von Sonnenlicht. Trifft etwa in den trüben Wintermonaten zu wenig UV-Strahlung auf die Haut, kann ein Mangel entstehen. Um Rachitis – einer Knochenerweichung bei Kindern – vorzubeugen, empfehlen mehrere wissenschaftliche Gesellschaften, Säuglingen und Kindern in sonnenärmeren Breiten Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel zu verabreichen [7].

Der Online-Ausgabe des Standard zufolge soll die Einnahme von Vitamin D – Präparaten in der Schwangerschaft jedoch auch negative Auswirkungen haben. Zuviel des Vitamins könne beim Kind Nahrungsmittelallergien auslösen.

Widersprüchlicher Zusammenhang

DerStandard.at stützt seinen Bericht auf die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Kohortenstudie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig [1]. Demnach hatten die Kinder von 272 Müttern eine höhere Wahrscheinlichkeit, im zweiten Lebensjahr eine Lebensmittelallergie zu entwickeln, wenn die Mutter während der Schwangerschaft einen hohen Vitamin D – Blutspiegel gehabt hatte.

Zwei frühere Kohortenstudien an 649 Kindern [2] beziehungsweise 231 Kindern [3] konnten allerdings keinen solchen Zusammenhang feststellen. Weder sehr niedrige noch sehr hohe Mengen an Vitamin D im Blut der Mutter oder der Nabelschnur bei der Geburt deuteten auf Nahrungsmittelallergien in den ersten beiden Lebensjahren hin. Eine Kohortenstudie an 931 Kindern [4] ergab sogar ein verringertes Risiko für solche Allergien bis zum fünften Lebensjahr, wenn die werdenden Mütter in der Schwangerschaft Vitamin D – Präparate zu sich genommen hatten. In dieser Studie wurde allerdings nicht untersucht, wie viel Vitamin D tatsächlich im Blut der Schwangeren vorhanden war. Die Mütter wurden lediglich befragt, ob sie in der Schwangerschaft Nahrungsergänzungsmittel eingenommen hatten.

Mangel als Allergieauslöser?

Unklar ist die Rolle von Vitamin D auch als möglicher Auslöser von anderen Allergiearten. Manche Studien sehen in dem Sonnenvitamin gar eine Schutzfunktion vor der Entwicklung allergischer Symptome wie Hautauschläge oder Asthma. Dass Vitamin D das Immunsystem beeinflusst, gilt als sehr wahrscheinlich [6]. Allergien sind so etwas wie eine Überreaktion des Immunsystems, bei denen sich die körpereigene Abwehrkräfte gegen eigentlich harmlose „Eindringlinge“ wie Pflanzenpollen oder Nahrungsmittel richten.

Eine systematische Übersichtsarbeit [5] fasst bisher durchgeführte Studien über den Zusammenhang zwischen Vitamin D und allergischen Symptomen zusammen. Das Ergebnis ist zwar nicht gut abgesichert, deutet jedoch auf eine Schutzwirkung der Einnahme von Vitamin D in der Schwangerschaft hin. In vier Kohortenstudien hatten insgesamt 4838 Kinder eine geringere Wahrscheinlichkeit, pfeifende Atemgeräusche und wiederholte Atemwegsinfekte als mögliche Vorboten eines Asthma zu entwickeln. Asthma entwickelt sich oft als Folge einer über Jahre bestehenden Allergie und entsprechender genetischer Veranlagung. In zwei der Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen mütterlicher Vitamin D – Einnahme während der Schwangerschaft und der Entstehung von Asthma beim Kind bis zum fünften Lebensjahr [5].

Vitamin D – Mangel und Sonnenlicht

Ein Mangel an Vitamin D ist besonders in Gegenden mit wenig Sonneneinstrahlung in den Wintermonaten – weit vertreitet, also auch in unseren Breiten. Dabei hat die Häufigkeit seit den 1980er Jahren zugenommen [7]. Besonders betroffen sind Kinder mit dunklerer Haut und solche, die nur wenig Sonnenlicht ausgesetzt sind, etwa weil sie sich nur selten im Freien aufhalten. Auch wenn ein leichter Vitamin D – Mangel keine unmittelbaren Folgen haben muss, kann ein über längere Zeit erniedrigter Vitamin D – Spiegel zu einer verringerten Knochendichte führen [7].

In früheren Zeiten war Rachitis als Folge eines Vitamin D – Mangels eine gefürchtete Erkankung. Dabei kommt es zu einer starken Knochenerweichung, verzögertem Wachstum, Schmerzen und Irritierbarkeit. Da die Ursache heute bekannt ist, kommt Rachitis nur mehr selten vor [7].

Ist die Haut ausreichend Sonnenlicht ausgesetzt, lässt sich ein Mangel des wichtigen Vitamins leicht vermeiden. 10 bis 15 Minuten Sonne pro Tag seien die meiste Zeit des Jahres ausreichend, meinen Experten. Nur bei geringer Sonneneinstrahlung im Winter oder in nördlicheren Breiten, oder eine dunkleren Hautfarbe könne diese Zeit zu kurz sein [7].

Sonnenlicht ist zwar eine wichtige, aber nicht die einzige Quelle für das Vitamin. Es ist auch in fettreichem Fisch, Lebertran und in geringerem Maße auch in Eiern enthalten. Manche Länder reichern auch Lebensmittel wie Milch oder Orangensaft mit Vitamin D an, um Mangelerscheinungen vorzubeugen (etwa in den USA oder Skandinavien) [7]. In Österreich gibt es eine solche verordnete Lebensmittelanreicherung nicht.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Weisse u.a. (2013)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 378 Mutter-Kind-Paare ab der Schwangerschaft
Studiendauer: 34. Schwangerschaftswoche bis zum 2. Geburtstag des Kindes
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen mütterlicher Vitamin D – Konzentration im Blut und einem erhöhten Allergierisiko für das Kind?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Weisse K, Winkler S, Hirche F, Herberth G, Hinz D, Bauer M, Röder S, Rolle-Kampczyk U, von Bergen M, Olek S, Sack U, Richter T, Diez U, Borte M, Stangl GI, Lehmann I. Maternal and newborn vitamin D status and its impact on food allergy development in the German LINA cohort study. Allergy. 2013 Feb;68(2):220-8. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Liu u.a. (2011)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 649 Kinder
Studiendauer: im Durchschnitt 2 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen mütterlicher Vitamin D – Konzentration im Blut und einem erhöhten Allergierisiko für das Kind?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Liu X, Wang G, Hong X, Wang D, Tsai HJ, Zhang S, Arguelles L, Kumar R, Wang H, Liu R, Zhou Y, Pearson C, Ortiz K, Schleimer R, Holt PG, Pongracic J, Price HE, Langman C, Wang X. Gene-vitamin D interactions on food sensitization: a prospective birth cohort study. Allergy. 2011 Nov;66(11):1442-8. (Studie in voller Länge)

[3] Jones u.a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 231 Kinder
Studiendauer: 1 Jahr
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen mütterlicher Vitamin D – Konzentration im Blut und einem erhöhten Allergierisiko für das Kind?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Jones, A. P., D. Palmer, et al. (2012). „Cord blood 25-hydroxyvitamin D3 and allergic disease during infancy.“ Pediatrics 130(5): e1128-1135. (Zusammenfassung der Studie)

[4] Nwaru u.a. (2010)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmer: 931 Kinder
Studiendauer: 5 Jahre
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen mütterlicher Vitamin D – Einnahme in der Schwangerschaft und einem erhöhten Allergierisiko für das Kind?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Nwaru, B. I., S. Ahonen, et al. (2010). „Maternal diet during pregnancy and allergic sensitization in the offspring by 5 yrs of age: a prospective cohort study.“ Pediatr Allergy Immunol 21(1 Pt 1): 29-37. (Zusammenfassung der Studie)

[5] Nurmatov u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 62 (davon 8 Studien zu Vitamin D)
Fragestellung: Können bestimmte Nährstoffe (darunter Vitamin D) Asthma und Allergien vorbeugen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Nurmatov U, Devereux G, Sheikh A. Nutrients and foods for the primary prevention of asthma and allergy: systematic review and meta-analysis. J Allergy Clin Immunol. 2011 Mar;127(3):724-33.e1-30. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] Bouillon R (2013). Vitamin D and extraskeletal health. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 3. 3. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/vitamin-d-and-extraskeletal-health

[7] Misra M (2013). Vitamin D insufficiency and deficiency in children and adolescents. In Hoppin AG (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2. 3. 2013 unter http://www.uptodate.com/contents/vitamin-d-insufficiency-and-deficiency-in-children-and-adolescents