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Alexandertechnik: Verspannungen verlernen?

Schlechte Haltung eingelernt

Schmerzender Rücken, verspannter Nacken – diesen weitverbreiteten Beschwerden ist nicht einfach beizukommen. Die Ursache dieser Beschwerden direkt an der Wurzel packen will die Alexandertechnik. Zumindest für Rückengeplagte könnte das tatsächlich funktionieren.

Frage:Hilft Alexandertechnik bei Rückenschmerzen?
Antwort:möglicherweise Ja
 
Frage:Hilft Alexandertechnik bei Nackenschmerzen?
Antwort:unklar
Erklärung:Bei unspezifischen Rückenschmerzen scheint Alexandertechnik langfristig helfen zu können. Ob dies für Nackenschmerzen auch gilt, ist unklar. Aufschluss darüber könnte eine gerade laufende Studie bringen.

Starke Verspannungen und Schmerzen im Nacken, quälendes Rückenweh – wer täglich lange im Sitzen arbeitet, kennt diese Beschwerden zur Genüge. Und hat wahrscheinlich schon einiges ausprobiert: Massagen, ergonomische Bürostühle, regelmäßige Bewegungspausen zwischendurch… doch Schmerzen und Muskelverhärtungen wollen nicht locker lassen.
 
Kreuzschmerzen zählen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt, rund ein Viertel der Bevölkerung leidet daran [5]. Bei Nackenschmerzen ist es immerhin jeder Zehnte [6]. Nur in wenigen Fällen finden Ärzte eine eindeutige, körperliche Ursache. In vielen Fällen ist unklar, was schuld an dem quälenden Leiden ist. Auslöser für Rückenschmerzen können etwa Muskelverspannungen, Fehlbelastungen, einseitige körperliche Arbeit, aber auch psychische Belastungen, Stress oder Ängstlichkeit sein. Auch für Nackenschmerzen können Muskelverspannungen der Auslöser sein [7] [8]
 
Wenn Verspannungen an den Schmerzen schuld sind, müssten spannungslösende Übungen Abhilfe schaffen können. Diese Annahme ist zumindest die Grundlage der vor etwas mehr als 100 Jahren entwickelten Alexander-Technik. Ihren Anhängern zufolge ist eine falsch angelernte Körperhaltung schuld an schmerzhaften Verspannungen. Demnach werde unsere Körperwahrnehmung mit den Jahren unzuverlässig, wir würden nicht mehr merken, wenn wir unseren Stützapparat falsch belasten. Mit Hilfe der Alexander-Technik ließen sich ungünstige Körperhaltungen und Verspannungen verlernen und durch gelöstere ersetzen.

Hinweise auf langfristige Linderung

Tatsächlich geben einige klinische Studien Hinweise darauf, dass das zumindest bei chronischen Rückenschmerzen funktionieren könnte [1] [2]. In einer Untersuchung waren die Rückenschmerzen ein Jahr nach Studienbeginn merkbar geringer, wenn die Teilnehmer ein halbes Jahr lang (24 Wochen) wöchentliche Alexandertechnik-Stunden erhalten hatten. Die Besserung hielt auch dann ein Jahr lang an, wenn die Teilnehmer nur sechs wöchentliche Alexander-Stunden in Kombination mit zusätzlich verschriebenen Bewegungsübungen bekommen hatten. Allerdings war die Schmerzlinderung bei den Teilnehmern mit 24 Wochen Behandlungsdauer am größten [1].

Ob die Alexandermethode auch bei Nackenschmerzen funktioniert, haben Wissenschaftler bis jetzt nicht klären können. Das liegt daran, dass die Technik bei betroffenen Personen noch nicht in ausreichend soliden Studien untersucht worden ist. Eine große Studie an 500 britischen Nackenschmerzpatienten ist allerdings noch im Laufen [4]. Sobald sie abgeschlossen ist, wird sich klarer zeigen, ob die Alexander-Übungen auch hier etwas bewirken können.
 

Mehr als Entspannung

Bei der Alexander-Methode handelt es sich nicht um eine klassische Entspannungstechnik, sondern um eine pädagogische Methode. Entwickelt hat sie der tasmanische Schauspieler Frederick Matthias Alexander Ende des 19. Jahrhunderts. Er litt an Stimmproblemen und er kam durch Selbstbeobachtung auf die Idee, dass unbewusste Körperverspannungen die Ursache sein könnten.
 
Zu Beginn der Behandlung versucht ein Alexander-Lehrer herauszufinden, bei welchen automatischen Körperhaltungen und Bewegungsmustern die Verspannungen auftreten. Dazu beobachtet er den Betroffenen bei alltäglichen Bewegungen wie Gehen, Hinsetzen oder Bücken. So nimmt er beispielsweise wahr, wenn eine Person beim Sitzen vor dem Computerbildschirm unbewusst ständig die Schultern hochgezogen hält.
 
Ziel ist es, sich solcher automatischen Körperhaltungen bewusst zu werden und sie zu vermeiden. Dazu dienen etwa bildliche Vorstellungen wie „den Nacken beim Sitzen am Computer lang und gelöst zu halten“. Hin und wieder korrigiert der Alexander-Trainer die Haltung der betroffenen Person auch mit sanftem Händedruck. Am Ende soll die Technik eine Hilfe zur Selbsthilfe darstellen, die auch außerhalb der Therapiestunden im Alltag umgesetzt wird.

Was sonst noch hilft

In früheren Zeiten haben Ärzte oder Ärztinnen bei Rückenschmerzen ohne bekannte Ursache häufig zu Ruhe geraten. Heute wissen Fachleute jedoch: Bewegungsmangel schwächt die Rückenmuskulatur und verstärkt die Schmerzen unter Umständen sogar. Regelmäßige Bewegung und physiotherapeutische Übungen hingegen können die Beschwerden deutlich und langfristig lindern [8]. Auch bei Nackenbeschwerden können sie Linderung verschaffen [7].
 
Möglicherweise helfen auch Mobilisationen und Manipulationen bei Rücken- und Nackenschmerzen. Bei einer Mobilisation bewegt der Therapeut oder die Therapeutin ein Gelenk langsam innerhalb des natürlichen Bewegungsspielraums. Bei einer Manipulation wendet er oder sie kleine, ruckartige Bewegungen an, die über die natürlichen Bewegungsgrenzen hinausgehen. Umgangssprachlich ist das auch als „Einrenken“ bekannt [7] [8].Es gibt Hinweise, dass auch Akupunktur gegen die Schmerzen helfen kann. Massage scheint die Beschwerden ebenfalls zu lindern, allerdings nur kurzfristig [7] [8].
 
Das eine Zaubermittel gibt es also nicht. Zumindest bei Rückenschmerzen könnte eine Kombination von Alexandertechnik mit Bewegungsübungen einen Versuch wert sein, die Beschwerden langfristig zu lindern [1].

 

Die Studien im Detail

Die Studienlage zu Alexandertechnik ist überschaubar. Im Jahr 2012 fasste ein Wissenschaftlerteam die Ergebnisse bis dahin veröffentlichter Untersuchungen zur Behandlung von Rückenschmerzen nach der Alexandermethode zusammen. Sie fanden lediglich zwei klinische Studien [1]. Im Jahr 2014 veröffentlichte ein anderes Forscherteam eine weitere kleine Studie [2] an Rückenschmerz-Patienten.
 
Die größte der drei Untersuchungen wurde an über 500 Teilnehmern durchgeführt und ist auch methodisch sauber gemacht. Die Studienautoren teilten die Personen nach dem Zufallsprinzip in acht verschiedene Versuchsgruppen ein. So wollten sie herausfinden, ob 24 Alexandertechnik-Stunden die Beschwerden besser lindern konnten als sechs Stunden der Methode, sechs Stunden Massage oder eine reine Standardbehandlung. Zusätzlich sollte die Hälfte der Teilnehmer jeder Gruppe physiotherapeutische Übungen durchführen.
 
Dies führte zu relativ kleinen Gruppengrößen und schmälerte damit die Aussagekraft der Ergebnisse etwas. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass 24 Alexanderstunden (eine Stunde pro Woche) einen langanhaltenden Erfolg brachten: die Schmerzen waren auch ein Jahr nach Studienbeginn (etwa ein halbes Jahr nach der letzten Alexanderstunde) noch deutlich geringer und traten seltener auf als vor Studienbeginn. Auch die Gruppe, die an nur sechs Alexander-Einheiten teilnahm, profitierte noch ein Jahr später – allerdings nur dann, wenn sie zusätzlich regelmäßig Bewegungsübungen durchführten.
 
Die anderen beiden Studien untersuchten deutlich weniger Teilnehmer [1] [2]. Zudem waren sie methodisch schlechter. So waren in einer davon die Hälfte der Teilnehmer nach einem Jahr aus der Untersuchung ausgeschieden [1] In der anderen [2] war die Teilnehmerzahl je Gruppe zu klein, um eine merkbare Besserung der Schmerzen statistisch bestätigen zu können. Die Ergebnisse der beiden Studien zeigen zwar tendentiell in dieselbe Richtung, sind jedoch weniger aussagekräftig. Dennoch, widersprechen sie den Erkenntnissen aus der zuvor beschriebenen großen Untersuchung nicht.
 
Die bisher einzige klinische Studie an Patienten mit Nackenschmerzen [3] ist von zu geringer Qualität, um die Wirksamkeit von Alexandertechnik beurteilen zu können. Sobald die Ergebnisse einer gerade laufenden Studie an rund 500 Teilnehmern vorliegen, sollte klarer sein, ob Alexandertechnik auch hier helfen kann [4].

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Woodman u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: u.a. 2 randomisiert-kontrollierte Studien zu Rückenschmerzen
Teilnehmer insgesamt: 579 + 91 Personen mit unspezifischen Rückenschmerzen
Fragestellung: Helfen Stunden in Alexandertechnik bei Rückenschmerzen?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Woodman JP, Moore NR. Evidence for the effectiveness of Alexander Technique lessons in medical and health-related conditions: a systematic review. Int J Clin Pract. 2012 Jan;66(1):98-112.

Zusammenfassung

[2] Little u.a. (2014)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer insgesamt: 69 Patienten mit wiederkehrenden Rückenschmerzen
Fragestellung: Helfen Stunden in Alexandertechnik bei Rückenschmerzen verglichen mit Physiotherapie oder üblicher Behandlung?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Little P, Stuart B, Stokes M, et al. Alexander technique and Supervised Physiotherapy Exercises in back paiN (ASPEN): a four-group randomised feasibility trial. Southampton (UK): NIHR Journals Library; 2014 Oct.
Volltext

[3] Lauche u.a. (2015)
Studientyp: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer insgesamt: 72 Patienten mit chronischen Nackenschmerzen
Fragestellung: Helfen Stunden in Alexandertechnik bei chronischen Nackenschmerzen versus einer Wärmebehandlung oder guided imagery?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Lauche R, Schuth M, Schwickert M, Lüdtke R, Musial F, Michalsen A, Dobos G,
Choi KE. Efficacy of the Alexander Technique in treating chronic non-specific neck pain: A randomized controlled trial. Clin Rehabil. 2015 Mar 31. pii: 0269215515578699.

Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] MacPherson u.a. (2013)
MacPherson H, Tilbrook HE, Richmond SJ, et al. Alexander Technique Lessons, Acupuncture Sessions or usual care for patients with chronic neck pain (ATLAS): study protocol for a randomized controlled trial. Trials. 2013 Jul 10;14:209. Studienprotokoll in voller Länge

[5] UpToDate
Wheeler SG, Wipf JE, Staiger TO, Deyo RA (2015). Evaluation of low back pain in adults. In Park L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2.7.2015

[6] UpToDate
Isaac Z (2015). Treatment of neck pain. In Park L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 2.7.2015

[7] IQWIG (2011)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2011). Nackenschmerzen. Abgerufen am 2.7.2015

[8] IQWIG (2012)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2011). Kreuzschmerzen. Abgerufen am 2.7.2015